Donnerstag, 04.03.2010

Die Raphael Honigstein Kolumne

Wayne Rooney und die Roten Ritter

In seiner aktuellen SPOX-Kolumne beschäftigt sich Raphael Honigstein mit der Wandlung des Wayne Rooney und dem Vorhaben der Red Knights, Manchester United der Glazer-Familie abzukaufen. Ein schwieriges Unterfangen, das nahezu aussichtslos erscheint - doch in Manchester gibt man sich kämpferisch. Davon gänzlich unbeeindruckt spielt Rooney die Saison seines Lebens.

In Top-Form: Wayne Rooney hat in den letzten neun Spielen zwölf Mal getroffen
© Getty
In Top-Form: Wayne Rooney hat in den letzten neun Spielen zwölf Mal getroffen

Rooney und die Roten Ritter, das hört sich ein bisschen nach dem Titel einer Kinder-Hörspielkassette (die etwas älteren Leser werden sich erinnern, was das ist) an. Und irgendwie passt das ja auch. Beide - der Spieler und das Konsortium der Red Knights-Investoren, die den Klub von der Glazer-Familie übernehmen wollen - versprechen den leidgeprüften Manchester-United-Fans nicht weniger als ein märchenhaftes Ende der Saison. Auf und neben dem Platz.

Rooneys Leistungsexplosion kündigte sich schon die ganze Spielzeit immer wieder an, erreichte jedoch zuletzt eine neue Dimension. In den vergangenen neun Spielen erzielte der 24-Jährige unglaubliche zwölf Tore, darunter auch den Siegtreffer im Ligapokal-Finale gegen Aston Villa. Fände die Wahl zu Europas Spieler des Jahres im März statt, würde Rooney mit großem Abstand gewinnen.

Die ganze Welt schwärmt von ihm. "Ich sehe die anderen Nationaltrainer sehr oft", sagt England-Coach Fabio Capello, "sie sagen immer das Gleiche zu mir: Du hast einen fantastischen Spieler. Vicente Del Bosque, Giovanni Trapattoni - alle fragen nur nach Rooney". Vom deutschen Coach Jogi Löw ist die Einschätzung überliefert, der Angreifer sei "nicht zu stoppen".

"Bin momentan nicht zu stoppen"

Rooney will da nicht widersprechen. "Das stimmt, ich bin momentan nicht zu stoppen", sagte er vor dem Testspiel gegen Ägypten, "ich bin bereit". Er wüsste, dass England bei der Weltmeisterschaft weit kommen könnte, solange er selbst nur gut spiele. Das klang überhaupt nicht arrogant. Sondern einfach nur ehrlich.

Rooneys Aufstieg in die absolute Weltklasse hat im Wesentlichen zwei Gründe. Zum einen ist er ein Paradebeispiel für Alex Fergusons These, dass Profis früh heiraten sollten.

Vergessen sind seine Eskapaden in Liverpooler Hinterhof-Bordellen und Handgreiflichkeiten in Nachklubs; als frischgebackener Vater geht er nach eigener Aussage nicht mehr aus, sondern jede Nacht um halb elf ins Bett. "Mein Lebensstil hat sich total verändert", sagt er.

Wenn man sich persönlich mit Rooney unterhält, merkt man, dass die vielen Zeitungsartikel über seine "neue Reife" und "Ruhe" nicht übertreiben. Aus dem etwas einfältigen, nur mit Mühe längere Sätze formulierenden Rabauken aus dem Arbeitslosenviertel Croxteth ist ein selbstbewusster, eloquenter junger Mann geworden.

Profiteur von Ronaldos Wechsel

Auf dem Rasen sieht man nach dem Weggang von Cristiano Ronaldo ebenfalls einen besseren, reiferen Rooney. Seine überbordende Spielfreude und Bereitschaft, für andere zu laufen, führte in der Vergangenheit dazu, dass Sir Alex ihn auf die linke oder rechte Außenbahn abschob.

Rooney gab den Zulieferer für Ronaldo und rieb sich im Dienst des Teams oft in der Peripherie auf. "Wahrscheinlich haben wir ihn falsch eingesetzt", gab Ferguson neulich zu.  Ein solches Eingeständnis von dem Schotten ist rar.

