Roma-Legende Roberto Pruzzo im Interview

Pruzzo: "Totti ist ein Mittelstürmer!"

Von Interview: Christian Bernhard
Donnerstag, 22.09.2011 | 16:20 Uhr
Stürmer Francesco Totti gilt beim AS Rom als lebende Legende
© Imago
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Nach dem großen Umbruch im Sommer ist der AS Rom etwas holprig in die Saison gestartet. Vieles ist neu, doch eines ist immer gleich: In der Ewigen Stadt dreht sich alles ums runde Leder. 365 Tage im Jahr. Einer der die Römer Befindlichkeiten genauestens kennt, ist Roberto Pruzzo. Der inzwischen 56-Jährige war vor Francesco Totti der Superstar. Im Interview spricht Pruzzo über die neue Roma, seinen Nachfolger, die Fehler von Coach Luis Enrique und ein enttäuschendes Supertalent.

Der AS Rom hat im Sommer einen großen Umbruch eingeläutet: Mit dem US-Amerikaner Thomas Di Benedetto übernahm ein neuer Eigentümer die Giallorossi, als Trainer wurde der Ex-Barca-II-Coach Luis Enrique verpflichtet.

Dazu kamen elf neue Spieler, darunter Barcas Toptalent Bojan Krkic, der argentinische Youngster Erik Lamela und Simon Kjaer auf Leihbasis vom VfL Wolfsburg.

Der Start in die Saison verlief vielleicht auch wegen des großen Einschnitts sehr holprig. In den Europa-League-Playoffs kam das überraschende Aus gegen Slovan Bratislava, in der Liga holten die Römer nur einen Punkt aus zwei Spielen - zu wenig für die Tifosi in der fußballverrückten Hauptstadt Italiens.

Roberto Pruzzo kennt das heiße Umfeld Roms bestens, denn der 56-Jährige ist eine Roma-Legende. Der Mittelstürmer hielt mit 106 Treffern für die Giallorossi den Vereinsrekord, ehe er 2005 von Francesco Totti überflügelt wurde.

Pruzzo gewann in den 80er Jahren mit der Roma einen Scudetto, viermal den Pokal und stand im Cup-der-Landesmeister-Finale 1984, außerdem wurde er im Roma-Dress dreimal Torschützenkönig. Gäbe es Totti nicht, wäre er wohl immer noch Vereinslegende Nummer eins der Giallorossi.

SPOX: Wie hat Ihnen die Roma beim 0:0 gegen Inter gefallen?

Roberto Pruzzo: Sagen wir's so: Sie hat mich nicht vom Stuhl gerissen. Die Mannschaft muss erst zueinander finden, das braucht Zeit. Luis Enrique versucht gerade, aus qualitativ guten Einzelspielern ein Team zu formen - bisher haben wir aber noch wenig gesehen.

SPOX: Zu sehen war bereits Luis Enriques Handschrift: Viel Ballbesitz, viele Kurzpässe.

Pruzzo: Ja, aber mit Ballbesitz alleine gewinnt man keine Spiele. In zwei Spielen gab es erst einen Punkt und noch kein Stürmertor. Es gibt noch viel zu tun und vielleicht täte er gut daran, nicht zu viele Spieler zu rotieren und sich auf ein grundsätzliches Mannschaftsgerüst festzulegen.

SPOX: Die große Frage ist: Wird Enrique die Zeit bekommen, um seine Ideen zu verwirklichen?

Pruzzo: Bis jetzt ja, das Vertrauen in den Trainer ist sehr groß. Klar braucht er Zeit, aber wenn sich die Resultate nicht einstellen, wird es nicht nur in Rom problematisch.

SPOX: Rom ist eine ganz spezielle Fußball-Stadt mit einem äußerst feurigen Umfeld. Was macht Rom so besonders?

Pruzzo: Rom ist eine schwierige Fußball-Stadt, da die Römer pausenlos an den Fußballern hängen. Hier können Spieler bereits nach zwei Minuten abgeschrieben werden, andere hingegen, die es sich womöglich nicht groß verdienen, werden in den Himmel gehoben. Die Stadt ist manchmal zu sehr in den Fußball verliebt. In Rom wird von Montag bis Montag nur über Fußball gesprochen. Das kann auch gefährlich sein, besonders für die jungen Spieler.

SPOX: Ex-Roma Coach Claudio Ranieri, der neuer Inter-Coach wird, hat erst kürzlich gesagt, in Rom sei der Druck manchmal nicht auszuhalten.

Pruzzo: In Italien ist das Interesse am Fußball generell sehr hoch, das ist auch in anderen Städten so. Aber in Rom ist es noch einmal verstärkter.

SPOX: Von Francesco Totti stammt der Spruch: "Ein Scudetto in Rom ist gleichbedeutend mit zehn in einer anderen Stadt."

Pruzzo: Zehn ist etwas übertrieben, das ist zu viel. (lacht) Aber Rom lechzt einigen knapp vergebenen Meisterschaften hinterher, eigentlich hätte die Roma mindestens drei Scudetti mehr gewinnen müssen. Auch deshalb ist es hier schwieriger als in anderen Städten.

SPOX: War das zu Ihrer Zeit ähnlich? Oder ist der Druck heute größer?

Pruzzo: Nein, das hat sich nicht groß verändert. Im Unterschied zu unserer Zeit sind jetzt neue Eigentümer da. Jetzt gilt es abzuwarten, wohin die Zukunft des Vereins führt.

