Sandros Minenfeld

Von Thomas Gaber
Dienstag, 13.07.2010 | 19:40 Uhr
Sandro Rosell wurde am 13. Juni 2010 zum Präsident des FC Barcelona gewählt
© Imago
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Sandro Rosell übernimmt den Barca-Vorsitz seines ehemaligen Freundes Joan Laporta. Der neue starke Mann gilt als intelligent und integer. Erste Amtshandlungen lassen daran zweifeln. Rosell krempelt den Klub komplett um. Viel zu gewinnen hat er nicht.

Rolf-Jürgen Otto war halbnackt. Nur mit einem Bademantel bekleidet öffnete er am 2. August 1995 die Haustür. Ohne Vorwarnung klickten die Handschellen. "Herr Otto, Sie sind verhaftet!" Vom Präsidentensessel bei Dynamo Dresden in Untersuchungshaft.

Zweieinhalb Jahre stand der Bauunternehmer aus Hessen an der Spitze des sächsischen Traditionsvereins. 1993 bewahrte Otto Dynamo vor der Insolvenz, mit Geldspritzen angeblich aus eigener Tasche. Wie sich herausstellte, jonglierte "der Dicke" mit fremdem Geld, dass er dann auch noch in Casinos verspielte.

Otto gehört zur zwielichtigen Spezies geltungssüchtiger und machtbesessener Patronen, die sich im Profifußball sonnen. Es gibt sie überall. Gigi Becali bei Steaua Bukarest, Claudio Lotito bei Lazio Rom, Jesus Gil y Gil einst bei Atletico Madrid.

Ramon Calderon, Ex-Präsident von Real Madrid, wurde von Becali 2006 zu Aufmerksamkeitszwecken benutzt. Der Steaua-Boss ritzte sich die Hand auf, um mit Calderon Blutsbruderschaft zu feiern. Calderon wurde daraufhin in der spanischen Presse heftig angegangen.

Rosell 39. Barca-Präsident

Beim FC Barcelona sind derartige "Fehltritte" undenkbar. Wer beim Stolz Kataloniens etwas zu sagen hat, muss integer sein oder in der Öffentlichkeit zumindest so rüberkommen. Vereinsgründer Hans Gamper kam aus einer Schweizer Bankiersfamilie. Kurz vor Beginn des spanischen Bürgerkriegs war Josep Sunyol Präsident, ein angesehener Richter, Journalist und Politiker in Personalunion, der 1936 von Francos Truppen erschossen wurde.

In den Gremien sitzen seit jeher katalanische Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Kultur und Politik. Vorstandschefs von großen Unternehmen, Anwälte und Professoren. Allesamt erfolgreich im Beruf und makellos, wenn es um ihr Privatleben geht. Fußballerisches Fachwissen ist nicht unbedingt ein Einstellungskriterium.

Am 13. Juni wurde Sandro Rosell zum 39. Präsidenten des Vereins gewählt. Ein smarter, gebildeter Mann mit Masterabschluss an einer renommierten Privatuniversität in Barcelona und dazu ehemaliger Nike-Chef in Brasilien. Rosell ist Nachfolger von Joan Laporta, dem promovierten Jurist mit dem J.F. Kennedy-Lächeln, der jetzt in die Politik geht, um Kataloniens Unabhängigkeit vom Rest Spaniens durchzudrücken.

Aber die Saubermänner haben in gewisser Weise etwas gemeinsam mit den Becalis. Geltungssucht und Machtbesessenheit gehören zum Repertoire, um Nebenbuhler auszustechen und Interessen durchzusetzen. 1997 wollte eine Gruppierung der Vereinsmitglieder Präsident Josep Lluís Núñez stürzen. Initiator war Laporta, der damals dem Anti-Nunez-Flügel "Elefant blau" angehörte.

Ende einer Freundschaft

Sechs Jahre später wurde Laporta als krasser Außenseiter zum Barca-Präsidenten gewählt. An seiner Seite: Sandro Rosell. Gemeinsam verkleinerten sie den 102-köpfigen Vorstand um ein Vielfaches und bauten den Schuldenstand von 193 Millionen Euro peu a peu ab.

Zwei Jahre später waren die ehemals unzertrennlichen Kumpels heillos zerstritten. "Unser Egoismus und unsere Eitelkeit schaffen es noch, dass wir am Erfolg zu Grunde gehen. Wir müssen das schnellstens korrigieren", sagte Rosell damals. Eines Abends trafen sich die Streithammel in einer Bar zur Aussprache. Heraus kam ein lächerlicher Konsens: Wir streiten weiter, lassen die Öffentlichkeit aber in dem Glauben, alles sei in bester Ordnung. Im Juni 2005 trat Rosell zurück.

