Fussball

Boxing Day vor 55 Jahren: Die irre Geschichte von 66 Toren in 10 Spielen

West Ham verlor am Boxing Day 1963 mit 2:8 gegen Blackburn.
© imago

Der Boxing Day ist Fußball-England heilig (ab 13.30 Uhr live auf DAZN). Vor 55 Jahren wurde dieser Festtag gebührender gefeiert denn je - mit 66 Toren in zehn Spielen. Es ist bis heute der torreichste Boxing Day in der Geschichte des englischen Fußballs. Vom Massaker an der Bloomfield Road bis zum aufgehenden Stern von Willie Morgan.

Wenn ein Spieler vier Tore in einer Partie erzielt, wird er in der Regel als heroischer Held gefeiert. Tut er das gegen Manchester United, kennen die Lobeshymnen keine Grenzen mehr. Dem Schotten Andy Lochhead gelang dieses Kunststück vor 55 Jahren. Sein FC Burnley hatte gerade das große Manchester United mit 6:1 aus dem Turf Moor geschossen.

Im Anschluss im Rampenlicht stand jedoch nicht Lochhead, sondern sein vier Jahre jüngerer Landsmann Willie Morgan. "Seine Gesamtvorstellung war eine der besten, die ich von einem solch jungen Spieler jemals gesehen habe", schrieb Guardian-Reporter Eric Todd damals. Morgan war gerade mal 18 Jahre alt. Dennoch schien es gegen den Rechtsaußen an diesem Tag kein Gegenmittel zu geben.

Morgan war nicht vom Ball zu trennen - zumindest nicht fair. Pat Crerand zollte dafür Tribut und flog nach 77 Minuten mit Rot vom Platz. Bis dahin war das Spiel jedoch bereits entschieden. Lochhead brachte Burnley schon nach sieben Minuten in Führung. Bobby Charlton gab nach 22 Minuten Uniteds ersten harmlosen Schuss ab. Zur Pause hatte es 2:1 für die Clarets gestanden, ehe Morgan auftrumpfte, zweimal selbst traf und eine weitere Lochhead-Bude vorbereitete.

Übrigens: Zwei Tage später kam es zum erneuten Aufeinandertreffen zwischen Burnley und United. Im Old Trafford nahmen die Red Devils Rache und fertigten die Clarets mit 5:1 ab. Im Sommer 1968 wechselte Morgan zu Manchester United.

Boxing Day 1963 - alle Ergebnisse

HeimGastErgebnis
FC BlackpoolFC Chelsea1:5
FC BurnleyManchester United6:1
FC FulhamIpswich Town10:1
Leicester CityFC Everton2:0
FC LiverpoolStoke City6:1
Nottingham ForestSheffield United3:3
Sheffield WednesdayBolton Wanderers3:0
West BromwichTottenham Hotspur4:4
West Ham UnitedBlackburn Rovers2:8
Wolverhampton WanderersAston Villa3:3

Truthahn-Zauber und der tiefe Fall von Ipswich Town

Die meisten Tore an diesem denkwürdigen Spieltag fielen im Craven Cottage. Der FC Fulham zerlegte beim 10:1-Kantersieg Ipswich Town in alle Einzelteile. Fulham-Boss Bedford Jezzard konnte sich das Spektakel kaum erklären: "Es muss an diesen leckeren Truthähnen gelegen haben, die wir den Spielern zu Weihnachten geschenkt haben. Ab jetzt bekommen sie wöchentlich einen."

Vielmehr aber war es wohl Graham Leggat, der in den Grinch-Modus schaltete und den Tractor Boys die Festtage vermieste. Nach dem Führungstreffer durch Maurice Cook erzielte der "Weiße Wirbelwind" einen Hattrick binnen dreieinhalb Minuten. Ein vermeintlicher Rekord für die Ewigkeit, bis ihn Sadio Mane, damals noch bei Southampton, 2015 gegen Aston Villa knackte (2:56 Minuten).

Alan Mullery, der ebenfalls einen Treffer erzielte, erinnert sich gern an den legendären Boxing Day 1963: "Es gab immer verrückte Resultate rund um Weihnachten. Man konnte es nicht erklären. Aber oft hast du hoch gewonnen oder brutal verloren. Ipswich verfügte damals auch über eine starke Mannschaft. Es war einfach einer dieser Tage."

Dass Ipswich über eine "starke Mannschaft" verfügte, belegt vor allem eines: der Meistertitel, den die Tractor Boys mit nahezu demselben Team nur 18 Monate zuvor gewannen. Am Ende der Folgesaison stieg Ipswich gar ab. Mit einem Torverhältnis von 56:121.

Roger Hunt beschenkt Liverpool-Fans mit vier Toren

Über eine starke Mannschaft verfügte damals auch der FC Liverpool. Immerhin krönten sich die Reds am Ende der Saison mit vier Punkten Vorsprung auf Manchester United zum Meister.

Am Boxing Day sah zur Pause alles nach einem Arbeitssieg gegen Stoke City aus. Ian St. John hatte Liverpool in Führung gebracht. Nach dem Seitenwechsel begann die One-Man-Show von Roger Hunt. Nur drei Minuten von Durchgang zwei waren gespielt, da hatte Hunt die Führung schon auf drei Tore ausgebaut - im Alleingang.

Insgesamt gelangen ihm beim 6:1 vier Treffer. Mit 31 Saisontoren war er der Kopf des Sturmtrios mit St. John (21 Saisontore) und Alf Arrowsmith (15).

FC Chelsea und das Massaker an der Bloomfield Road

Mit dem Titel hatte der FC Chelsea zu dieser Zeit noch nichts zu tun. Nach der Meistersaison 1954/55 rutschten die Blues ins graue Mittelmaß ab. Mehr noch sogar. 1961/62 stieg Chelsea gar sang- und klanglos in Liga zwei ab.

An diesem 26. Dezember 1963, im ersten Jahr nach dem Wiederaufstieg, huschte der Geist der längst vergangenen Weihnacht aber kurz durch die Bloomfield Road in Blackpool.

Chelsea gelang beim 5:1 nahezu alles. "Sie waren immer einen Schritt schneller am Ball", hieß es später im Bericht des Daily Mirror. Die englische Tageszeitung schrieb gar von einem "Massaker": "Alle hätten schon zu Pause heimgehen können."

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