SPOX: Was halten sie von den neuen Eigentümern?

Pruzzo: Gut ist, dass der Verein nach Jahren der Untätigkeit wieder auf dem Transfermarkt aktiv war: Gleich elf neue Spieler sind gekommen. Die neuen Bosse müssen jetzt schnell begreifen, dass der Fußball in Italien alles ist. Dann gilt es abzuwarten, ob sie ihre Business-Ideen von den USA nach Italien transportieren können.

SPOX: Der Mittelpunkt der Roma - auf und neben dem Platz - ist und bleibt Francesco Totti. Welches Verhältnis pflegen Sie zum Kapitän?

Pruzzo: Wir haben ein sehr gutes Verhältnis. Ich kenne ihn, seit er ein Junge war und habe ihn fußballerisch aufwachsen sehen. Als ich der Verantwortliche des Jugendsektors der Roma war, habe ich ihn immer wieder zu den Älteren hochgezogen, denn er war einfach um Klassen besser als die anderen. Er begann als Mittelfeldspieler, dann hat er auf der Zehn gespielt und dann wurde er zum Mittelstürmer und hat Tor um Tor erzielt. Momentan spielt er auf einer Position, die nicht die seine ist. Ich bin sehr skeptisch, was seine momentane Rolle auf dem Platz betrifft.

SPOX: Wo sehen Sie ihn?

Pruzzo: Francesco ist ein Mittelstürmer. Punkt! Er hat in den fünf vergangenen Serie-A-Saisons insgesamt 82 Tore geschossen. Jetzt spielt er viel weiter vom Tor weg, fast schon im Mittelfeld. Das ist nicht seine Rolle. Obwohl er 35 Jahre alt ist, macht er im Strafraum immer noch den Unterschied.

SPOX: Tottis Einfluss auf den Verein ist riesig. Ist er manchmal vielleicht zu groß? Entstehen für den Verein durch seine starke Persönlichkeit auch Probleme?

Pruzzo: Unabsichtlich vielleicht ja, aber nicht, weil er das will. Totti ist eine seriöse Person, er ist Profi durch und durch. Er akzeptiert die Entscheidungen des Trainers und setzt sich ohne Probleme auf die Bank, aber die Öffentlichkeit macht jedes Mal ein Riesen Fass auf, wenn er nicht spielt.

SPOX: Daniele De Rossi, der designierte Totti-Nachfolger, hat vergangene Woche gesagt, er glaube nicht, dass die Roma in dieser Saison etwas gewinnen wird.

Pruzzo: In Rom sind wir es gewohnt, nicht zu gewinnen. (lacht) Der Fußball ist sehr schnelllebig. Momentan passt es hier, der Enthusiasmus ist sehr groß. Aber sollte die Roma in ein paar Monaten immer noch nicht erfolgreich spielen, wird es zum Problem.

SPOX: Kann so eine Aussage, so kurz nach Saisonstart, nicht auch kontraproduktiv sein und den Spielern womöglich ein Alibi geben?

Pruzzo: Durch das Aus in den Europa-League-Playoffs hat die Saison ganz schlecht begonnen, dieser Wettbewerb hätte ein wichtiges Ziel werden können. Jetzt heißt es einfach nur arbeiten und sich für die kommende Saison für Europa zu qualifizieren - auch wenn das sehr schwer wird. Das wichtigste ist meiner Meinung nach, dass die Mannschaft in dieser Saison zusammen wächst und sich die vielen jungen Spieler weiter entwickeln. Dann können kommendes Jahr andere Ziele angestrebt werden.

SPOX: Wie lange wird es dauern, bis die Roma wieder in entscheidenden Champions-League-Spielen zu sehen sein wird?

Pruzzo: Jetzt eine zeitliche Prognose abzugeben, wäre zu gewagt. Vielleicht hat sich die Mannschaft in drei Monaten schon gefunden, vielleicht braucht sie aber auch viel länger. Ich kann jetzt weder sagen:"Die Roma kommt unter die ersten Drei" noch "Die Roma landet auf Platz zehn".

SPOX: Von welchen der vielen Neuen erhoffen Sie sich am meisten?

Pruzzo: Von Miralem Pjanic, der ein sehr interessanter Spieler ist, und von Erik Lamela. Sie müssen sich so schnell wie möglich eingewöhnen und der Mannschaft mit ihren Qualitäten helfen.

SPOX: Von Bojan Krkic war bisher wenig zu sehen.

Pruzzo: Bojan hat bisher enttäuscht. Anscheinend leidet er unter dem großen Druck, der momentan auf ihm liegt.

SPOX: Stadtrivale Lazio hat mit Miroslav Klose und Djibril Cisse im Sommer zwei gestandene Angreifer geholt. Was halten Sie als Ex-Topstürmer von Klose?

Pruzzo: Er hat gut begonnen. Klose ist ein Spieler, der in Italien seine Tore machen kann. Ich glaube, dass Lazio den richtigen Spieler geholt hat. Aber es ist auch für Lazio in Rom nicht leicht. Momentan gibt es viele Polemiken: Coach Edi Reja wird von Teilen der Fans ausgepfiffen, die ihm vorwerfen, er habe Mauro Zarate zu Inter ziehen lassen. Sehen Sie, die Situation ist auch für Lazio kompliziert.

Roma-Legende Roberto Pruzzo im Steckbrief

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