Cassano: "Ich hätte umgebracht werden müssen"

Von Christian Bernhard
Dienstag, 01.12.2009 | 19:38 Uhr
Geläutert und in bestechender Form: Antonio Cassano, Sampdorias Offensivgenie
© Getty
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Antonio Cassano ist das Enfant terrible des italienischen Fußballs. Der Stürmer von Sampdoria Genua blickt bereits mit 27 Jahren auf eine Karriere voller Skandale, Exzesse und Eskapaden zurück. Ein Porträt über den Ex-Real- und Roma-Spieler, der in Genua zur Ruhe gekommen ist und sich mit tollen Leistungen für Italiens WM-Team aufdrängt, dabei aber auf wenig Gegenliebe bei Weltmeister-Trainer Marcello Lippi stößt.

Das Freundschaftsspiel zwischen Italien und der Niederlande am 14. November in Pescara war kein Fußballfest. Viele Fouls, keine Tore, die Zuschauer kamen nicht wirklich auf ihre Kosten - bis ein Störenfried das Spielfeld stürmte. Der Mann trug ein Superman-Trikot mit der fetten Aufschrift "Cassano ins Nationalteam". Am Tag darauf war es das Thema des Spiels.

Mit dieser Meinung steht der Flitzer in Italien nämlich alles andere als alleine da. Vielmehr sieht es ganz Fußball-Italien genauso. Nach der Meinung vieler soll Antonio Cassano, der exzentrische Superstar von Sampdoria Genua, die Azzurri mit seiner Kreativität und Unberechenbarkeit in Südafrika fußballerisch anführen. "Als ich ein kleiner Junge war, habe ich nicht von Geld, Frauen oder Autos geträumt, sondern vom Nationaltrikot. Das ist heute noch so", betont der 27-Jährige.

Unvergessen sind seine Tränen der Enttäuschung, nachdem die Azzurri bei der EM 2004 in der Vorrunde an Dänemark und Schweden gescheitert waren. Außerdem kam der Spielmacher am 12. Juli 1982 zur Welt - ein Tag nach Italiens WM-Triumph in Spanien.

Erste Skandale und ein Ritterschlag von Capello

Sonntag für Sonntag macht Cassano in Italiens Stadien Werbung in eigener Sache. Er hat Spielwitz, ist der perfekte Vorlagengeber, selbst torgefährlich und hat Sampdoria zu einem Spitzenteam gemacht. Für Fabio Capello ist er zusammen mit Ronaldo "der beste Spieler, den ich je trainiert habe".

Nur Italiens Nationalcoach Marcello Lippi ließ sich noch nicht beeindrucken, was vor allem an Cassanos Vergangenheit und fragwürdigem Charakter liegen dürfte. Denn so ruhig und zuverlässig wie jetzt in Genua war er noch nie.

Cassanos Vita ist eine außergewöhnliche Achterbahnfahrt, voll von Skandalen und Exzessen. Alles begann mit einem Traumtor 1999 im zarten Alter von 17 Jahren gegen Inter Mailand (VIDEO). "Dieses Tor hat mein Leben verändert. Dadurch wurde ich berühmt, damit kam das große Geld", erzählt Cassano.

Am Tag darauf fuhr er mit dem vom Bari-Präsidenten geschenkten Golf direkt auf das Trainingsfeld und zerpflügte den Rasen. Es war seine erste öffentliche Eskapade - aber bei weitem nicht die letzte. Schnell tauften die Italiener seine verrückten Auftritte "Cassanate". Über sein erstes Tor sagt Cassano heute: "Hätte ich dieses Tor nicht geschossen, wäre ich ein Räuber oder Verbrecher geworden."

"Rudi Völler? Er ist ein netter Mann, aber kein Trainer"

Doch der Fußball-Gott hatte anderes mit ihm vor, Cassano wurde ein Superstar und wechselte im Sommer 2001 für umgerechnet 30 Millionen Euro zur Roma. Dort machte er munter mit dem weiter, was er am besten konnte: Unruhe stiften. Zumeist bekamen das seine Trainer zu spüren, Rudi Völler kann ein Lied davon singen.

