Silvio Berlusconi und die Wahrheit

Von Andreas Lehner / Christian Bernhard
Freitag, 02.10.2009 | 14:04 Uhr
Der Patron: Silvio Berlusconi ist seit 1986 Besitzer des AC Milan
© Imago
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Kaka weg, Ancelotti weg, Maldini weg. Der AC Milan muss sich neu erfinden und steckt in der Krise. Nachfolger von Trainer Leonardo werden schon gehandelt. Dabei liegt das Problem viel tiefer.

Die Welt war schockiert und empört. Muammar el Gaddafi hatte gerade eine der skandalösesten Reden vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen gehalten und die UN-Charta zerrissen.

Der UN-Sicherheitsrat sei ein Terrorrat, schimpfte der libysche Revolutionsführer. Ein Affront, mit dem sich Gaddafi selbst in die Schmuddelecke stellte.

Aber einen echten Freund wusste Gaddafi trotz allem Aufruhr weiter auf seiner Seite. Mit Silvio Berlusconi hatte Gaddafi im Juni dieses Jahres in Rom öffentlich seine Freundschaft zelebriert.

Echte Männerfreundschaft macht eben nicht vor nichts halt. Auch nicht vor der UN-Vollversammlung. Das gute Verhältnis der beiden Staatsmänner geht soweit, dass es kürzlich sogar Gerüchte gab, Berlusconi wolle den AC Milan an Gaddafi verkaufen.

Berlusconi-Millionen bleiben aus

Seit 23 Jahren ist Berlusconi Besitzer und Patron der Rossoneri. Aufgrund des Gesetzes zur Regelung von Interessenkonflikten musste er 2004 sein Amt als Milan-Präsident aufgeben. So weit wie jetzt, war er aber noch nie von seinem Verein entfernt.

Immer wieder tauchen in den letzten Wochen Gerüchte um einen möglichen Verkauf auf. Seine Kinder Marina und Pier Silvio sollen ihn dazu drängen. Sie verwalten das Firmenimperium und zeigen nur spärliches Interesse an Milan.

Dazu kommt, dass Berlusconi sein Geld nicht mehr uneingeschränkt in die finanziellen Löcher des Vereins stopft, sondern es immer lieber für selbstentworfenen Schmuck ausgibt. Die jungen Frauen, mit denen sich der 73-Jährige gerne umgibt, wollen schließlich auch besänftigt werden.

Silvio in der Zwickmühle

Darunter aber leidet Milan, das sich in den letzten Jahrzehnten immer auf Finanzspritzen Berlusconis verlassen und so zahlreiche Weltklassespieler verpflichten konnte. Die Folge waren Triumphe und Trophäen, Meisterschaften und Europapokale. Viel Ruhm und Ehre, die Berlusconi perfekt mit seinem politischen Machtstreben verweben konnte.

In Zeiten der weltweiten Finanzkrise steckt er allerdings in einer moralischen Zwickmühle. Er kann auf der einen Seite seinem Land keinen rigorosen Sparkurs predigen und auf der anderen Seite die Millionen in überteuerte Fußballer investieren.

Zumal die Vermarktungsmöglichkeit der Erfolge in den vergangenen Jahren drastisch zurückgegangen ist. Meister wurde Milan zum letzten Mal 2004. Mit dem Champions-League-Sieg 2007 ist auch die Strahlkraft im europäischen Wettbewerb erloschen.

Strukturelle Probleme

Der Verein und die Mannschaft sind auf der Suche nach sich selbst und stehen dabei ohne ihre dominante Figur da. Die Strukturen innerhalb der Milan-Familie sind nicht mehr so klar definiert wie früher.

Berlusconi hatte Leonardo als Trainer gegen viele Widerstände durchgedrückt und wollte mit ihm eine zweite Ära Capello einläuten. Auch der hatte seine Karriere als Funktionär im Verein begonnen und stieg dann zum Startrainer auf. Noch ist Leonardo aber nicht so weit.

Der Verein muss parallel dazu lernen, ohne die Millionen von Berlusconi auszukommen und ein rentables Unternehmen zu werden. Den schwierigen Anfang dieser Mission machte der Verkauf von Kaka im Sommer an Real Madrid für 67 Millionen Euro.

Inklusive Gehalt (18 Millionen Euro brutto), den Abgängen von Trainer Carlo Ancelotti (Gehalt: 10 Millionen Euro brutto) und Paolo Maldini (Gehalt: 4 Millionen Euro brutto) sparte Milan einen dreistelligen Millionen-Betrag ein, riskierte aber auch ein Machtvakuum innerhalb des Teams.

