Fussball

Manchester Uniteds Rekord-Verteidiger Harry Maguire: Müllsack statt Gucci-Täschchen

Von Robin Haack
Harry Maguire stand mit dem englischen Nationalteam im WM-Halbfinale 2018.

Er stieg dreimal ab, spielte mit 21 noch 3. Liga und flog 2016 als Fan zur EM. Nun wird Harry Maguire zum teuersten Verteidiger der Welt

Etwas angespannt trudelte Harry Maguire im Oktober 2017 zum Treffpunkt der englischen Nationalmannschaft ein. Erstmals überhaupt wurde der Innenverteidiger für die WM-Qualifikationsspiele gegen Slowenien und Litauen zu den Three Lions berufen und dem damals 24-jährigen Leicester-Profi waren die Abläufe im Nationalteam noch nicht ganz vertraut.

Um bei seiner Anreise alles richtigzumachen, informierte er sich im Vorfeld der Partien bei seinem Teamkollegen Jamie Vardy über die Gepflogenheiten des Trips. Da die Profis bei den Three Lions ohnehin mit Teamkleidung ausgestattet werden, genüge es, beim ersten Mal mit einer Tüte für Privatsachen zum Treffpunkt anzureisen, versicherte der Torjäger.

Maguire nahm ihn beim Wort und erschien mit einem großen schwarzen Plastiksack im Quartier der Engländer und hat damit unfreiwillig alle Blicke auf sich gezogen. Statt wie die anderen mit Designer-Taschen von Gucci und Co. aufzulaufen, lief der 1,94 Meter große Verteidiger mit einem Müllsack über der Schulter umher und seine Teamkollegen hatten sichtlich Spaß.

Manchester United macht Harry Maguire zum teuersten Verteidiger der Welt

Knapp zwei Jahre später wird das nächste Kapitel im Fußball-Märchen des Harry Maguire geschrieben. Manchester United macht den Profi von Leicester City mit 87 Millionen Euro zum teuersten Verteidiger aller Zeiten - rund vier Millionen Euro mehr, als sich der FC Liverpool Virgil van Dijk vor anderthalb Jahren kosten ließ.

Dass es so weit kam, ist in Zeiten von top-ausgebildeten, modernen Verteidigern ein kleines Wunder - und das Produkt harter Arbeit. Denn noch mit 21 spielte er in der 3. Liga, bei seinem ersten Engagement in der Premier League scheiterte er. Aber von vorne.

Maguire wurde am 5. März 1993 in Sheffield geboren. Früh entwickelte er großen Ehrgeiz, den er vor allem im Sport auslebte. Rugby, Hockey, Golf, Cricket, Leichtathletik, Fußball; Maguire machte als Schüler alles - und wollte immer der Beste sein. Dafür stählte er sich als Jugendlicher im Kraftraum, war schon mit 16 eine Kante von einem Abwehrspieler.

2009, da war Maguire 16, wechselte er vom FC Barnsley zu Sheffield United. Dort reifte er weiter, arbeitete hart am Spiel auf dem Boden. Noch heute profitiert er dabei immens von seinen Erfahrungen auf dem Hockeyplatz. "Rugby hat mich tapfer gemacht und Hockey mein Spielverständnis verbessert", sagte er der Times.

Harry Maguire: Drei Jahre in Folge in der 3. Liga

Am 19. März 2011 debütierte er für die erste Mannschaft, damals spielte Sheffield noch in der 2. Liga, stieg aber als 22. in Liga drei ab. Für Maguire ein wichtiger Rückschritt: "In der 3. Liga ist das Tempo nicht so hoch wie in der 2. Ich konnte mich dort in Ruhe entwickeln und Schritt für Schritt verbessern."

Und das tat er. Obwohl Sheffield drei Jahre in Folge den Aufstieg in die Championship verpasste, wurde Maguire besser und besser. In jener Saison 2014, nach der er betonte, man müsse realistisch bleiben, war er ein 21-jähriger Innenverteidiger mit klasse Stellungsspiel, sicherem Passspiel und deutlich verbessertem Antizipieren, kurz: einer der so rar gesäten englischen Verteidiger mit Potenzial für modernen Fußball.

