Fussball

Carlo Ancelottis Saisonstart beim SSC Neapel: König mit Unfallpotenzial

Von Christian Schmidt
Carlo Ancelotti feierte einen gelungenen Saisonstart mit dem SSC Neapel.
© getty

Mit der Anstellung von Carlo Ancelotti hat der SSC Neapel nach der Ära von Maurizio Sarri einen klaren Neustart ausgerufen. Der anfänglichen Skepsis zum Trotz wurde der ehemalige Trainer des FC Bayern nach zwei Spieltagen zum König ausgerufen. Nach der 0:3-Klatsche gegen Sampdoria war das Gegenteil der Fall. Während die Tifosi am Vesuv nach dem dritten Scudetto der Vereinsgeschichte dürstet, bittet der Klub um Geduld.

Da stand er nun nach dem Aufeinandertreffen mit seiner alten, rot-schwarzen Liebe und sollte das zuvor Geschehene einordnen. "Es ist ein wundervoller Abend voller Emotionen für mich. Wir können uns glücklich schätzen, das erlebt zu haben und ich musste nicht mal ein Ticket kaufen", freute sich Ancelotti für seine Verhältnisse fast schon überschwänglich über den 3:2-Erfolg seines SSC-Neapel gegen seinen Ex-Verein AC Milan.

Während andere Trainer in ihrem ersten Heimspiel beim zwischenzeitlichen Ergebnis von 0:2 gegen ihren alten Verein wahlweise in Hektik oder Panik verfallen wären, mahnte Ancelotti zur Ruhe, stellte von einem 4-3-3-System auf ein 4-2-3-1 um und brachte mit den Einwechslungen von Dries Mertens und Amadou Diawara neue Impulse in sein Team.

Dass Mertens die Aufholjagd mit dem 3:2-Siegtreffer krönte, passte ins Bild von Ancelottis Auftreten eines Trainers, der alles schon mal erlebt hat und den nichts aus der Ruhe bringen kann.

Nach zwei Siegen zum Auftakt lag Napoli zwischenzeitlich gemeinsam mit Dauermeister Juventus an der Tabellenspitze, wobei Neapel beide Male in Rückstand gelegen hatte und jeweils von Ancelotti entscheidende Signale von außerhalb zum Drehen der Spiele erhielt. Prompt wurde der 59-Jährige als "König Carlo" gefeiert.

Skepsis gegenüber Carlo Ancelotti nach durchwachsener Vorbereitung

Vor dem Saisonstart konnte man dies nicht unbedingt erwarten. Wahre Jubelstürme löste die Bekanntgabe Ende Mai, dass Ancelotti den SSC Napoli übernehmen werde, bei den Anhängern der Süditaliener nicht aus. Der Fußball-Pragmatiker, der beim FC Bayern unter lautem Getöse vor die Tür gesetzt worden war, sollte die Nachfolge von Maurizio Sarri antreten, der das neapolitanische Publikum drei Jahre lang mit spektakulärem Angriffsfußball verwöhnt hatte?

Angesichts des schweren Auftaktprogramms mit Partien gegen Lazio Rom, den AC Milan sowie den AC Florenz und der durchwachsenen Saisonvorbereitung mit Niederlagen gegen Wolfsburg und Liverpool wurde schon mancherorts ein klassischer Fehlstart in die Post-Sarri-Ära befürchtet. Die lokalen Medien unkten, dass Napoli sich erst nach mehrmonatiger Anlaufzeit an Ancelottis Vorstellungen anpassen würde und rechneten Neapel keinerlei Chance im diesjährigen Meisterschaftskampf zu.

Auch Uli Hoeneß sah sich Anfang August scheinbar dazu verpflichtet, die Skepsis zusätzlich anzuheizen und verkündete im kicker, dass die Leistung der Münchner Mannschaft in der Endphase der nur kurz andauernden Ancelotti-Ära "insgesamt katastrophal" und "überhaupt nicht unseren Ansprüchen angemessen" war.

