Die Antwort auf Lazios Bomber-Sehnsucht

Von Christian Bernhard
Donnerstag, 09.06.2011 | 17:38 Uhr
Miroslav Klose wechselt nach vier Jahren in München zu Lazio Rom
© Imago
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Venlo

Miroslav Klose ist seit Mittwochnacht offiziell ein Spieler von Lazio Rom. Nach vier Jahren in München stürmt der 33-Jährige ab der kommenden Saison für die Italiener. Wieso entschied sich der DFB-Stürmer für Lazio? Mehrere Gründe könnten den Ausschlag für die Römer gegeben haben.

Am späten Mittwochabend, genau gesagt um 23.11 Uhr, fand das wochenlange Verwirrspiel um Miroslav Klose ein Ende. "Miroslav Klose ist ein Lazio-Spieler", hieß es da kurz und knapp auf der Vereins-Homepage der Römer. Galatasaray und Valencia waren endgültig aus dem Rennen.

Kloses Unterschrift unter den Vertrag, der laut Berater Alexander Schütt über drei Jahre geht und ihm jährlich zwei Millionen Euro netto plus Prämien einbringen soll, erfolgte nur Minuten vor seinem 33. Geburtstag, zu dem er gleich ein zweites Vereinsstatement bekam: "Der 9. Juni ist ein spezieller Tag für Miroslav Klose, der seinen 33. Geburtstag mit der Lazio-Familie feiert."

Laut übereinstimmenden italienischen Medienberichten unterschrieb Klose einen Zweijahresvertrag mit Option auf ein drittes. Klose selbst sagte in seinem ersten Statement im Vereinsradio "Lazio Style Radio", dass er sich sehr auf das neue Abenteuer freue und dass er daran glaubt, "dass wir um die ersten Plätze kämpfen können."

Miroslav Klose braucht Spielpraxis

Lazio Rom also, der Verein, für den auch schon Karl-Heinz Riedle und Thomas Doll stürmten. Viele Fußballfans in Deutschland fragen sich nun: Warum ausgerechnet Lazio?

Für Klose stand die sportliche Perspektive im Mittelpunkt, er will bis zur WM 2014 in Brasilien eine feste Größe in der Nationalmannschaft sein. Er will unbedingt seinen Stammplatz im DFB-Team vor dem Angriff von Mario Gomez verteidigen und braucht dafür vor allem eins: Spielpraxis.

Bei Lazio spricht alles für ihn, die Vereinsführung um Präsident Claudio Lotito und Trainer Edi Reja hat Klose bereits bei einem Treffen im Mai versichert, ihn zum Fixpunkt im Angriffsspiel zu machen. "Für ihn war die sportliche Perspektive von Lazio ausschlaggebend für seine Entscheidung", sagte Lazios Sportdirektor Igli Tare gegenüber "Sport1".

In Valencia hingegen hätte er sich mit der starken Konkurrenz von Roberto Soldado, Juan Manuel Mata und Aritz Aduriz auseinandersetzen müssen: Unangenehme Klienten im Kampf um einen Stammplatz.

Lazio hat dagegen bereits vor Tagen damit begonnen, den bisherigen Mittelstürmer Sergio Floccari an den Mann zu bringen. Parma ist ein heißer Kandidat.

Galatasaray hätte Klose zwar noch ein besseres Gehalt geboten, allerdings soll sich seine Ehefrau gegen einen Wechsel nach Istanbul ausgesprochen haben. Kloses Kinder sind jetzt im Einschul-Alter. Auch ein sehr lukratives Angebot von Trabzonspor schlug er wohl deshalb aus.

Lazios lange Suche nach einem Mittelstürmer

Bei Lazio stillt Klose die seit langem herrschende Sehnsucht nach einem Top-Stürmer. Einem Bomber, wie es in Italien heißt. So werden die Stürmer genannt, die eine ordentliche Anzahl an Toren pro Saison garantieren. Typen wie David Trezeguet oder Alberto Gilardino.

"Die Abschlussschwäche war das Hauptproblem unserer Saison", gab Reja unumwunden nach Saisonende zu. Der Coach hatte schon im Januar vehement auf den Kauf eines Stürmers gedrängt, der Verein entsprach seinem Wunsch aber nicht. Verteidiger Andre Diaz war im Mai noch direkter: "Der Verein hätte im Winter einen Bomber verpflichten müssen. Gilardino wäre perfekt gewesen."