Ein Jahr später veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel: "Benvingut al món real" (Katalanisch für "Willkommen in der realen Welt"). Ein Pamphlet über Rosells Erfahrungen als Nike-Manager und die Zeit bei Barca.

Teil II nannte Rosell den "dirty part". Er warf Laporta "fehlende Unabhängigkeit, Transparenz und Demokratie" vor und bezeichnete seinen ehemaligen Chef als Barcas Problem an sich.

Laporta sei ein "chronischer Lügner", der glaube, "dass die Leute einem das Geschwätz schon irgendwann abnehmen werden, wenn man die Lüge immer und immer wieder wiederholt." 2008 überstand Laporta ein Misstrauensvotum. Rosell hatte im Vorfeld kräftig gegen seinen Ex-Chef geschossen, obwohl er damals kein offizielles Amt im Verein innehatte.

Finanzielle Schwierigkeiten

Laportas Zeit ist abgelaufen, er durfte satzungsgemäß nicht mehr kandidieren. Jetzt ist Rosell an der Reihe. Bei der Präsidentschaftswahl im Juni erhielt er den größten Stimmenanteil der Barca-Geschichte.

Ein erstaunlicher Vertrauensbeweis. Schließlich ist Rosell gut mit Florentino Perez befreundet. Der Chef von Real Madrid ist Hassobjekt Nummer eins in Barcelona. Laporta hatte während seiner Amtszeit keine Gelegenheit ausgelassen, Perez für dessen Größenwahn ans Bein zu pinkeln.

Rosell tritt ein schweres Erbe an. Laporta hat aus dem FC Barcelona Europas Leader gemacht - wenn es um sportliche Erfolge geht. In seine Ära fallen zwei Champions-League- und vier Meistertitel. Barca prägt den europäischen Spitzenfußball mit einem offensiven Stil. Sieben Barca-Spieler standen im WM-Finale in Spaniens Startelf.

Laportas letzte Amtshandlung war die Verpflichtung von Valencias David Villa, der bei der WM wieder Spaniens Top-Torjäger wurde.

Die Finanzen hat aber auch er nicht in den Griff bekommen. Im Geschäftsjahr 2009 stieg der Umsatz zwar um 20 Prozent auf 223 Millionen Euro, die Nettoverschuldung stieg aber weiter auf 260 Millionen Euro. Finanzchef Joan Boix bezeichnete den Verein dennoch als "absolut solvent".

Jetzt hat Rosell aber die Karten auf den Tisch gelegt. Barca ist bei weitem nicht so gesund wie angenommen. "Wir haben einen Klub mit Verbindlichkeiten und finanziellen Problemen übernommen, aber wir werden diese Probleme lösen. Der Klub ist nicht pleite", sagte Rosell. Angeblich hat Barca einen Kredit von 150 Millionen Euro beantragt.

Neue Leute braucht der Klub

Auch wenn er in vielen Dingen mit Laporta überkreuz lag, startet Rosell infolgedessen eine ähnliche Kampagne wie sein Vorgänger. Er setzt auf einen radikalen Sparkurs.

Ein erster Vorgeschmack ist sein Zögern bei der Verpflichtung von Cesc Fabregas. Der Arsenal-Star will dorthin zurück, wo er das Fußball spielen gelernt hat. Guardiola will ihn und die Spieler benutzen sogar die große Bühne, um den verlorenen Sohn zu adoptieren. Carles Puyol und Gerard Pique stülpten Fabregas auf der Weltmeisterparty ein Barca-Trikot über den Kopf.

Rosell nennt die Schmerzgrenze für Fabregas (derzeit unter 40 Millionen Euro), die Verhandlungen überlässt er in Zukunft aber dem neuen Sportdirektor Andoni Zubizarreta. Barcas Torwart-Legende (301 Ligaspiele) übernimmt den Job von Txiki Begiristain, der seinen Dienst Ende Juni erwartungsgemäß quittierte.

"Es ist der richtige Zeitpunkt zu gehen. Joan Laporta hat mir blind vertraut. Ich glaube nicht, dass ich mit dem neuen Präsidenten ein annähernd ähnliches Verhältnis aufbauen kann", sagte Begiristian.

Unter Jaume Ferrer, Laportas Wunschkandidat für seine Nachfolge, wäre Begiristian geblieben. Ferrer hatte bei der Wahl aber keine Chance und kam mit beträchtlichem Abstand nur auf Platz drei. Auch Marc Ingla, ehemaliger Vizepräsident, wollte Begiristain behalten, landete bei der Wahl aber abgeschlagen im Hinterfeld.