Wenig Balance im Kader

Geld für die notwendigen Neuzugänge war aber trotzdem nicht da. Einzig für Klaas-Jan Huntelaar wurde ein größerer Betrag in die Hand genommen. Die von Leonardo geforderten Außenverteidiger blieben aus. Dabei bezeichnete der Brasilianer eben diese Positionen in seinem 4-3-1-2-System als Schlüsselpositionen.

Nun stehen ihm dafür mit Gianluca Zambrotta, Marek Jankulovski und Massimo Oddo nur drei Spieler zur Verfügung, die nicht gerade in der Blüte ihres Fußballerlebens stehen oder wie Daniele Bonera den Durchbruch nicht geschafft haben. Leonardo versucht jetzt, den offensiven Flügelspieler Ignazio Abate zum Außenverteidiger umzuschulen.

Pato überfordert - Ronaldinho fast am Boden

Den Schlüssel für die Offensive aber sucht der Brasilianer weiter vergeblich. Mit Kaka ging die Seele des Spiels. Zu viel lastet im Moment auf Alexandre Pato. In den vergangenen Jahren konnte er sich im Schatten Kakas entwickeln und seine Klasse beweisen.

Nun steht er im Rampenlicht und soll die Offensive der Rossoneri tragen. Im Moment noch zu viel für das 19-jährige Ausnahmetalent. Auch weil ihm der vor der Saison von Berlusconi noch so gepriesene Ronaldinho kein bisschen Schutz bietet und seine Karriere weiter zu Grunde gehen lässt.

Standpauke von Galliani

In sechs Ligaspielen traf Milan bisher nur drei Mal, in vier Partien gar nicht. Das erste Spiel in der Champions League retteten Clarence Seedorf und Filippo Inzaghi mit ihrer individuellen Klasse, die Jahre streifen aber auch an ihnen nicht spurlos vorbei. Gegen Zürich vergab Super-Pippo ungewöhnlich viele Chancen, die Folge war die erste Heimniederlage gegen eine Schweizer Mannschaft überhaupt.

Vor der Trainingseinheit am Donnerstag schloss sich Vize-Präsident Adriano Galliani zusammen mit Leonardo und der Mannschaft in der Kabine ein. Es folgte eine halbstündige Standpauke, inhaltlich untermauert mit einem Vier-Punkte-Plan.

Die deutlich abgeschwächte Essenz der Konferenz teilte Galliani später dem "Milan Channel" mit: "Ich habe alle daran erinnert, dass wir eine Sieger-Truppe sind und sie beruhigt, dass diese Gruppe nicht auseinandergerissen wird. Wir werden mit diesen Spielern und diesem Trainerteam bis zum Saisonende weitermachen."

Im Winter soll nachgebessert werden

Milan muss sich in die Winterpause retten, um die im Sommer verpassten Transfers nachzuholen, die Mannschaft braucht dringend eine Überholung. Mit 20 Millionen Euro planen die Rossoneri aus der Königsklasse.

Im Winter soll mindestens noch ein echter Kracher her. Den Platz dafür hatte Milan schon einen Tag vor dem Ende der Sommer-Transferperiode geschaffen, als man den Vertrag des Uruguayers Tabare Viudez aufgelöst hat. Viudez hatte schließlich einen der Nicht-EU-Ausländerplätze blockiert.

Leonardo soll besonders an seinen Landsleuten Hernanes und Rafinha interessiert sein. Das Geld will man durch das Erreichen des Achtelfinals in der Champions League auftreiben. Nach dem Spiel gegen Zürich muss man sich aber auch darum Sorgen machen.

"Ich habe allen nochmal klargemacht, dass ein Verein wie unserer, mit hohen Kosten und Ausgaben, jedes Jahr Champions League spielen muss! Deshalb müssen wir unter die ersten Drei kommen. Da wir momentan nicht Dritter sind, müssen wir alle mehr tun und viele Dingen besser machen", so Galliani weiter.

Spekulationen um Marco van Basten

Denn die italienische Presse macht Druck. Schon seit Wochen geistern wilde Spekulationen um Marco van Basten als Nachfolger von Leonardo durch die Blätter.

Der Berater des ehemaligen Milan-Stürmers dementierte diese Gerüchte bereits.

Ebenfalls dementiert hat Berlusconi einen Satz, den ihm die "Gazzetta dello Sport" Anfang dieser Woche anhängte: "Dieses Milan ist ein Desaster!", soll er gesagt haben.

Eigentlich schade, dass er sich davon distanziert hat. Es steckt doch so viel Wahrheit darin. Eine Wahrheit, an der er den entscheidenden Anteil hat.

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