Der beste Cesc aller Zeiten?

Von Daniel Reimann
Cesc Fabregas (M.) hat sich in Barcelonas Stammelf bereits etabliert
© Getty

Nach acht Jahren beim FC Arsenal kehrte Cesc Fabregas zu Saisonbeginn zum FC Barcelona zurück und strafte alle Skeptiker Lügen. Der 24-Jährige hat sich perfekt eingefügt, ist torgefährlich wie nie zuvor und macht das Barca-Spiel noch unberechenbarer. Vor dem Pokal-Clasico gegen Real Madrid (22 Uhr im LIVE-TICKER) feiert Spanien feiert die "goldene Generation", selbst sein scheinbar ärgster Konkurrent kann aufatmen.

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Pepe Reina ist längst heiser, er schwitzt, doch er brüllt unaufhörlich ins Mikrofon. Der Entertainer in ihm dreht komplett durch, als Spaniens Nationalelf nach der Rückkehr aus Südafrika gemeinsam mit den Fans ihren WM-Titel 2010 feiert.

Auf der Bühne gibt der Ersatzkeeper den Stadionsprecher, jeder einzelne Spieler wird auf sein Kommando frenetisch gefeiert: Carles Puyol, das Kopfballmonster, Andres Iniesta, der Finaltorschütze und so weiter.

"Mit der Nummer zehn", setzt Reina schließlich an und winkt Cesc Fabregas zu sich. Nichtsahnend steigt dieser unter dem Applaus seiner Mitspieler vom Podest - das "Attentat" kann beginnen.

Trikot-"Attentat" vor Publikum

Denn plötzlich stürzen Puyol und Gerard Pique auf ihn los und stülpen ihm trotz Gegenwehr ein Barcelona-Trikot über. "Die Zukunft von Barcelona! Die Zukunft von Spanien!", brüllt Reina und fordert die Masse heraus: "Ceeeeeesc...." - "Fabregaaaaas!", hallt es ihm aus über 200.000 Kehlen entgegen.

Die Mannschaft lacht, die Meute feiert, nur dem damals 23-jährigen Fabregas ist dabei offensichtlich nicht ganz wohl. Denn sein Arbeitgeber ist noch immer der FC Arsenal.

Etwa einen Monat später verkündet er: "Ich kann allen Fans versichern, dass die Gespräche (mit dem FC Barcelona Anm. d. Red.) beendet sind und ich mich jetzt zu 100 Prozent auf die Aufgaben beim FC Arsenal konzentriere."

"Einer der schönsten Tage"

Es dauert noch ein knappes Jahr, bis Fabregas endlich zu dem Klub zurückkehrt, bei dem er bis zu seinem 16. Lebensjahr spielte und der so tief in seinem Herzen verankert ist. Am 15. August 2011 ist es schließlich offiziell: Der verlorene Sohn kehrt zurück zum FC Barcelona.

"Der Tag, an dem ich bei Barca vorgestellt wurde, war einer der schönsten in meinem Leben", meint Fabregas rückblickend, wenngleich er betont: "Der Tag davor war einer der traurigsten."

Der Drang nach einer Rückkehr in die Heimat war beim gebürtigen Katalonier nach dem achtjährigen Arsenal-Intermezzo derart stark ausgeprägt, dass er durch Gehaltsabzüge fünf Millionen seiner 35 Millionen Euro schweren Ablöse selbst übernahm.

Doch nicht alle teilten seine Begeisterung, Teile der spanischen Presse reagierten skeptisch: Man befürchtete, eine Fabregas-Verpflichtung würde Supertalent Thiago Alcantara den Weg verbauen, außerdem sei die Mittelfeldzentrale ohnehin überbesetzt.

Barca noch unberechenbarer

Von jener Skepsis ist anno 2012 nichts, aber auch gar nichts mehr übrig. Fabregas rechtfertigte die jahrelangen Bemühungen um eine Rückholaktion und seine hohe Ablöse durch eine phänomenale Hinrunde.