Die Fans erhoffen sich von Klose nicht nur Tore, sondern auch Leaderqualitäten. "Willkommen Bomber. Schnapp dir die Teamkollegen, die auf dem Feld nicht mitziehen", schrieb ein Fan im Lazio-Forum. Ein anderer Laziale postete: "Mit Miro und Lorik Cana möchte ich sehen, wie sich andere Spieler nicht mehr an die Ordnung halten."

Gemeint war damit speziell Mauro Zarate. Der junge Argentinier ist neben Hernanes Lazios versiertester Spieler, tanzte mit taktischen Unzulänglichkeiten und mangelndem Einsatz aber immer wieder aus der Reihe.

Coach Reja führt Lazio nach oben

Trotz dieser Problemchen hat sich die Gesamtlage von Lazio in der vergangenen Saison deutlich stabilisiert. Vor 14 Monaten steckten die Biancocelesti noch mitten im Abstiegskampf, Reja führte das Team seit seiner Ankunft im Februar 2010 aus dem Keller und in dieser Saison in die Europa League.

Die Champions-League-Qualifikation verpasste er nur aufgrund der schlechteren Tordifferenz im direkten Vergleich mit Udinese. Reja holte in seiner Zeit als Lazio-Coach im Schnitt 1,72 Punkte - eine gute Marke.

Durch Rejas solide Arbeit stabilisierte sich auch das gesamte Umfeld. Vor Reja war das Chaos im Verein omnipräsent, Trainer kamen und gingen, die Unruhe war ein ständiger Begleiter. Thomas Hitzlsperger kann ein Lied davon singen, er packte im Juni 2010 nach nur einem halben Jahr und sechs Einsätzen seine Koffer und flüchtete nach England, weil er sich in der ewigen Stadt nicht durchsetzen konnte.

Mauri, Hernanes und Zarate als Unterstützung

Klose hingegen findet jetzt ein ruhigeres Klub-Umfeld vor. Das sportliche Projekt mit Reja, das den Verein beinahe in die Champions League geführt hat, wird Schritt für Schritt weitergeführt. Bei Lazio scheint endlich Kontinuität einzutreten. "Ich möchte die Entwicklung dieser Mannschaft hervorheben. Von der Abstiegszone im letzten Jahr sind wir bis auf Rang fünf vorgestoßen. Auf die 66 Punkte lässt sich aufbauen", sagte Reja.

Klose wird in Rejas bevorzugtem 4-2-3-1-System nicht nur Mittelstürmer, sondern der zentrale Offensiv-Bezugspunkt sein, um den die Dreierreihe Mauri-Hernanes-Zarate kreist. Kapitän Tommaso Rocchi, der einen großen Teil der abgelaufenen Saison verletzungsbedingt verpasste, und der tschechische Youngster Libor Kozak sind die Alternativen zu Klose, müssen sich aber erstmal deutlich hinten anstellen.

Kozak ist ein bulliger, körperlich starker Angreifer, Rocchi ein erfahrener Strafraumstürmer. "Libor hat eine sehr gute Saison hinter sich und noch viel Luft nach oben", lobt Rocchi den 22-Jährigen. Beide werden darauf hoffen, dass Reja wie auch schon in der vergangenen Saison zwischendurch mit zwei klassischen Stürmern spielen lässt.

Marchetti und Cana könnten kommen

Kloses Eingewöhnung an das neue Land und die neue Sprache könnte Stephan Lichtsteiner erleichtern. Allerdings ist noch fraglich, ob Klose den Schweizer Nationalspieler beim Trainingsbeginn am 7. Juli antreffen wird, denn Juventus arbeitet hartnäckig an einem Transfer des Rechtsverteidigers.

Sicher ist, dass Klose nicht das letzte neue Gesicht bei Lazio sein wird. Der Bosnier Senad Lulic von den Young Boys Bern ist so gut wie verpflichtet, Lorik Cana von Galatasaray soll bald folgen.

Nachfolger des vor dem Absprung stehen Torhüters Fernando Muslera wird aller Voraussicht nach Federico Marchetti von Cagliari. "Wir werden eine starke Mannschaft auf die Beine stellen", versprach Sportdirektor Igli Tare, bevor er mit Klose am Mittwochabend in einem bekannten Römer Restaurant verschwand.

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