Zwischen Tollpatsch und Zidane

Von Stefan Rommel/Florian Scheitenberger
Donnerstag, 13.01.2011 | 09:43 Uhr
Mesut Özil und Sami Khedira standen in jedem Ligaspiel für Real Madrid auf dem Platz
© Getty
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In Südafrika wurde die Welt auf Mesut Özil und Sami Khedira aufmerksam. Real Madrid investierte rund 30 Millionen Euro und lockte die beiden Nationalspieler in die Primera Division. Unter Trainer Jose Mourinho gab es viele Sternstunden, aber auch schwere Rückschläge. Aber wie sind die beiden Deutschen auf und außerhalb des Platzes integriert? Wie ist ihr Standing innerhalb der Mannschaft - und wie bei den Medien? Eine Bilanz.

30. Juli

Der Wechsel von Sami Khedria zu Real Madrid ist perfekt. Khedira unterzeichnet später einen Vertrag bis 2015, der VfB Stuttgart erhält angeblich 14 Millionen Euro Ablöse. In Madrid soll er rund drei Millionen Euro netto pro Jahr verdienen.

13. August

Erster Auftritt von Khedira im Real-Trikot. Beim Franz-Beckenbauer-Cup spielt er im defensiven Mittelfeld an der Seite von Xabi Alonso 90 Minuten durch.

17. August

Nach langem Hin und Her unterschreibt Mesut Özil bei Real Madrid einen Vertrag bis 2016, die Ablöse liegt bei rund 16 Millionen Euro. Angeblich verdient Özil ab sofort fünf Millionen Euro netto pro Jahr. "Ich brauche keine Angst zu haben. Ich weiß, welches Potenzial ich habe", sagt Özil nach der Landung in Madrid.

Seinem neuen Arbeitgeber bietet er nach einer beinahe endlos langen Saison zunächst ein anderes Bild. "Özil ist sehr schüchtern", sagte ein Real-Vorstandsmitglied. "Bei seiner Ankunft wirkte er erschöpft und desorientiert."

Trotzdem jubilieren die Gazetten fast überschwänglich: "Özil ist der wahre Crack unter den Neuen, das Sahnehäubchen auf einer Torte, die immer appetitlicher ist."

18. August

Erster Arbeitstag von Özil: Gleich in der Mannschaft mit den Leibchen, Khedira spielt im B-Team. Die "AS": "Er kam, er unterschrieb, er trainierte."

Backstage: "Özil war einer der Stars der Weltmeisterschaft und passt mit seiner Spielweise sehr gut zu Reals Stil", erinnert sich Miguel Gutierrez bei SPOX an die Anfangstage der beiden Deutschen in Madrid. Gutierrez ist Reporter bei Spaniens größter Radiostation "Cadena Ser", die quasi 24 Stunden täglich über Real Madrid berichtet.

"Die Verpflichtung von Khedira war dagegen von Anfang an ein bisschen überraschend. Transfers wie dieser werden von den Fans eher beiläufig wahrgenommen. Aber wenn man Mourinhos Zeit bei Chelsea kennt, dann weiß man schnell, dass er auf diese Art Spieler steht und sie für seine Idee vom Spiel auch benötigt."

23. August

Mourinho sorgt mit einem verwegenen Plan für erstes Aufsehen: Er sieht Khedira in Notfällen als dritten Torhüter!

"Sergio Ramos und Sami Khedira verteidigen unser Tor, wenn Iker Casilla und Jerzey Dudek verletzt sein sollten. Ich habe das schon zwei Mal in meiner Karriere erlebt, das könnte wieder passieren. Also werden ab jetzt Ramos und Khedira Torwart-Training machen, so dass sie vorbereitet sind für den Fall, dass wir einen dritten Torwart brauchen", sagt Mourinho.

In Mannschaftskreisen hat Khedira offenbar schnell den Spitznamen "la maquina", die Maschine, weg.

29. August

Beim Saisonauftakt auf Mallorca sitzen beide zuerst auf der Bank. Mourinho bringt sie in der zweiten Halbzeit, das enttäuschende 0:0 können aber auch Khedira und Özil nicht verhindern.

1. September

No comprenden espanol! Mourinho kritisiert die beiden Deutschen erstaunlich scharf und ohne Vorwarnung in der Öffentlichkeit.

Der Portugiese in der spanischen Sportzeitung "AS": "Das Leben der Deutschen ist nicht einfach. Sie sprechen kein Wort Spanisch. Sie können nur 'Guten Tag' und 'Hallo' sagen. Sie können nicht mal Englisch! Sie sprechen das ein ganz klein wenig besser als Spanisch, aber das ist schwierig."

Mourinho will die beiden offenbar aufrütteln. "Das soziale Leben mit der Mannschaft ist gleich Null. Khedira lebt mit Özil und Özil mit Khedira. Ihre Integration ist nicht einfach, obwohl wir eine junge, freundliche und angenehme Truppe sind."

Unterstützung erhalten die beiden Deutschen, die mit der Nationalmannschaft in Belgien in die EM-Qualifikation starten, von Bundestrainer Joachim Löw: "Beide machen auf mich einen glücklichen Eindruck und haben erzählt, sie seien gut bei Real aufgenommen worden und fühlen sich wohl."

