Claude Makelele im Porträt

Makelele: Der unsichtbare Klavierträger

Von Pascal Jochem
Montag, 19.04.2010 | 16:15 Uhr
Claude Makelele wechselte 2008 vom FC Chelsea zu Paris St. Germain
© Getty
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Er selbst stand immer im Schatten der großen Stars. Sein Job bestand darin, ihnen den Rücken frei zu halten. Ob beim FC Chelsea, Real Madrid oder in der Equipe Tricolore - Claude Makelele war der Inbegriff des zuverlässigen Abräumers auf der Sechser-Position. Nach dieser Saison soll für den mittlerweile 37-Jährigen endgültig Schluss sein. Seinen legitimen Nachfolger hat Makelele bereits auserkoren.

In Brasilien bezeichnen sie Typen wie ihn als Klavierträger. Im Land des fünfmaligen Weltmeisters, bekannt für seine Künstler, gilt dies als bescheidenes Lob für den zuverlässigen Arbeiter. Einen, der anpackt und die groben Arbeiten erledigt, während andere glänzen.

Der Arbeiter spielt zumeist auf der Sechser-Position als Bindeglied zwischen Abwehr und Angriff. Er schließt mit hoher Laufbereitschaft im defensiven Mittelfeld die Reihen und initiiert aus der eigenen Hälfte die Angriffe. Der einfache Pass zeichnet ihn aus, die Grätsche ist sein liebstes Stilmittel.

Eine Ära geht zu Ende

Selbst Brasilien hat mit Carlos Dunga oder Emerson solche Spielertypen hervorgebracht. Aber einer hat diese Rolle über Jahre geprägt wie kein Zweiter: Claude Makelele - unbestritten einer der besten Klavierträger, den die Fußballwelt je gesehen hat. Macht er jetzt Schluss?

Im französischen Fernsehen hat Makelele kürzlich angekündigt, dass die laufende Saison bei Paris St. Germain endgültig seine letzte sein soll. Ganz haben sich die PSG-Fans noch nicht damit abgefunden - im Internet wird weiterhin wild spekuliert, seine Eminenz könne noch ein Jahr dranhängen und zumindest die wichtigsten Spiele als Leader bestreiten.

Doch Makelele ist in die Jahre gekommen. Mit 37 hat er seine beste Zeit hinter sich. Dabei steht sein Name noch immer als Synonym für die beispielhafte Klasse auf der im modernen Fußball so bedeutenden Sechser-Position. Auf der Insel heißt sie seit seiner Zeit beim FC Chelsea nur noch "The makelele role". So adelte einst Thierry Henry seinen Arsenal-Kollegen Gilberto: "Er ist unser Makelele."

Der "Sohn des Fußballers"

"Du musst Spaß an der Rolle im zentralen defensiven Mittelfeld haben und darfst nicht darüber nachdenken, dass du wenige Tore schießt. Du musst es lieben, auf der Sechs zu spielen. Das ist nichts für jeden", sagte Makelele vor Jahren. Er muss es wissen.

Seine Aufgabe bestand darin, die anderen gut aussehen zu lassen. Jahrelang hielt er Zinedine Zidane & Co. den Rücken frei. Unauffällig, aber erfolgreich.

Angefangen hat er auf einer ganz anderen Position. Vorne im Sturmzentrum. "Ich war früher Mittelstürmer und bin mit dem Alter auf dem Platz immer weiter nach hinten gerutscht", erzählte Makelele dem Fußballmagazin "Rund".

Der große Torjäger war er nie. Erst recht nicht während seiner Profikarriere. Ganze drei Treffer hat er in den letzten zehn Jahren zustande gebracht. In seiner Geburtsstadt Kinshasa im damaligen Zaire (heute DR Kongo) galt er ohnehin immer als der "Sohn des Fußballers". Sein Vater war Nationalspieler. "Ach, wenn du nur die Hälfte des Talents deines Vaters hättest", lautete der häufigste Satz seiner Tanten und Onkel, wenn es um Fußball ging.

"El Monstruo" - Das Monster

In Frankreich dagegen sind sie früh von den Fähigkeiten des jungen "Maké" überzeugt. Nach einigen Jahren in der Jugend von Stade Brestois beginnt Makelele in Nantes seine Profikarriere. Mit 22 Jahren gewinnt er mit den Kanarienvögeln die französische Meisterschaft.

Nach einem eher glücklosen Jahr in Marseille wechselt der kleine unscheinbare Mittelfeldarbeiter 1998 nach Spanien zu Celta Vigo. Dort entwickelt er sich zu einem der besten defensiven Mittelfeldspieler der Primera Division. Er ist Zerstörer und Initiator zugleich, seine Balleroberung lässt die Gegner verzweifeln. Die Fans taufen ihn "El Monstruo" (das Monster).