"Völler soll ein Trainer gewesen sein? Er war eine nette Person, aber mit dem Trainerjob hatte er nichts am Hut. Ich weiß nicht, was er bei uns gemacht hat. Er hat eigenartig gesprochen, keiner hat ihn verstanden und nach fünf Spieltagen war er weg", erzählt Cassano, der Völler während dessen kurzen Engagements als Roma-Coach "Rockefeller" nannte.

Fabio Capello hatte es in der italienischen Hauptstadt vier Jahre mit Cassano zu tun - vier Jahre, die ihn einiges an Nerven kosteten. "Ich habe mich in meinem Leben selten entschuldigt, aber bei Capello muss ich das. Ich war unausstehlich, eigentlich hätte ich für mein Verhalten ihm gegenüber umgebracht werden müssen", bedauert der 27-Jährige heute. "Ich hatte keine Lust aufs Training, vormittags kam ich, wann ich wollte und legte mich dann auf die Massage-Bank und schlief. Er hat so oft ein Auge zugedrückt. Wenn ich nur auf 30 Prozent seiner Ratschläge gehört hätte..."

Parties, Unfälle mit 180 km/h und geplatzte Millionenverträge

Cassano machte stattdessen die Nacht zum Tag. Wo eine Party war, war Cassano - egal ob in Rom, Mailand oder Neapel. Kurzum: "Wir fuhren überall hin."

Einer dieser Ausflüge wurde ihm beinahe zum Verhängnis. "Ich hatte einen Unfall um vier Uhr früh mit 180 km/h, weil ich als Fahrer mit einer Hand telefonierte und mit der anderen SMS schrieb." Cassano hatte riesiges Glück, außer ein paar Schürfwunden war ihm nichts passiert. Um den Unfall zu vertuschen, rief er seinen Cousin an, schmierte ihm Blut ins Gesicht und setzte ihn ans Steuer: "Dann rief ich den Krankenwagen."

Trotz alldem hielt Capello oft seine schützende Hand über Cassano. "Ich weiß, wie sehr er mich geschätzt hat. Vielleicht war ich sogar sein größter Liebling", so Cassano, der zwar brilliant Fußball spielte, aber sein Leben nicht im Griff hatte.

VIDEO: Cassano und Totti in perfektem Zusammenspiel

Ein weiteres Beispiel dafür: "2005 stand ich vor der Vertragsunterzeichnung mit einer amerikanischen Ausrüsterfirma. Die Jungs machten aber einen Fehler bei der Farbe meiner Schuhe und ich ließ den Deal platzen. Sechs Millionen Euro in vier Jahren gingen mir so durch die Lappen."

"Sex plus Essen: die perfekte Nacht"

Im Januar 2006 verließ Cassano die ewige Stadt und wechselte zu Real. Dort gab er erst richtig Gas - allerdings nicht auf, sondern außerhalb des Platzes. In seiner Autobiografie spricht Cassano von 600 bis 700 Frauen, die er in seinem Leben hatte - einen stolzen Teil davon in Madrid. "Vor den Spielen waren wir immer im selben Hotel. Ich lud immer Mädchen ein, die sich im Stock über oder unter uns ein Zimmer nahmen und kam dann mitten in der Nacht zu ihnen", berichtet Cassano stolz: "Ich hatte da einen befreundeten Kellner. Seine Aufgabe war es, mir vier Croissants zu bringen, nachdem ich Sex hatte. Wir tauschten dann: Er gab mir die Croissants, ich ihm die Frau. Sex plus Essen: die perfekte Nacht".

Bei Real sind sie auf diese Zeit nicht besonders gut zu sprechen. Ex-Präsident Ramon Calderon echauffierte sich Jahre später über einen Spieler, "der aus Madrid vier Milliarden Pesetas (24 Millionen Euro) mitnahm, die Geburtenrate gesteigert und die Prostitution belebt hat." Einen Namen nannte er nicht, das war aber auch nicht nötig. Alle wussten, wer gemeint war.

