Sampdorias tragischer Abstieg

In neun Monaten von Bremen nach Gubbio

Von Christian Bernhard
Dienstag, 31.05.2011 | 18:46 Uhr
Sampdoria-Kapitän Angelo Palombo entschuldigte sich nach dem Abstieg weinend bei seinen Fans
© Getty
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Sampdoria Genua muss in Italien den bitteren Gang in die 2. Liga antreten. Dabei spielten die Norditaliener im vergangenen August noch in der Champions-League-Qualifikation. Die Verkäufe von Antonio Cassano und Giampaolo Pazzini konnten allerdings nicht kompensiert werden.

Gubbio ist eine 33.000-Seelen-Stadt in Umbrien, im Herzen Italiens. Bekannt wurde das Städtchen durch Franz von Assisi, der nach seinem Weggang aus Assisi Unterschlupf in Gubbio fand. Außerdem residiert Terence Hill dort.

Für die Sampdoria-Fans steht Gubbio seit dem 15. Mai stellvertretend für eine rabenschwarze Saison. Warum? Am 15. Mai stieg Sampdoria in die Serie B ab und trifft damit in der kommenden Saison auf die AS Gubbio 1910. "In neun Monaten von Bremen nach Gubbio", heißt es in einem Internet-Forum der Samp-Fans. "Danke aus tiefstem Herzen, Herr Präsident. Jetzt ist der berühmte Plan 'B' perfekt."

Abstieg 20 Jahre nach dem Scudetto

Bremen, das war Sampdorias Realität im August 2010. Die Blucerchiati standen mit mehr als nur eineinhalb Beinen bereits in der Gruppenphase der Champions League, ehe Markus Rosenbergs Schuss in der Nachspielzeit den Anfang von Samps CL-Ende bedeutete. Die neue Realität heißt Gubbio: Nach 1947 kehrte die AS Gubbio 1910 in dieser Saison erstmals wieder in die Serie B zurück und wird dort auch auf Sampdoria treffen. Für die Samp-Spieler heißt es jetzt Pietro-Barbetti-Stadion statt Weser-Stadion.

Vorbei sind die Zeiten der großen Sampdoria, die vor 20 Jahren mit dem Traumsturm Gianluca Vialli/Roberto Mancini einen historischen Scudetto gewonnen hatte. Vialli und Mancini werden heute noch wie Götter in Genua verehrt, die Erinnerungen an den Meistertitel sind bei vielen Tifosi noch frisch.

Umso tragischer erscheint der jetzige Abstieg, denn er kam in jener Phase, als zwei legitime Nachfolger für Vialli und Mancini gefunden schienen: Antonio Cassano und Giampaolo Pazzini. Das Duo hatte den Verein in der vergangenen Spielzeit mit insgesamt 28 Toren in die CL-Quali geschossen.

Cassano und Pazzini verließen den Verein

Wenige Monate später war die Euphorie aber schon verflogen - und die Torzwillinge nicht mehr in Genua, sondern in Mailand. Cassano hatte sich nach einer heftigen Attacke gegen Präsident Riccardo Garrone quasi selbst entlassen und war zu Milan gewechselt, Pazzini kurz vor Ende der Januar-Transferfrist bei Inter unterschrieben. Dieser Verkauf sollte der Anfang vom Ende sein.

Die Samp belegte damals den komfortablen neunten Rang, sechs Punkte hinter Udine auf Rang acht. Ohne Pazzini gewann Sampdoria dann noch zwei Ligaspiele - in 18 Versuchen. Udine hingegen arbeitete sich auf CL-Rang vier hoch.

"Die Klasse von Cassano und die Tore von Pazzini haben uns gefehlt, aber auch ohne sie waren wir kein Abstiegskandidat", analysierte Vize-Präsident Edoardo Garrone trotzig nach dem Abstieg. "Es wurden Fehler gemacht und wir mussten schwierige Situationen in unserem Ambiente meistern."

Mit "schwierige Situationen" spielt Garrone jr. auf das spannungsgeladene Verhältnis mit den Ultras an, die dem Team in den vergangenen Wochen im Abstiegsfall sogar den Tod angedroht hatten. Vor dem letzten Saisonspiel in Rom blockierten die Ultras das Trainingsgelände, das Training musste abgesagt werden.

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Team war nicht auf den Abstiegskampf eingestellt

Die äußerst angespannte Stimmung war für das Team eine zusätzliche Belastung im Abstiegskampf, die Situation entwickelte eine Eigendynamik und der Niedergang verselbstständigte sich. Es entstand die klassische Situation einer Mannschaft, die mit komplett anderen Zielen in die Saison gestartet war und auf vieles, aber nicht auf den Abstiegskampf eingestellt war. Der Druck von außen und die Unerfahrenheit in Kampf ums sportliche Überleben waren schließlich zu viel für den Verein. Die "Repubblica" titelte: "Die Geschichte eines Selbstmordes."

Nur ein Sieg und mickrige sechs Punkte aus den letzten 14 Ligaspielen sprechen eine eindeutige Sprache. "Nicht einmal ein Monat vor Saisonschluss hätte ich gedacht, dass die Samp absteigt. Ich war überzeugt davon, dass sie da irgendwie raus kommen würden", sagte Torhüter Luca Castellazzi, der den Verein im Jahr zuvor in die CL-Quali geführt hatte - und mittlerweile auch bei Inter unter Vertrag steht.

So wie Castellazzi ging es vielen Sampdoria-Fans - bis zu jenem 15. Mai und dem 1:2 gegen Palermo, das den Abstieg endgültig besiegelte.

Das Bild des Jahres: Palombo entschuldigt sich vor der Kurve

Alles, was den Tifosi geblieben ist, ist das emblematische Bild des Niedergangs: Der weinende Kapitän Angelo Palombo, der von der Mittellinie alleine in die Kurve geht, sich dort entschuldigend vor den Fans verbeugt und dabei beklatscht wird. Dabei musste Palombo, der seit neun Jahren für Sampdoria aufläuft, von einem Teambetreuer gestützt werden.

"Palombo weinen zu sehen, war wie ein Stich ins Herz. Die Samp-Fans haben die Serie B nicht verdient", sagte Pazzini, der immer noch sehr am Verein hängt. Lernen, damit umzugehen, müssen die Samp-Fans jetzt trotzdem - und den Spott des Lokalrivalen gibt es gratis obendrauf.

Bereits während des letzten Heimspiels der Saison überhäufte die FC-Genua-Kurve den abgestiegenen Rivalen mit Gesängen und Plakaten wie "Sprecht Cavasin (Sampdoria-Coach, Anm d. Red.) sofort heilig" und "Entschuldigung, kennen sie den Weg nach GuBBio?". Danach zelebrierten 30.000 FC-Fans in den Straßen Genuas das Begräbnis der Samp - inklusive Sarg und verkleideten Priestern.

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