Laporta ätzt gegen Rosell

Glaubt man Laporta, ist Rosell trotz der Kompetenz von Begiristian nicht traurig über dessen Abgang. "Rosell hätte Begiristian und Frank Rijkaard (Barca-Coach zwischen 2003 und 2008, d. Red.) am liebsten nach wenigen Monaten wieder rausgeworfen. Er hat mir gegenüber einmal behauptet, dass Victor Valdes, Carles Puyol und Xavi keine Siegertypen seien. Das sagt alles über seine Kompetenz", sagte Laporta kurz vor der Präsidentschaftswahl der Zeitung "As".

Neben Begiristian verlässt auch Sala i Martín, ein anerkannter Wirtschaftsprofessor an der Columbia University und Vertrauter von Laporta, den Verein. Er sei kein Spielball der Kandidaten, ließ Martin vor der Wahl verlauten.

Rosell muss die Vereinsspitze neu ordnen, aber das scheint ihm in den Kram zu passen: "Wie heißt es so schön: alte Zöpfe gehören abgeschnitten."

La Masia wird geschlossen

Der neue Barca-Boss tauscht munter aus. Narcis Julia wird Technischer Direktor der Profis. Vorgänger Albert Valentin rutscht ins zweite Glied und soll Synergien schaffen zwischen der ersten Mannschaft und dem Unterbau. Auch der Nachwuchs bekommt einen neuen Technischen Direktor. Albert Puig, ein Urgestein des Klubs, war zuvor Manager von Atletic Barcelona. Die zweite Mannschaft ist in der letzten Saison in die Segunda Division aufgestiegen.

Guillermo Amor, Mitglied des Barca-Dream-Teams unter Johan Cruyff, wird Chef der Nachwuchsabteilung. Bislang hatte Jose Ramon Alexanco das Sagen, auch Ex-Barca-Spieler, der 1988 in einen Sexskandal verwickelt war. Er soll ein Zimmermädchen in einem Hotel belästigt haben, die Anklage wurde aber aus Mangeln an Beweisen fallen gelassen.

Alexanco hat in den letzten fünf Jahren La Masia geleitet, die Talentschmiede des Vereins. Das alte Landhaus ist demnächst Geschichte. Der Klub lässt einen neuen Gebäudekomplex errichten.

Rosells Plan: Neues Gelände, neuer Chef. "Barcelona wird in den nächsten Jahren viele weitere Stars ausbilden. Wir haben dafür das richtige Equipment und die richtigen Leute mit dem entsprechendem Know-how", so der Präsident.

Mit Amor holt Rosell einen Kumpel von Pep Guardiola ins Boot. Der Coach schrieb in seinem Buch "My Football, my People" über Amor: "Wenn Barca für irgendjemanden ein Zuhause darstellt, dann für dich, Guillermo!" Kritiker werfen Rosell vor, sich damit bei Guardiola, der gut mit Laporta zurecht kam, einschleimen zu wollen.

Rosell ekelt Cruyff raus

Rosell wehrt sich gegen die Vorwürfe. Er will ein "Präsident für alle sein". Auf seiner Antrittsrede versprach er den Mitgliedern: "Ich werde Sie nicht enttäuschen." Obwohl er erst seit dem 1. Juli im Amt und Würden ist, hat er schon genug Minen gelegt. Insbesondere die öffentlich ausgetragene Schlammschlacht mit Johan Cruyff lässt an seinen diplomatischen Fähigkeiten zweifeln.

Rosell kritisierte Cruyffs Abwesenheit bei der Präsidentschaftswahl. Cruyffs Rechtfertigung kam prompt: "Ich wurde von der Fifa zur WM eingeladen und am nächsten Tag hat Holland gespielt."

Cruyff habe "mehrfach versucht, Rosell zu erreichen, aber er ist nicht ans Telefon gegangen." Die Privatfehde ist mittlerweile eskaliert. Rosell wollte Cruyffs Amt als Ehrenpräsident nicht anerkennen, weil es in den Vereinsstatuten nicht vorgesehen ist. Cruyff gab daraufhin die Insignien seiner Ehrenpräsidentschaft zurück.

Rosell muss kurzfristig Erfolge vorweisen, um seine Kritiker im Verein zu besänftigen. Daher drängt er auf eine Vertragsverlängerung mit dem allseits beliebten Pep Guardiola. Vizepräsident Josep Maria Bartomeu hat mit Guardiolas Berater einen neuen Vertrag bis 2012 ausgehandelt. "Ich hoffe, dass er noch viele Jahre hier bleibt", sagte Bartomeu.

Alles hängt in Zukunft von Sandro Rosell ab. Der neue Barca-Boss hat erste Duftmarken gesetzt. Er hat einen steinigen Weg vor sich. Angesichts der Erfolge von Laporta kann er nicht viel gewinnen.

Der Kader des FC Barcelona

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