Andrea Pirlo: Ein Ufo im Juventus-Dress

Von Christian Bernhard
Freitag, 07.10.2011 | 13:09 Uhr
Andrea Pirlo wechselte nach zehn Jahren bei Milan im Mai ablösefrei zu Juventus
© Getty
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Zehn Jahre lang lenkte Andrea Pirlo das Spiel des AC Milan und gewann mit den Rossoneri alle Titel, die es zu gewinnen gibt. Im Mai unterschrieb er bei Juventus Turin einen Dreijahresvertrag und wurde in nur wenigen Wochen zum Leuchtturm des Juve-Spiels. Die Teamkollegen liegen Pirlo zu Füßen, Juve ist mit dem Mittelfeld-Regisseur an der Serie-A-Tabellenspitze.

Gianluigi Buffon haut fußballerisch so schnell nichts vom Hocker, einen Weltmeister und viermaligen Welttorhüter des Jahres schockt oder beeindruckt man nicht einfach so im Vorbeigehen. Zu viel hat der 33-jährige Juventus- und Azzurri-Keeper in seiner Karriere gesehen und gewonnen.

Anfang September verschlug es aber sogar Buffon die Sprache. "Als ich ihn am Sonntag habe vor mir spielen sehen, dachte ich mir: 'Es gibt einen Gott.' Seine fußballerische Klasse ist wirklich beschämend", sagte Buffon gegenüber "Sky Italia" und meinte damit Andrea Pirlo.

Pirlo hatte Juve davor zu einem 4:1-Auftaktsieg gegen Parma geführt. Er hatte zwei Tore wunderschön vorbereitet und das Spiel der Bianconeri von der ersten bis zur letzten Sekunde gelenkt. "In Turin standen 21 Spieler und ein Ufo auf dem Feld: Andrea Pirlo", schrieb die "Gazzetta dello Sport" am Tag nach dem ersten Pflichtspiel im neuen "Juventus Stadium".

Für Buffon stand bereits da fest: "Einen Spieler seiner Klasse zu holen - und dann auch noch gratis - war für mich das Geschäft des Jahrhunderts."

Abschied von Milan nach zehn Jahren, 401 Spielen und neun Titeln

Vier Spiele und acht Punkte später liegt Juve immer noch an der Tabellenspitze, Meister Milan hatte beim 0:2 am vergangenen Wochenende so gut wie keine Chance - auch wegen Andrea Pirlo. Das machte die Pleite für die Rossoneri noch bitterer.

Zehn Jahre lang hatte der 32-Jährige bei Milan gespielt und mit den Mailändern alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. 401 Spiele absolvierte Pirlo im Milan-Trikot und gewann insgesamt neun Trophäen - so gut wie immer spielte er dabei eine tragende Rolle.

Im Sommer lief sein Vertrag aus und bereits Wochen vorher sickerte durch, dass Pirlo nicht mehr in Milanello bleiben würde. Nach einer Saison voller Verletzungen hatte Coach Massimiliano Allegri ein erfolgreiches System ohne Pirlo gefunden und damit den Scudetto gewonnen. Pirlo war plötzlich verzichtbar geworden und verabschiedete sich unter anderem auch deshalb. "Wegzugehen war meine Entscheidung. Ich wollte etwas Neues ausprobieren und bin zu einem anderen Topklub gekommen", sagte Pirlo, nachdem er für drei Jahre in Turin unterschrieben hatte.

Nach zehn Jahren Milan war es für Pirlo zu Beginn ein ungewohntes Gefühl, nicht mehr in Rot-Schwarz aufzulaufen. Beim Vorbereitungsturnier "Trofeo Tim" im August mit Inter, Milan und Juve sagte Pirlo nach dem ersten Duell mit seinen Ex-Teamkollegen: "Ich kam mir vor wie bei einem Trainingsspiel unter der Woche in Milanello." Milan-Spieler als Gegner - ein Gefühl, das Pirlo nicht kannte.