Die Königlichen fackeln nicht lange und lotsen Makelele für eine Ablösesumme von 14 Millionen Euro nach Madrid. Mit den "Galaktischen" um Zidane, Luis Figo und Ronaldo gewinnt er Titel in Serie. 2001 und 2003 die spanische Meisterschaft, 2002 Champions League und Weltpokal.

Eine folgenschwere Personalentscheidung

Makelele genießt im Team hohes Ansehen, ist unumstrittener Stammspieler. Der Abräumer, der unsichtbar alles zusammenhält. In der Millionen-Truppe gehört er aber zu den Geringverdienern.

Als er mit Unterstützung einiger prominenter Teamkollegen um einen neuen Vertrag zu verbesserten Bezügen bittet, erhält er von Klub-Präsident Florentino Perez eine deutliche Abfuhr. Noch heute sitzt der Stachel tief, Makelele redet ungern darüber. Damals artet seine Unzufriedenheit in einen Trainingsstreik aus.

Chelsea greift schließlich zu, Perez giftet hinterher: "Wir werden Makelele nicht vermissen. Seine Technik ist durchschnittlich, es mangelt ihm an Geschwindigkeit und der Fähigkeit, einen Gegner auszuspielen. 90 Prozent seiner Ballverteilung geht entweder nach hinten oder zur Seite. Er war kein Kopfballspieler und hat den Ball selten weiter als drei Meter gepasst. Es werden jüngere Spieler kommen, die Makelele vergessen machen werden."

Wieviel Makelele wirklich wert war und wie sehr Perez sich getäuscht hatte, merkten sie in Madrid erst, als es zu spät war. Ohne ihren Mittelfeldarbeiter geht für Real nichts mehr. Drei Jahre bleiben die Königlichen ohne Titel. "Er hat mich ziehen lassen, weil ich keine Trikots verkauft habe", meint Makelele rückblickend.

Hierro: "Makelele war der Schlüssel zum Erfolg"

Real-Legende Fernando Hierro, den Präsident Perez ebenfalls abservierte, ist sich sicher: "Makelele war einer der wichtigsten Spieler bei Real, nur die meisten haben es einfach nicht geschnallt. Wir im Team wussten es. Er war die Basis, der Schlüssel zum Erfolg. Sein Verlust war der Anfang vom Ende für die Galaktischen."

Makelele startet in der Premier League einen Neuanfang - und macht da weiter, wo er in Madrid aufgehört hat. Fleißig sammelt er Titel um Titel. Für Chelsea-Coach Claudio Ranieri ist er bereits im ersten Jahr auf der Insel die "Batterie" der gesamten Mannschaft. Ranieris Nachfolger Jose Mourinho kürt ihn nach der erfolgreichen Double-Saison 04/05 zu Chelseas "Player of the year".

An der Stamford Bridge erhält Makelele die Wertschätzung, die ihm in Madrid verwehrt blieb. In Vertretung von John Terry und Frank Lampard trägt er sogar die Kapitänsbinde. Der Klub wächst ihm ans Herz. "Wenn ich meine Karriere irgendwann beende, dann bei Chelsea London", sagte er einmal.

Es kommt jedoch anders. 2008 geht es zurück in die Heimat - zu Paris St. Germain. Die Verlockung in der Stadt zu spielen, in der er aufgewachsen ist und zum ersten Mal gegen den Ball getreten hat, ist dann doch zu groß.

"Jetzt ist die Zeit für meinen kleinen Lass gekommen"

In Paris bringt Makelele langsam aber sicher seine Weltkarriere zum Abschluss. 18 Jahre im Profi-Fußball hat er mittlerweile hinter sich, fünf Meistertitel in drei europäischen Top-Ligen gefeiert. Die britische Zeitung "The Independent" schrieb einst vom "einzig wahren Fußball-Aristokraten".

Um die Zukunft auf der nach ihm benannten "makelele-role" macht er sich keine Sorgen. Als legitimen Nachfolger hat er bereits einen Landsmann auserkoren: Lassana Diarra. "Jetzt ist die Zeit für meinen kleinen Lass gekommen. Dieser Junge hat eine große Zukunft vor sich und wird sogar ein höheres Level erreichen, als ich es je geschafft habe", schwärmte Makelele in einem Interview mit der "AS".

Diarra nahm genau den umgekehrten Weg und wechselte aus der Premier League zu den Königlichen. Dort organisiert der 25-Jährige das zentrale defensive Mittelfeld wie Makelele zu seinen besten Zeiten. Er spielt nicht spektakulär und sein Name verkauft auch nicht die meisten Trikots. Doch als Klavierträger macht er sich außerordentlich gut.

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