Maguire nahm die Offerte von Hull City, einem Erstligisten, an - und war zunächst überfordert. "Schon im Training war das Tempo immens", erinnert er sich. Trainer Steve Bruce, der seine Trainerkarriere ausgerechnet bei Sheffield United begann, verbannte Maguire auf die Tribüne. Maguire kam auf nur 276 Pflichtspielminuten, im Winter floh er leihweise zu Wigan Athletic.

Der Zweitligist steckte im Abstiegskampf, Trainer Malky Mackay setzte sofort auf Maguire. Und auch, wenn am Ende der zweite Abstieg seiner Karriere stand, spielte er eine starke Rückrunde, zeigte auch eine Liga über der bei Sheffield gewohnten, sein ganzes Repertoire. 2015 kehrte er zu Hull zurück - und erkämpfte sich in der Rückrunde einen Stammplatz.

Maguire: Chef der schlechtesten Abwehr der Liga - und dennoch begehrt

Hull stieg auf und Maguire war mit 23 Jahren endlich Premier-League-Spieler. Er übernahm Verantwortung, war in der Rückrunde sogar zweimal Kapitän. Und dennoch: Es setzte einige böse Niederlagen, am Ende stieg Hull mit den mit Abstand meisten Gegentoren ab. Für Maguire ist es bereits das dritte Mal.

Er ist als immer noch junger englischer Premier-League-Spieler trotzdem heißbegehrt. Und weil die Ablösesummen immer aberwitziger werden, bezahlt Leicester im Sommer 2017 13,7 Millionen Euro für seine Dienste. Maguire wird zu einem Symbol des Transferwahnsinns. "Wahnsinnig viel Geld", sagt er später. Und spielt dann eine ganz starke Saison. Weil Robert Huth verletzt ausfällt und mit Claude Puel bald ein taktisch versierter Trainer sein Chef wird, ist er gesetzt, verpasst nicht eine einzige Minute in der Premier League-Saison 2017/18.

Weil parallel Nationaltrainer Gareth Southgate im Hinblick auf die WM zu Experimenten bereit war, lud er Maguire, der bisher nur ein einziges Mal für ein englisches U-Team gespielt hatte, in die Nationalmannschaft ein.

Schon nach wenigen Wochen stellte er Fußball-England unter Beweis, dass sich Southgates Mut, auf einen vermeintlichen No-Name wie ihn zu bauen, auszahlen sollte. Bereits vor dem Turnier spielte Maguire sich in der Dreierkette fest und war auch während der WM gesetzt. Im Viertelfinale gegen Schweden avancierte er mit seinem Kopfballtreffer zur 1:0-Führung sogar selbst zum Helden der zahlreichen Fans der Three Lions - auch, weil sie wissen, dass er einer von ihnen ist. Genau zwei Jahre bevor er sein Land ins WM-Halbfinale köpfte, war er als Fan selbst bei der EM in Frankreich und jubelte seinen heutigen Teamkollegen Harry Kane und Co. von der Tribüne aus zu.

Auch in der Saison nach dem Turnier in Russland zeigte Maguire bärenstarke Leistungen, avancierte bei Leicester zum Abwehrchef. Dieser 26-Jährige, da waren sich alle einig, ist noch nicht am Limit. "Ich will mich immer weiterentwickeln", sagte er im April 2019 - und wechselte nur vier Monate später um englischen Rekordmeister.

Harry Maguire hat es geschafft. Dank harter Arbeit und "ein bisschen Glück", wie er sagt. Der kantige Verteidiger, der sich von Jamie Vardy schonmal wegen er Größe seines Kopfs verspotten lassen muss, beschreibt sich selbst als "großen Typen, der sich in einer Schlacht zu behaupten weiß". Typen wie ihn kann man im unruhigen United-Umfeld mit Sicherheit gebrauchen, wenn man tatsächlich zurück an die Spitze der Premier League möchte.

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