Fussball

Eden Hazard: Der Unvollendete

Von Martin Jahns
Eden Hazard gegen die Stars von Inter: In der CL zog Lille gegen die Mailänder den Kürzeren
© Imago

Eden Hazard begeistert den OSC Lille und die internationale Fußballwelt. Der 20-Jährige gilt als Ausnahmetalent des belgischen Fußballs. Zinedine Zidane hat ihn geadelt, mit Cristiano Ronaldo wird er immer wieder verglichen. Trotzdem bekommt Hazard als Teil einer goldenen Generation zu spüren, dass der Weg zur Weltklasse lang und hart ist. Sein "Vorgänger" kann ein Lied davon singen.

La Louviere gehört zu den eher unscheinbaren Ortschaften Belgiens. Ein Schiffshebewerk ist die einzig nennenswerte Sehenswürdigkeit der elftgrößten Stadt des Landes. In der ersten Liga war La Louviere zuletzt 2006 vertreten.

Dennoch scheint die wallonische 70.000-Einwohner-Stadt ein guter Nährboden für trickreiche Mittelfeldspieler zu sein. Denn nach Enzo Scifo versucht sich mit dem 20-Jährigen Eden Hazard nun ein weiterer Sohn der Stadt daran, den belgischen Fußball aus der Mittelmäßigkeit zu hieven.

Hazard verbindet jedoch nicht nur der gemeinsame Geburtsort mit Scifo. Als damaliger Trainer bei Hazards Kindheitsverein AFC Tubize konnte sich Scifo schon früh von dessen Qualität überzeugen: "Ich trainierte die Junioren mindestens ein Mal wöchentlich. Und bei ihm wusste ich schon zu diesem Zeitpunkt, dass er eine große Zukunft haben wird."

Eine große Zukunft peilt auch Hazard selbst an. Zu "L'Equipe" sagte er im Oktober schmunzelnd, "ich hoffe, in zehn Jahren bei einem der größten Klubs der Welt zu spielen, aber ich könnte dann auch bei Standard Lüttich sein."

Die Ungewissheit, ob ihm außerhalb Frankreichs der finale Durchbruch tatsächlich gelingt, plagt auch den Protagonisten selbst. Zumindest in dieser Beziehung sollte er sich allerdings kein Beispiel an seinem Mentor nehmen.

Lehrjahre in Lille

Bereits mit 14 wechselte Eden Hazard wegen der professionelleren Trainingsbedingungen von Tubize ins nahegelegene Lille, in die Jugendakademie des OSC, wo schon gestandene Spieler wie Eric Abidal oder Kader Keita ausgebildet wurden. Mit 16 absolvierte er als jüngster Profi der Vereinsgeschichte sein Profidebüt in der Ligue 1, mit 17 war er Stammspieler und lief erstmals für die belgische A-Nationalmannschaft auf.

In seiner ersten vollen Saison bei LOSC 2008/2009 kam Hazard auf beachtliche 30 Einsätze und wurde am Ende als erster Ausländer zu Frankreichs bestem jungem Spieler der Saison gewählt. Letzte Saison gewann Lille nicht zuletzt dank der unaufhaltsamen Offensivabteilung um den Wallonen zum ersten Mal seit 1957 die Meisterschaft sowie den französischen Pokal.

Hazard erhielt zudem von der französischen Spielergewerkschaft UNFP die Auszeichnung als Frankreichs Spieler des Jahres.

In Frankreich ist um Hazard mittlerweile ein regelrechter Hype entstanden. Christophe Dugarry, Weltmeister von 1998, lobte ihn in höchsten Tönen: "Er erinnert mich sehr an Cristiano Ronaldo, vor allem wegen seiner Geschwindigkeit. Hazard ist prädestiniert für eine große Karriere."

Auch Zinedine Zidane ist ein Fan von Hazard: "Ich würde Hazard mit geschlossenen Augen verpflichten, er ist der Star der Zukunft."

Symbiose aus Technik und Tempo

Eden Hazards Spiel kennt wie seine bisherige Karriere nur eine Richtung: Mit irrwitziger Geschwindigkeit nach vorn. Zumeist über die Außenbahnen stürmt Hazard in Richtung gegnerisches Tor. Dank seiner Spritzigkeit, der engen Ballführung und seiner ständigen Haken ist Hazards Spiel für den Gegner kaum zu berechnen.

Sieht man die spektakuläre Spielweise des Belgiers, drängt sich der Vergleich mit Cristiano Ronaldo geradezu auf. Doch im Gegensatz zum Portugiesen ist Hazard trotz seiner Dynamik eher Vorbereiter als Torjäger: In den letzten beiden Saisons der Ligue 1 bereitete Hazard zehn bzw. elf Tore vor, traf selber aber nie zweistellig. Diese Saison erzielte er in bisher 14 Ligaspielen vier Tore und legte sechs Mal auf. In der Champions League bereitete er in vier Spielen zwei Tore vor.

Für Lilles Offensivspiel machte sich das Ausnahmetalent über die Jahre unverzichtbar: Sowohl die Zahl seiner Pässe innerhalb der letzten 30 Meter vor dem gegenerischen Tor als auch die seiner Flanken stiegen von Saison zu Saison kontinuierlich an. Die ligaweite Statistik der erfolgreichen Dribblings führt Hazard mit großem Vorsprung vor Maurice-Belay (Bordeaux) und Nene (Paris St.-Germain) an.