Backstage: Bis heute ist Mourinhos Intention seiner Aussagen nicht geklärt. Denn eigentlich ist der Trainer "ein ungemein kommunikativer Typ, der sehr viel mit seinen Spielern spricht", sagt Gutierrez. "Ihr Umgang mit Mou ist sehr auf die Arbeit beschränkt. Alles in allem gesehen gut, aber auch distanziert. Sie sprechen Mourinho mit 'Sie' an."

Özil nimmt sich eine Villa, einige Kilometer außerhalb von Madrid. 650 Quadratmeter Wohnfläche, ein Außen-Pool und ein kleiner Fußballplatz gehören dazu. Khedira wohnt in der Nähe.

Für die spanischen Medien sind sie aber undankbare Gesprächspartner. Oder gar keine. "Hier wird nach den Spielen viel mit Live-Schalten am Telefon gemacht. Man drückt den Spielern einfach ein Handy in die Hand, dann sind sie live auf Sendung. Da fallen beide als mögliche Interviewpartner aus..."

Im SPOX-Interview schildern beide ihre ersten Tage und Wochen in Madrid...

11. September

Beim Heimspiel gegen Osasuna geben beide ihr Debüt in der Startelf. Khedira spielt neben Alonso einen sauberen Part als Abräumer und hat schon erstaunlich viele Ballkontakte. Özil zeigt in einigen Szenen, worauf sich die Madridistas bald freuen können. Real würgt sich zu einem 1:0. Das Tor erzielt mit Ricardo Carvalho bezeichnenderweise ein Innenverteidiger.

Trotzdem feiert die "AS" Özil nach der Partie als einen der Besten. "Jede Aktion, an der er be­teiligt ist, ist sauber wie der Ton eines Pianos. Er trickst wie ein Hase, hat das Gift einer Spinne, das Ballgefühl eines Kalligraphen und natürlich den Blick eines Chamäleons."

18. September

Real gewinnt 2:1 bei Real Sociedad. Alonso kämpft noch mit den Nachwehen der WM-Strapazen, weshalb Khedira den Takt im defensiven Mittelfeld angibt und das Spiel lenkt. Und Özil? Der sorgt zum ersten Mal so richtig für Aufsehen.

Die "Marca" schmilzt förmlich dahin: "Junge, mit dir haben wir Halluzinationen. Diese Magie, die das Bernabeu so lange vermisst hat, hast du uns zurückgegeben."

Es ist der Auftakt der Özil-Festwochen, nachdem Khedira in den ersten Spielen von Mourinho selbst immer gelobt wurde. Nur sind den spanischen Medien das Spektakel und die dazugehörigen Protagonisten näher als die unscheinbare, aber ehrliche Arbeit eines defensiven Mittelfeldspielers.

Backstage: "Dabei war es Khedira, der der Mannschaft in den schwierigen ersten Wochen Struktur und Halt gegeben hat. Er hat die vielen kleinen Dinge geregelt, die kaum auffallen, aber umso wichtiger sind. Nicht mit Schnelligkeit oder Technik, sondern nüchtern und mit einer ungemeinen Physis", erinnert sich Gutierrez.

Khedira selbst hat die Umstellung seines eigenen Spiels erstaunlich schnell verinnerlicht. "Beim VfB und in der Nationalmannschaft spiele ich einen Tick offensiver. Bei Real geht es aber darum, intelligenter und cleverer zu agieren. Und vor allen Dingen auch Kraft sparender. Ich muss die Balance zwischen Defensive und Offensive herstellen und bin dafür verantwortlich, dass unser System nicht aus dem Ruder läuft."

Die Real-nahen Sporttageszeitungen haben aber längst einen anderen Liebling gefunden. "Mesut, du bist der Zauberer von Öz", schreibt die "Marca" nach dessen erstem Pflichtspieltor beim 6:1 gegen La Coruna. Präsident Perez vergleicht Özil völlig voreilig schon mit Zinedine Zidane.

Beide sind in der Mannschaft akzeptiert, aber natürlich keine Leader. Privat halten sich die beiden Deutschen sehr zurück. "Wir haben zwei, drei Stammlokale, in die wir gehen", sagt Özil, der seine Freizeit mit Lernen und zumeist zu Hause verbringt. Ähnlich wie Khedira. Mit Higuain, Marcelo und di Maria werden beide einige Male gesichtet.

"Sie bekommen wohl viel Besuch aus Deutschland. Über ihr Privatleben ist kaum etwas bekannt. In der Nobel-Disko Buddah del Mar, in der für gewöhnlich immer viele Real-Spieler ausgehen, wurden sie noch nicht gesehen", sagt Gutierrez.

Die Eigenständigkeit gefällt beiden aber sehr gut. Bei Real gibt es keinen Acht-Stunden-Tag wie bei den meisten Bundesligisten.

"Du hast hier viele Freiheiten und bist im Endeffekt dein eigener Chef. Ich muss wissen, was ich vor einem Spiel essen oder trinken will, um fünf Stunden später Top-Leistungen abzurufen. Ich muss wissen, ob ich abends noch weggehen will. Man geht hier anders an die Arbeit heran", sagt Khedira.

"Wir Spieler müssen uns hier nur auf den Fußball konzentrieren, alles andere übernimmt der Verein", pflichtet Özil bei.

Teil 2: Die Schmach, das Lob, der Ausblick

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