Carlo Ancelotti will Napoli reformieren, nicht revolutionieren

Nach der 0:3-Klatsche gegen Sampdoria holten Ancelotti die Untergangsszenarien der Medien und einiger Fans ein. Das Gefühlsbarometer schlug plötzlich in die andere Richtung aus. Er müsse schleunigst etwas ändern, schrieben die Gazetten.

Nun ist die Ruhe des zweifachen Welttrainers des Jahres besonders gefragt. Ancelotti ließ sich von all den Störfeuern bisher wenig aus der Ruhe bringen. Ohnehin proklamierte er schon bei seinem Amtsantritt, nicht als Revolutionär gekommen zu sein.

Ähnlich wie auf seinen vorherigen Stationen, bei denen Ancelotti sich mehr als Reformer verstand, wolle er "dem Team nicht alle guten Sachen nehmen. Wir versuchen, ein paar Dinge zu verändern, etwas direkter zu spielen."

Noch haben einige dieser Änderungen nicht zum gewünschten Erfolg geführt wie etwa die Versetzung von Marek Hamsik in die defensive Schaltzentrale. Der Slowake sollte den zum FC Chelsea abgewanderten Jorginho in seiner neuen zurückgezogenen Rolle ersetzen. Bislang blieb der Kapitän jedoch blass.

Napoli-Kapitän Marek Hamsik begrüßt neue Mentalität

Ancelotti ist ein Sympathisant des Leistungsprinzips. Das stellte er schon beim FC Bayern unter Beweis. Er scheut nicht davor zurück, große Namen auf die Bank zu beordern. Dries Mertens, dem in den vergangenen zwei Jahren 46 Pflichtspieltore gelangen, blieb in den ersten beiden Ligaspielen nur die Jokerrolle. Und Hamsik musste nach zwei durchwachsenen Partien seinen Platz räumen. Dem Erfolg hat sich unter dem "Mister" auch jeder noch so große Name unterzuordnen.

Setzte Sarri oftmals auf die identische, eingespielte Anfangself, verspricht sich die neapolitanische Führungsriege durch Ancelottis Rotationsprinzip auch die zuletzt in den Saisonendspurten oftmals vermisste Frische, um Serienmeister Juventus Turin bis zuletzt einen Zweikampf zu liefern.

Nur aufgrund einer 0:3-Niederlage die Alarmglocken zu läuten, ist verfrüht, zumal Neapel gegen die bisherigen Gegner nie hoffnungslos unterlegen war - im Gegenteil. Napoli ließ bisher insgesamt sechs Schüsse aufs Tor zu, alle sechs waren drin. Dazu kassierte der Vizemeister bereits einige Sonntagsschüsse. Zwar muss sich die Mannschaft ankreiden, noch zu viele individuelle Fehler zu machen, die taktische Balance stimmt jedoch.

"Ancelotti hat uns mit seiner offenen und einfachen Art schnell gefangen genommen. Er ist weise. Von einer Mannschaft, die gut unterhalten will, verwandeln wir uns in eine, die siegen will", fasste Kapitän Hamsik die neue neapolitanische Mentalität zusammen.

SSC Neapel: Torschussstatistik in den ersten drei Ligaspielen

GegnerSchüsseSchüsse aufs TorZugelassene SchüsseZugelassene Schüsse aufs Tor
Lazio Rom103101
AC Milan24882
Sampdoria18493

Napoli-Boss Aurelio de Laurentiis: "Hatte ein paar Unfälle erwartet"

Von Klub-Boss Aurelio de Laurentiis erfährt Ancelotti daher weiterhin starke Rückendeckung. An den Fähigkeiten des dreimaligen Champions-League-Siegers könne nur jemand zweifeln, "wer nichts von Fußball versteht", sagte der schon vor dem Saisonbeginn: "Er hat überall gewonnen, warum soll das in Neapel anders sein?"

De Laurentiis bittet die Tifosi, die endlich den dritten Scudetto der Vereinsgeschichte feiern wollen, jedoch um Geduld. "Ich war von Anfang an realistischer: Ich wusste, dass es mindestens sieben, acht Spiele dauern würde, um eine stabile Mannschaft zu haben. Ich hatte ein paar Unfälle auf der Route erwartet", sagte er gegenüber Kiss Kiss Napoli.

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