Aufgrund der Verletzungen von Alexis Sanchez (Muskelfaserriss) zu Saisonbeginn und David Villa (Schienbeinbruch) bei der Klub-WM lief der einstige Sechser zumeist im Angriff auf, wo er eine bisher ungekannte Torgefahr offenbarte. Sein unmissverständlicher Arbeitsnachweis: 26 Scorerpunkte (15 Tore und 11 Assists) in 25 Pflichtspielen.

Doch nicht nur seine tolle Scorerquote ist eine wahre Bereicherung für Barca: Insbesondere die Art und Weise, wie er seine Tore erzielt, verleiht dem fußballerisch wohl komplettesten Team der letzten Jahre noch mehr Unberechenbarkeit.

Denn wenn es Barcelonas Offensive bisher an einem fehlte, war es das Kopfballspiel. Fabregas, mit seinen 1,80 Metern quasi der Hüne unter Barcas Stürmern, traf in der laufenden Saison bereits fünfmal per Kopf und damit häufiger, als zuvor in seiner kompletten Vereinskarriere.

Messi & Fabregas: "Goldene Generation"

Kein Wunder also, dass der Neuzugang mittlerweile in der spanischen Presse euphorisch bejubelt wird. Besonders das Duo Fabregas/Lionel Messi bringt die Medien pausenlos ins Schwärmen. Die "goldene Generation" - beide wurden 1987 geboren und durchliefen gemeinsam die Barca-Jugend - hat allerdings auch eine unverschämt gute Bilanz vorzuweisen.

Zusammen erzielte das Duo in der laufenden Saison 45 Pflichtspieltore für Barcelona. Mit Ausnahme von Real und Atletico Madrid hat kein anderes Team der Primera Division (wettbewerbsübergreifend!) mehr Tore auf dem Konto als das neue Barca-Traumduo.

Zudem legten sich die beiden bereits je vier Tore gegenseitig auf. "Es wirkt, als hätten sie nur zehn Tage nicht zusammen gespielt", frohlockte die spanische Sportzeitung "Marca" und stellte ebenso treffend wie romantisch fest: "Der Ball ist das Spielzeug, das sie vereint."

So variabel wie nie zuvor

Über die befürchtete Inkompatibilität mit seinem scheinbaren Konkurrenten Thiago hingegen spricht in Spanien niemand mehr, was angesichts der Zahlen auch wenig verwunderlich ist. Der Youngster hat sogar zwei Pflichtspieleinsätze mehr als Fabregas auf dem Konto.

Entgegen aller Warnungen wird ihm der Weg nicht verbaut, stattdessen kann er sich im Schatten der Großen Schritt für Schritt weiterentwickeln. Auch Fabregas selbst hat seit seiner Rückkehr nach Katalonien schon enorme Fortschritte gemacht. Neben seiner neuentdeckten Torgefahr präsentiert sich Fabregas variabel wie nie zuvor.

Trainer Pep Guardiola hat ihn bereits sowohl im angestammten defensiven Mittelfeld, als auch in der Offensivzentrale oder gar als vorderste Sturmspitze eingesetzt - auf allen Positionen erledigte der Spanier bislang seine Aufgaben mit Bravour.

Für immer Barcelona?

Und ganz nebenbei stemmt der 24-Jährige seit seiner Rückkehr zu Barca Trophäe um Trophäe in die Luft: In den ersten 125 Tagen holte er mit der Blaugrana mehr Titel (europäischer Supercup, Supercopa, Klub-WM) als in 2890 Tagen bei Arsenal (Community Shield 2004, FA Cup 2005).

"Es fühlt sich an, als hätte meine Karriere von neuem begonnen", schwärmt Fabregas in seinem neuen, alten Umfeld, das dafür sorgt, dass er "den Fußball genießt, wie nie zuvor".

Nach nur einem halben Jahr in der Heimat kann sich der Rückkehrer einen Weggang kaum noch vorstellen: "Ich möchte eine lange Zeit bei Barca bleiben, vielleicht beende ich hier meine Karriere."

Cesc Fabregas im Steckbrief

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