Der nächste Schritt

Doch so kometenhaft Hazards Aufstieg bisher verlief, so ungewiss ist dessen Fortgang. Der Schritt in eine der ganz großen europäischen Ligen steht noch aus, denn mit Lille wird kaum mehr als das Bisherige zu erreichen sein.

Ende Oktober bestätigte Hazard erstmals öffentlich seine Wechselabsichten. "L'Equipe" sagte er, er sei "bereit, den Verein zu verlassen und bei einem Top-Klub das nächste Level zu erreichen." Ein Wechsel spätestens zum Saisonende gilt als sicher.

An potenziellen neuen Arbeitgebern mangelt es nicht: Fast jeder große europäische Verein wurde schon mit Eden Hazard in Verbindung gebracht. Die Liste reicht von den Bayern über den FC Chelsea, den FC Arsenal, Juventus Turin und Inter Mailand bis hin zu Real Madrid. Laut unbestätigten belgischen Medienberichten habe Hazard bei Real gar einen Vorvertrag unterschrieben.

Billig wäre Hazard jedoch nicht zu haben: Sein Vertrag bei den Nordfranzosen läuft noch bis Juni 2015. Im letzten Sommer forderte Lille bereits mindestens 40 Millionen Euro Ablöse von den Interessenten.

Einen Wechsel innerhalb Frankreichs, auch zum neureichen Paris St.-Germain, der angeblich 50 Millionen Euro für Hazard auf den Tisch legen wollte, schließt der Belgier aus: "Ich werde bestimmt keinen direkten Konkurrenten von Lille verstärken."

Im Nationalteam umstritten

Bei allem Zauber in der Liga, in der Nationalmannschaft konnte Hazard noch nicht überzeugen. Häufig kommt er nur von der Bank, denn zwischen dem Flügelflitzer und Nationalcoach Georges Leekens kriselt es: Im Spiel gegen die Österreicher (2:0) verzichtete der Coach aus taktischen Gründen auf die Dienste des damals formstarken Hazard. Das Ergebnis gab ihm Recht, aber das Verhältnis zwischen dem erfahrenen Trainer und der Nachwuchshoffnung gilt seitdem als belastet.

Nach seiner Auswechslung im EM-Qualifikationsspiel gegen die Türkei (1:1) im Juni verließ Hazard noch während des Spiels wütend das Stadion, um an einem Hamburger-Stand seinen Frust abzubauen. Ein Spiel Nichtberücksichtigung war die Folge.

Leekens kritisiert zudem den mangelnden Einsatz Hazards: "Er könnte etwas besser trainieren. Er ist erst zwanzig. Er ist kreativ und Eden weiß, dass er mehr machen muss."

Der stets um Disziplin und mannschaftliche Geschlossenheit bemühte Trainer, der bei der WM 1998 schon mit Enzo Scifo aneinandergeriet, setzt perspektivisch dennoch auf Hazard. Zu groß ist dessen fußballerische Klasse, als dass man ihn übergehen könnte.

Gegen Deutschland ohne Magie

Ein Gradmesser für die internationale Tauglichkeit Hazards sollte im Oktober das für Belgien existenziell wichtige letzte EM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland werden. Mit einem Sieg hätten sich die Roten Teufel als Gruppenzweiter für die Playoffs qualifiziert.

In den ersten 20 Minuten spielte Belgiens "Goldene Generation" stark auf. Hazard sorgte auf der rechten deutschen Abwehrseite mit seinen Dribblings immer wieder für Unruhe. Zählbares sprang dabei jedoch nicht heraus. Nachdem die belgische Anfangsoffensive verpuffte, tauchte auch Hazard unter, der damit auch weiterhin im Nationaltrikot noch keine Bäume ausgerissen hat.

Auf den Pfaden Enzo Scifos?

Hazards wahres Leistungsvermögen bleibt damit die große Unbekannte. Seinen starken Auftritten für Lille stehen die uninspirierten Nationalmannschaftsspiele gegenüber. Wo genau Hazard im Moment steht, weiß wohl nicht einmal er selbst.

Der Ex-Schalker und jetzige Co-Trainer der belgischen Nationalmannschaft Marc Wilmots, der schon die fehlende Beständigkeit und Momente der Abwesenheit im Spiel Hazards bemängelte, sagte diesen Sommer: "Die französische Presse ist von Hazards magischen Momenten geblendet. Sie sagen über ihn, was sie über Gourcuff im Jahr 2009 sagten."

Von Gourcuff spricht seit der enttäuschenden WM 2010 kaum noch jemand. Und auch Enzo Scifo - mit Vorschusslorbeeren als Ausnahmetalent 1987 zu Inter Mailand gewechselt - wurde in den großen europäischen Ligen nicht glücklich, sodass er schließlich die letzten Jahre seiner Karriere beim RSC Anderlecht und Sporting Charleroi verbrachte.

Eden Hazard hat sich vorgenommen, einen anderen Weg zu gehen und in einer Weltklassemannschaft zu bestehen. Andernfalls bliebe ihm immer noch Standard Lüttich.

Der OSC Lille in der Übersicht

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