Andrea Pirlo ist der Leuchtturm im Juve-Spiel

Im Liga-Spiel gegen Milan war davon allerdings nichts mehr zu sehen. Als ob er schon ewig im Juve-Dress gewesen wäre, lenkte er das Spiel der Turiner und führte sie zu einem Statement-Sieg: Sechs Punkte liegt Juve nun schon vor Milan - nach fünf Spielen.

Und das vor allem deshalb, weil Pirlo das Juve-Spiel strukturiert, organisiert und mit einer Prise Unvorhersehbarkeit würzt. Pirlo ist die erste Anspielstation, wenn Buffon oder die Juve-Verteidiger den Ball haben. Pirlo leitet die Offensivaktion ein, und ist kurz darauf in der Nähe des gegnerischen Strafraums, um den tödlichen Pass zu spielen oder die Aktion zu vollenden. Kurz: Pirlo ist der Leuchtturm im Juve-Spiel - und das nicht nur am Wochenende.

"Andrea ist ein Champion unter allen Gesichtspunkten. Er ist tagtäglich ein Vorbild für alle. Ihn mit so großer Intensität trainieren zu sehen, gibt mir als Trainer Kraft und treibt die Teamkollegen an", schwärmt Trainer Antonio Conte. "Er ist mein grundlegendes Vorbild im Training. Wer von meinen Spielern sieht, wie Pirlo trainiert, dem bleibt nichts anderes übrig, als zu sich selbst zu sagen: 'Ich muss einfach nur trainieren.'"

Conte und seine neuen Teamkollegen haben sich fußballerisch sofort in Pirlo verliebt. "Er ist ein herausragender Spieler. Für mich sind Xavi und er die Besten vor der Abwehr", sagt Nebenmann Claudio Marchisio. Stürmer Alessandro Matri fühlt sich geschmeichelt, mit Pirlo in einem Team zu sein: "Er ist ein wahrer Champion, seit zehn Jahren spielt er auf Topniveau. Ich glaube nicht, dass es einen anderen Spieler gibt, der seine Leichtigkeit hat. Für mich ist es eine Ehre, mit ihm zusammenzuspielen."

Bedenken über Pirlos Rolle im 4-2-4 Contes sind nach wenigen Spieltagen nicht nur weggewischt, sondern ins Gegenteil gekehrt worden: Pirlo hat das Kommando in Turin vom ersten Tag an übernommen.

"Juventus ist von Andrea Pirlo abhängig"

Seine Dominanz ist jetzt schon so groß, dass bereits die Frage aufkam, ob sie womöglich nicht zu groß sei. Catanias Sportdirektor Pietro Lo Monaco sprach nach dem 1:1 seiner Mannschaft gegen Juve das aus, was Medien und Experten bereits mutmaßten: "Juve ist von Pirlo abhängig. Hält man Pirlo in Schach, verlieren die Bianconeri viel an Qualität."

Deshalb war es wenig verwunderlich, dass die Gegner bereits nach wenigen Spielen besondere Maßnahmen trafen, wenn sie gegen Juve spielten. Pirlo kennt das Spiel - und weiß damit umzugehen: "Catania hat mich in Manndeckung genommen, deshalb habe ich mich ihnen entzogen, um meinen Teamkollegen mehr Platz zu verschaffen."

Bisher funktionierte das neue, von Coach Conte sehr gut inszenierte Juve-Gebilde auch trotz der ersten "Sonderbehandlungen" für Pirlo bestens, Marchisio und in den letzten zwei Spielen auch Arturo Vidal halten Pirlo den Rücken so gut wie möglich frei.

Der Traum von einer erfolgreichen Saison lebt in Turin - und Buffon hat sich schon mal präventiv bei Milans Geschaftsführer Adriano Galliani für Pirlo bedankt: "Als ich Galliani im Sommer zufällig traf, habe ich ihm gesagt: 'Vielen Dank, denn ihr versucht wirklich alles, die Meisterschaft ausgeglichener zu machen.'"

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