Zu Beginn der Saison 2006/2007 übernahm Capello bei den Königlichen das Kommando - Cassano und sein Mentor waren wieder vereint. Anfänglich besserte sich Cassano, doch bereits im Oktober hatte ihn der heutige englische Nationalcoach aus dem Kader gestrichen. Der Grund: In Tarragona ließ Capello ihn die komplette zweite Halbzeit zusammen mit Ronaldo warmlaufen - ins Spiel kam er aber nicht. In der Kabine brannten Cassano dann die Sicherungen durch: Er schrie seinen Coach an, "du bist ein Stück Scheiße und falscher als Monopoli-Geld".

Cassano blieb die komplette Saison auf der Tribüne - und konnte sich so auf seine Nachtaktivitäten konzentrieren. Zusammen mit Kumpel Ronaldo, der ihn "el Gordito" - den kleinen Dicken - taufte, machte er Spaniens Hauptstadt unsicher.

Wiederauferstehung bei Sampdoria

Doch irgendwann hatte Cassano genug. In seinem Kopf machte es klick. Da er nie im Kader stand, hatte er die Wochenenden frei und flog regelmäßig nach dem letzten Training zusammen mit seinem Cousin Franco mit einem Privatjet nach Rom.

Cassano: "Eines Tages sah mich Franco an und sagte: 'Du wirst noch ein böses Ende nehmen.'" Für Cassano war es wie eine Erleuchtung. "Ich sah mich an und sagte mir: 'Er hat Recht, ich schmeiße mein Leben wegen meines Dreckcharakters weg." In ihm reifte der Entschluss: "So nicht, ich werde ihm zeigen, dass ich ein echter Mann bin. Ich hatte die Wahl: Entweder wieder Fußballer sein oder das Leben genießen. Ich entschied mich für ersteres."

Und relativ bald auch für Sampdoria. Die Genuesen liehen Cassano im Sommer 2007 aus, im Mai 2008 verpflichteten sie das Enfant terrible komplett. Genua sollte die Bühne für Cassanos fußballerische Wiederauferstehung werden. Vergangene Saison traf er in der Liga zwölf Mal und bereitete 15 Treffer vor. In der laufenden Spielzeit steht er bei drei Saison-Toren und acht Assists. Zusammen mit Giampaolo Pazzini bildet er eines der gefährlichsten und kongenialsten Sturmduos der Serie A. Pazzini hat seit seiner Ankunft im Januar 19 Ligatreffer erzielt - den Großteil davon bereitete Cassano vor.

19-Jährige bringt Cassano zur Ruhe

Cassano hat in der gemütlichen Hafenstadt seinen Frieden gefunden - auf und außerhalb des Platzes: "Ich bin in der Form meines Lebens, jetzt bin ich auch im Kopf stark." Einen großen Anteil daran hat Carolina Marcialis. Die 19-jährige Wasserballerin ist die Frau an Cassanos Seite, der Mensch, der ihn zur Ruhe gebracht hat. Cassano: "Ich wusste, dass es da draußen eine Frau für mich gibt. Aber ich wusste nicht, dass sie derart perfekt ist". Im kommenden Jahr soll geheiratet werden.

Cassanos Leben läuft wieder in geregelten Bahnen. Eine einzige Sache fehlt zur Perfektion: Die Einberufung in die Nationalmannschaft. Doch Lippi gibt sich weiter störrisch, baut auf seine WM-Helden und gibt Cassano keine Chance, sich zu bewähren.

"Es hat sich eine unglaubliche mediale Situation ergeben. Mir tut das sehr leid, denn Antonio ist ein guter Junge", verteidigte Lippi kürzlich seine Entscheidung, nicht auf Cassano bauen zu wollen. Er fügte unmissverständlich an: "Ich lasse mich von meinen Ideen auch nicht von einem entgegenkommendem LKW abbringen."

Schlechte Karten also für Cassano. Früher hätte ihn eine solche Situation wohl zu einer weiteren "Cassanata" getrieben. Heute bleibt er ruhig und sieht es positiv: "Ich bin im kommenden Sommer sicher in Südafrika. Wenn nicht mit dem Nationalteam, dann auf Safari mit Carolina."

Samp-Fans nerven Cassano

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