
Die Rapahel Honigstein Kolumne
FA-Cup: Zeit für ein historisches Spektakel
Der FA-Pokal hat zuletzt etwas an Glanz eingebüßt, doch die Beteiligung von drei der vier besten Mannschaften des Landes (Arsenal, Chelsea, Manchester United) lässt ganz Großbritannien dem Wochenende entgegen fiebern.
Evertons Trainer David Moyes, der mit seinen Toffees mit dem Sieg gegen Liverpool im Achtelfinale dieses Jahr das Monopol der Großen Vier durchbrochen hat, ist aber etwas missmutig. Er findet, Everton gehört nicht ins Semifinale nach Wembley - genauer gesagt gehöre gar keine Mannschaft dort hin.
"Mir wäre es lieber, wir würden woanders spielen", sagt der Schotte, "ich glaube, keiner findet es gut, dass die Halbfinalspiele dort statt finden. Wembley sollte nur für das Endspiel genützt werden." Nicht wenige Traditionalisten auf der Insel sind ganz seiner Meinung.

Seit knapp 140 Jahren wird um die älteste aller Fußballtrophäen nach dem Viertelfinale immer auf neutralen Plätzen gespielt, aber das 1923 eingeweihte Wembley-Stadion im Nordwesten Londons blieb dabei stets für die Endspiele reserviert.
Nach der Einweihung des Neubaus im Mai 2007 wurde jedoch beschlossen, ab 2008 auch die Halbfinals auf dem heiligen Rasen vor 90.000 Plätzen auszutragen. Mehr Vereine und Fans würden so in den Genuss der neuen Fußballkathedrale kommen, argumentierte die Football Association. In Wahrheit ging und geht es wie immer nur ums Geld.
VIP-Boxen und Hotdogs
Eine gute Milliarde Euro hat Wembley II verschlissen, deswegen muss das Ertragspotenzial maximiert werden. VIP-Boxen und Hotdogs lassen sich einfach besser verkaufen, wenn zwei große Spiele mehr im Jahr stattfinden. Man kann das als Pragmatismus auffassen. Oder auch als "sell-out". "Bald kann jeder Harry, Dick und Tom sagen, er hat schon mal in Wembley gespielt", rümpfte der "Daily Telegraph" die Nase.
Dass die besondere Atmosphäre des Endspiels leidet, wenn die beteiligten Fangruppen einen Monat zuvor schon einmal den Olympic Way zum Stadion hinauf gelaufen sind, ist dabei nur die Hälfte des Problems. Die Fixierung auf das Nationalstadion macht auch in organisatorisch-geografischer Hinsicht nur bedingt Sinn.
Weite Anreise aus dem Norden
Für Chelsea- und Arsenal-Fans ist es ein bequemer Austragungsort, doch die Anhänger von Manchester United und Everton müssen am Sonntagnachmittag gemeinsam gut 300 km nach Süden in die Hauptstadt pilgern.
Falls es Verlängerung oder Elfmeterschießen gibt, verpassen viele den letzten Zug zurück nach Hause. Die Reise ist mit sehr hohen Kosten verbunden, gerade in diesen harten Zeiten wird es sich deswegen jeder Fan zwei Mal überlegen, ob er nicht doch lieber auf den Einzug ins Finale warten soll.
Vor 2008 wäre alles viel einfacher gewesen. United gegen Everton hätte im Villa Park von Birmingham oder in einem anderen Stadion im Norden stattfinden können. Es bleibt abzuwarten, ob der Pokal durch den veränderten Austragungsmodus auf Dauer auf- oder abgewertet wird.
Auf jeden Fall würde ihm etwas mehr Abwechslung gut tun: mit Portsmouth gewann im Vorjahr zum ersten Mal seit 1995 wieder ein Klub außerhalb der Großen Vier den Pokal.
Wo ist der Glamour?
Man mag es heute kaum glauben, aber bis weit in die Nachkriegsjahre hinein war der FA-Pokal tatsächlich der prestigeträchtigere Wettbewerb auf der Insel. Die Liga wurde 1888 nämlich nur gegründet, damit sich die Vereine auch im Falle eines frühen Ausscheidens im FA Challenge Cup, wie er damals hieß, die teuren Profifußballer leisten konnten. Das Verhältnis zwischen Pokal und Meisterschaft änderte sich erst Ende der Fünfziger Jahre, als sich der Europapokal der Landesmeister als wichtigste Trophäe im Vereinsfußball etablierte.
Der Glamour der Champions League und Fernsehmillionen der Premier League graben dem Pokal weiter das Wasser ab. Michel Platini stieß mit seiner Idee, FA-Cup-Sieger in die Königsklasse zu schicken, auf keine Gegenliebe in England. Abstiegsgefährdete Mannschaften schenken ab und zu schon mal ein Pokalspiel ab, weil für sie der Klassenerhalt wichtiger als ein Ausflug nach Wembley ist.
Ähnlich stiefmütterlich wird der Cup gelegentlich von den Spitzenteams behandelt. Für Arsene Wenger hatten Champions-League und Meisterschaft in den vergangenen Jahren absolute Priorität, erst in dieser Saison hat er seine Liebe für den Wettbewerb (wieder) entdeckt.
200.000 Menschen und ein weißes Pferd
Was der Pokal aber vielleicht am dringendsten bräuchte, wäre ein großes, epochales Endspiel im neuen Wembley. 2008 (Chelsea) und 2009 (Pompey) waren eher ermüdend, die Zeit ist reif für ein historisches Spektakel. Es muss ja nicht gleich wie beim ersten Wembley-Finale von 1923 zu einer Masseninvasion kommen. Gut 200.000 Menschen wollten damals die Bolton Wanderers gegen West Ham United sehen, ein einsamer Polizist musste mit Hilfe eines Schimmels namens Billie den Platz frei räumen.
In Gedenken an das Ereignis wurde die Brücke an der Stadionstation "White Horse Bridge" genannt, obwohl Didi Hamann bei der ausgerufenen Abstimmung im Internet das Rennen gemacht hatte. Witzbolde aus Deutschland und Schottland hatten den Torschützen des letzten Tores im alten Wembley (beim 1:0 gegen England im September 2000) gewählt. Für die FA aber hörte da der Spaß auf. Über Didis Brücke wollte sie nicht gehen.
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Raphael Honigstein lebt und arbeitet seit 15 Jahren in London. Für die "Süddeutsche Zeitung" berichtet er über den englischen Fußball und ist Kolumnist für die britische Tageszeitung "The Guardian". Beim Premier-League-Rechteinhaber "Setanta Sports" fungiert Honigstein als Experte für den deutschen Fußball. In Deutschland wurde der 34-Jährige auch bekannt durch sein Buch "Harder, Better, Faster, Stronger - Die geheime Geschichte des englischen Fußballs". Zudem ist er als Blogger bei footbo.com tätig.





