In dieser Spielzeit aber darf Rooney als echter Mittelstürmer viel näher am Tor stehen und sich ganz aufs Toreschießen konzentrieren. Sein Versprechen gegenüber Ferguson, in Zukunft mehr Tore mit dem Kopf zu erzielen, hat er auch schon erfüllt: Die Flanken von Antonio Valencia und Nani sind nun für ihn bestimmt, nicht mehr für Ronaldo.

Gegen Ägypten ließ ihn Capello weiter als zweiten Stürmer hinter Jermain Defoe (und später Peter Crouch) auflaufen, doch im Verein ist Rooney als zentraler Angreifer (im zumeist favorisierten 4-3-3-System) nicht mehr versucht, sich ins Mittelfeld fallen zu lassen. Anstatt den entscheidenden Pass zu spielen, kann er nun warten und seine Kräfte besser einteilen. "Roo" ist, wenn man so will, "reduced to the max".

Red Knights wollen United übernehmen

In erster Linie liegt es an ihm, dass United in der entscheidenden Phase der Saison in Premier League und Europa weiter zu den Top-Favoriten zählt.

Noch mehr als der eine oder andere Titel im Mai würde die meisten United-Anhänger aber eine Übernahme des mit knapp 800 Millionen Euro verschuldeten Vereins freuen.

Sehr zur Freude der schon seit Wochen in den grün-goldenen Farben von Newton Heath - so hieß United ursprünglich - gegen die Finanzpolitik der amerikanischen Eigentümer protestierenden Supporters haben sich am Montag wohlhabende Fans zu den Red Knights zusammengeschlossen.

Anteile auch für "normale" Fans

Die Gruppe aus Bankiers und Anwälten will mehr als eine Milliarde Pfund aufbringen, um den Verein zu kaufen und aus der Schuldenfalle zu retten. Auch "normale" Fans sollen dabei Anteile erwerben.

United-Geschäftsführer David Gill hatte mit einigen dieser Ritter schon zu tun. Die Mehrheit von ihnen bezeichnete er am Mittwoch als "ernsthafte, intelligente Leute". Trotzdem sei ihr Unternehmen zum Scheitern verurteilt. "Die Glazers wollen nicht verkaufen. Die Red Knights können einen Vorschlag machen, aber es wird nichts daraus werden", insistierte Gill.

In Manchester glaubt man, dass ein lukratives Angebot die Amerikaner umstimmen könnte, doch die Frage ist, ob die Red Knights auch tatsächlich die benötigten Gelder aufbringen können. 40 vermögende Investoren, die je 20 Millionen Euro bereitstellen, sollen gefunden werden.

Rettungsversuch erhöht Druck auf Glazer-Familie

Gill zweifelt, dass der Klub von so einem Millionärs-Kollektiv geführt werden kann. "Reiche Leute sind nicht durch Glück reich geworden. Diese Leute wollen Entscheidungen treffen können", sagte er. "In allen großen Fußballklubs gibt es klare, effiziente Entscheidungswege. Anders geht es nicht."

Die Red Knights könnten einwenden, dass United vor der Übernahme der Glazers im Jahre 2005 eine höchst profitabel geführte Aktiengesellschaft mit vielen unterschiedlichen Aktionären war.

Der Rettungsversuch vergrößert auf jeden Fall den Druck auf die Amerikaner, weil die Fans jetzt verstärkt über mögliche Alternativen nachdenken werden.

Die Erfolgschancen der Nadelstreifen-Ritter sind zwar bedeutend kleiner als die der Red Devils in den kurzen Hosen. Doch zusammen mit Rooney sorgen sie dafür, dass man im roten Teil Manchesters nach den Horrormeldungen der vergangenen Monate wieder etwas optimistischer nach vorne schaut.

Alles zur Premier League

Raphael Honigstein lebt und arbeitet seit 16 Jahren in London. Für die "Süddeutsche Zeitung" berichtet er über den englischen Fußball und ist Kolumnist für die britische Tageszeitung "The Guardian". Beim früheren Premier-League-Rechteinhaber "Setanta Sports" fungierte Honigstein als Experte für den deutschen Fußball. In Deutschland wurde der 36-Jährige auch bekannt durch sein Buch "Harder, Better, Faster, Stronger - Die geheime Geschichte des englischen Fußballs". Zudem ist er als Blogger bei footbo.com tätig.


Diskutieren Drucken Startseite
Live-Stream
ENG

Premier League, 14. Spieltag


www.performgroup.com

Copyright © 2016 SPOX. Alle Rechte vorbehalten.