Warum der FC Chelsea in der Krise steckt: Das Problem ist nicht nur Maurizio Sarri

Von Jonas Rütten
Steht beim FC Chelsea kurz vor der Entlassung: Trainer Maurizio Sarri.
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2. Sarris Ausrechenbarkeit ist auch eine Konsequenz der Kadermischung

Dass Chelsea unter Sarri schon entschlüsselt scheint, liegt auch daran, dass dem Trainer offenbar für sein Konzept die richtigen Spieler fehlen. Das bemängelte der knurrige Italiener, der aufgrund seines früheren Jobs in einer Bank den Spitznamen "L'impiegato" (der Angestellte) trägt, selbst erst vor Kurzem.

"Wir haben taktische Probleme im Mittelfeld", stellte Sarri gegenüber BT Sport fest: "Wir haben vier Mittelfeldspieler (gemeint waren Jorginho, Mateo Kovacic, Ross Barkley, N'Golo Kante) und drei von ihnen haben die gleichen Eigenschaften. Nur Kante ist defensiv, die anderen sind offensive Mittelfeldspieler."

Zwei Mittelfeldspieler mit den gleichen Charakteristiken aufzustellen, bezeichnete er als schwierig. Sarris Problem ist also ein Stück weit durch die unzureichende Kaderplanung hausgemacht.

Schon Sarri-Vorgänger Conte hatte die Klubführung für ausgebliebene oder gar falsche Transfers kritisiert. Allerdings muss sich Sarri diesbezüglich mindestens den Vorwurf gefallen lassen, zu stur auf sein System zu beharren und sich nicht an die vorhandenen Spieler anzupassen.

3. Sarris "Experimente" mit Hazard, Königstransfer Jorginho und Kante schlagen fehl

Sarri fliegen derzeit besonders seines Aussagen bezüglich seiner offensiven und defensiven Möglichkeiten im Mittelfeld um die Ohren. Sowohl Kante als auch Jorginho sind bei Sarri zwar gesetzt, werden aber nach Meinung der Kritiker auf der falschen Position eingesetzt.

Jorginho, der Sarri auf dessen Wunsch für 57 Millionen Euro von Neapel an die Stamford Bridge gefolgt war, spielt zentral vor der Viererkette der Blues. Auf jener Position also, die er schon bei Napoli besetzt hatte.

Bei Chelsea wurde die Sechserposition in der Vergangenheit aber eigentlich ideal vom lauf- und zweikampfstarken Kante besetzt. Nicht umsonst sagte Teamkollege Eden Hazard noch in der vergangenen Saison über Kante, dass dieser "auf seiner Position der Beste der Welt" sei. Mit ihm in Top-Form habe man "eine 95 prozentige Chance zu gewinnen".

Zwar befindet sich Kante aktuell nicht in eben jener Form, die ihn bei der WM 2018 schon für die französische Nationalmannschaft unverzichtbar gemacht hatte. Allerdings liegt das kritischen Stimmen zufolge auch daran, dass er von Sarri in eine wesentlich offensivere Rolle hineingedrängt und somit seiner Stärken beraubt wurde.

Wurden Opfer von Maurizio Sarris Positions-Experimenten: N'Golo Kante, Jorginho (beide links) und Eden Hazard (rechts).
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Wurden Opfer von Maurizio Sarris Positions-Experimenten: N'Golo Kante, Jorginho (beide links) und Eden Hazard (rechts).

Sarri beharrt jedoch auf seinem Standpunkt, einen technisch starken Spieler im Zentrum vor der Abwehr spielen zu lassen. Also erhält Jorginho dort den Vorzug vor Kante, obwohl Sarris Königstransfer noch merkliche Probleme mit dem im Vergleich zur Serie A wesentlich höheren Tempo der Premier League hat. Eine Maßnahme, die ebenso fragwürdig ist wie die Etablierung von Eden Hazard als falscher Neun im Zentrum.

Hazard, der eigentlich auf dem linken Flügel beheimatet ist und dort im ersten Saisondrittel brillant spielte (sieben Tore, drei Vorlagen bis zum achten Spieltag), wurde von Sarri im Dezember anstelle von Alvaro Morata immer öfter ins Zentrum gestellt, weil der Spanier in einer Formkrise steckte.

Daran hielt Sarri auch fest, als deutlich wurde, dass Hazard, der gleiches schon phasenweise unter Conte durchmachen musste, diese Rolle nicht liegt. "Es ist ein komisches Gefühl, weil du nicht so sehr ins Spiel eingebunden bist", sagte Hazard nach dem überraschenden 2:0-Sieg über Manchester City Anfang Dezember: "Wir haben gewonnen, das ist das Wichtigste."

Im Falle des Erfolgs über City gab Sarri das Ergebnis Recht. Mit Hazard in der Sturmspitze fehlte Chelsea im restlichen Offensivspiel aber zunehmend der kreative Input. Die Blaupause zur Notlösung mit Hazard als Neuner hatte Sarri in Neapel bereits mit Dries Mertens entwickelt.