Mit dem Geist von Udine

Von Norbert Pangerl
Donnerstag, 22.03.2012 | 14:22 Uhr
Nuri Sahin spielt derzeit bei Real Madrid keine Rolle
© Getty
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Als Bundesligaspieler der Saison ging es für Nuri Sahin letzten Sommer zu Real Madrid. Seitdem pendelte der türkische Nationalspieler zwischen Reha-Zentrum, Bank und Tribüne. Eine schwierige Situation, doch Sahin hat bereits bewiesen, dass er weiß, wie man zurückkommt. Mourinho scheint den Mittelfeldmann jedenfalls noch nicht abgeschrieben zu haben.

Als Nuri Sahin nach seinem Leihgeschäft bei Feyenoord Rotterdam im Jahr 2008 zu Borussia Dortmund zurückkehrte, hatten den damals 19-jährigen Mittelfeldspieler nicht mehr viele auf der Rechnung. Der jüngste Bundesligaspieler aller Zeiten und das für Arsene Wenger "größte europäische Talent unter achtzehn Jahren" hatte nach einem kometenhaften Aufstieg einen ebenso schnellen Abstieg hingelegt.

Nach 47 Bundesligaspielen für die Schwarz-Gelben nahm ihn sein Förderer Bert van Marwijk im Jahr 2007 in die Eredivisie mit. 29 Einsätze und sechs Tore später stand der frisch gebackene niederländische Pokalsieger wieder in der Strobelallee auf der Matte - und keiner wusste so recht, wohin mit ihm.

Gewinner im "Cup der Verlierer"

Seinem Naturell entsprechend eher unauffällig ging Sahin also in seine zweite Ära beim BVB. Unter Neu-Trainer Jürgen Klopp musste sich das Supertalent wieder hinter den Hajnals, Kehls und Tingas anstellen und mit dem einen oder anderen Kurzeinsatz zufrieden sein.

Die Wende zum Guten, welche drei Jahre später im triumphalen Meisterschaftserfolg gipfelte, bedeutete ausgerechnet ein UEFA-Cup-Abend im beschaulichen Udine in Oberitalien. Die Klopp-Truppe hatte in der regulären Spielzeit durch einen Doppelpack von Tamas Hajnal die 0:2-Niederlage aus dem Hinspiel ausgeglichen und musste nach torloser Verlängerung ins Elfmeterschießen.

Dort versagten Hajnal im ersten Versuch die Nerven und auch dem Rest des arrivierten Personals schien das Herz in die Hose gerutscht zu sein. Einem jedoch schien das nichts auszumachen: Nuri Sahin. Der in der 77. Minute eingewechselte Youngster schnappte sich als zweiter Schütze die Kugel und jagte sie kompromisslos in die Maschen.

Führungsspieler und Publikumsliebling

Ab diesem Zeitpunkt hatte Jürgen Klopp den gebürtigen Lüdenscheider wieder auf dem Zettel. Kontinuierlich stiegen in der Folge seine Einsatzzeiten und der Wert für die Mannschaft. Jeder im Signal Iduna Park konnte sehen, wieso Wenger einst so für diesen Jungen schwärmte. Der selbst noch blutjunge Mittelfeldspieler avancierte schnell zum absoluten Führungsspieler und wurde dank seiner überragenden Saison 2010/2011 zum Garanten für den Meisterschaftstriumph.

Kein Wunder also, dass sich Sahin die Tränen nicht verdrücken konnte, als er auf einer Pressekonferenz seinen Wechsel zu Real Madrid bekannt gab und sich 80.000 Zuschauer bei seinem Abschied im ausverkauften Stadion aus ihren Sitzen erhoben.

Unwiderstehliches Angebot aus Spanien

Zuerst konnte es Sahin gar nicht glauben, wer sich da in den Wochen zuvor auf seinem Handy gemeldet hatte. Jose Mourinho? Er dachte an einen Scherz. Doch der Portugiese war es wirklich und machte Sahin klar, dass er ihn gerne in sein Starensemble holen würde. Sahin fühlte sich geschmeichelt und dachte wohl an Mesut Özil und Sami Khedira, die im Sommer zuvor den Weg zu den Königlichen angetreten hatten und dort reüssierten.

Zehn Millionen Euro kassierte der BVB schließlich für seinen Leistungsträger, der von Mourinho mit einem Sechsjahresvertrag ausgestattet wurde. Ähnlich lange Laufzeiten kannte man zuvor hauptsächlich von Superstars wie Cristiano Ronaldo.

Verletzung, Comeback, Tribüne

Sportlich lief es für Sahin zunächst alles andere als rund. Wegen einer hartnäckigen Knieverletzung verpasste er die gesamte Vorbereitung und dadurch den Anschluss an die erste Elf der Madrilenen, die von Sieg zu Sieg eilte. Erst im November 2011 bestritt er seine ersten 24 Ligaminuten. Seitdem kamen keine mehr dazu. Im Jahr 2012 ist er der einzige Feldspieler von Real, der noch keinen einzigen Einsatz absolviert hat. Absolutes "Highlight" bisher: ein Platz auf der Ersatzbank im Champions-League-Spiel gegen ZSKA Moskau.

Für Mourinho ist die Sache klar. "Wir können keine Spieler einsetzen, die im Vergleich zu anderen weniger Leistung bringen", ging "The Special One" hart mit seiner Neuverpflichtung ins Gericht und kündigte an: "In dieser Saison wird es schwer für Sahin." Selbst dass Sahins Nationaltrainer Abdullah Avci Ende Februar Partei für seinen Spieler ergriff, konnte den 49-jährigen Portugiesen nicht erweichen: "Ich will niemanden beleidigen, aber Real Madrid ist besser als die Türkei."

Neuanfang im Sommer?

Was bleibt also für Sahin? Wechsel, Leihgeschäft (der FC Malaga scheint interessiert) oder doch noch ein Happy End? Schon jetzt vom "geplatzten Traum des Nuri Sahin" zu sprechen, dürfte allerdings verfrüht sein.

Dass Mourinho immer wieder betonte, Sahin befinde sich noch in der Vorbereitung, zeugt davon, dass er dem Deutsch-Türken nach der langen Verletzungspause Zeit gibt, sich an das Level der Mannschaft heranzuarbeiten.

Mourinho soll Sahin in einem persönlichen Gespräch mitgeteilt haben, dass er ihn noch nicht aufgegeben habe, aber erst wieder ab der nächsten Saison mit ihm plane. Ein Wechsel sei ausgeschlossen: "Er wird in der nächsten Saison hier spielen, wir erwarten aber viel mehr von ihm", so Mourinho. Gefallen dürfte ihm, dass sich Sahin stets tadellos verhalten hat und zu seiner Situation schweigt.

Egal, ob er nun wie von der "Marca" berichtet "moralisch völlig am Ende" ist oder nicht, dass Sahin das Zeug hat, sich in Madrid durchzusetzen, hat er in Dortmund bewiesen. Dass er eine zweite - im Grunde seine erste richtige - Chance verdient, ebenso.

Nuri Sahin im Steckbrief

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