Fussball

Premier League - Troy Deeney vom FC Watford: Vom betrunkenen Maurer zum PL-Star

Von Oliver Maywurm
Troy Deeney hat in der aktuellen Saison bereits zwei Treffer in der Premier League auf dem Konto.
© getty

Troy Deeney hat eine üble Kindheit, ist lange zu faul, um es im Fußball weit zu bringen. Ein Zufall verändert alles - und der Putzfimmel seiner Mutter. Am Mittwoch will er mit dem FC Watford im Carabao Cup Tottenham ein Bein stellen (21 Uhr LIVE auf DAZN).

Sommer 2006. Ein Hochhaus irgendwo in Chelmsley Wood, einem heruntergekommenen Vorort der englischen Millionen-Metropole Birmingham. Der Flughafen ist um die Ecke, die Fassaden der grauen Gebäude alt und bröckelig.

Wer von hier kommt, hat nur zwei Möglichkeiten: Nach rechts gehen, auf die kriminelle Schiene setzen, möglicherweise das große Geld machen, im Konflikt mit dem Gesetz. Oder nach links gehen, den anständigen, legalen Weg, der aber viel steiniger ist und deutlich mehr Beharrlichkeit verlangt, um darauf erfolgreich zu werden.

Troy Deeney kommt von hier. Dazu, sich über seine vermeintlich ohnehin schon verbaute Zukunft Gedanken zu machen, ist er an diesem Morgen nicht in der Lage. Es ist Samstag, gestern war er mit den Jungs unterwegs. Bier in den Pubs, Whiskey und die harten Sachen später im Club. Sein Kopf dröhnt. Eigentlich hat er heute ein Spiel, mit Chelmsley Town, seinem Amateurklub, für den er zum Spaß kickt. Heute hat er keine Lust, will lieber seinen Rausch ausschlafen.

Troy Deeney: "Ich war ein gewöhnliches Problemkind"

Bis seine Mutter ihn rauswirft. "Sie wollte putzen. Das macht sie heute noch so, sie putzt immer samstags", erinnerte sich Deeney, mittlerweile Kultspieler des FC Watford, Premier-League-Profi und laut transfermarkt.de zehn Millionen Euro wert, im Interview mit dem Sports Magazine grinsend. "Sie sagte: 'Du bleibst nicht den ganzen Tag im Bett!' Also ging ich und spielte Fußball."

Es sollte der Anfang einer verrückten Geschichte sein, die der heute 30-Jährige so nie auch nur im Entferntesten geplant hatte. "Es war nie mein Lebensziel, Profi-Fußballer zu sein", erklärte Deeney. "Ich war mehr so ein gewöhnliches Problemkind, geriet häufig in Schwierigkeiten und jagte Mädchen hinterher."

Geboren im Dezember 1988 verbrachte Deeney seine gesamte Kindheit und Jugend in Chelmsley Wood, jenem Brennpunkt-Vorort Birminghams. Er hatte es schwer. Sein leiblicher Vater verließ die Familie noch vor Deeneys Geburt, sein Stiefvater Paul Anthony Burke war in der Unterwelt berüchtigt, pendelte stets zwischen Gefängnis und Freiheit.

Dennoch war das Verhältnis zu seinem Stiefvater innig. "Er hat uns davor beschützt", sagt Deeney über Burke, der seine Gefängnisaufenthalte Troy und seinen beiden Geschwistern gegenüber als Geschäftsreisen oder Urlaub verkaufte.

Watfords Troy Deeney: Fußball nur Nebensache

Deeneys Mutter hatte indes drei Jobs, um die Kinder durchzubringen, ständig klingelten Schuldeneintreiber an der Tür. Irgendwann hatte sie genug, als Deeney elf Jahre alt war, trennten sich seine Eltern. Ein Schlag ins Gesicht, der ihn endgültig in die Klauen des dubiosen Umfelds flüchten ließ.

Er kickte zwar und hatte Talent, Fußball war aber nur Nebensache. Mit 15 lud ihn Aston Villa ein, zur Probe vorzuspielen - doch Deeney schwänzte einfach mal drei der vier Trainingstage, fiel krachend durch.

"Ich war 15 und hatte Sommerferien. Also was denken Sie, was ich tun wollte? Fußball spielen oder in den Park gehen, wo all die Mädels waren?", fragte er in einem Interview mit dem Watford Observer einst vielsagend. Deeney machte Probleme, flog mit 14 von der Schule, durfte mit 15 zurück, ging mit 16 aber dennoch ohne Abschluss ab.

Troy Deeney: Zufällig entdeckt

Er begann eine Maurer-Lehre, verdiente mit 18 umgerechnet nicht einmal 140 Euro pro Woche. Und während es sein jüngerer Brüder Ellis, heute beim Amateurklub Tamworth unter Vertrag, in Villas Nachwuchsakademie schaffte, dümpelte Troys Leben nur so vor sich hin. Bis zu jenem Samstagmorgen, als seine Mutter ihn aus dem Haus warf, weil sie putzen wollte.

Noch reichlich Alkohol vom durchzechten Freitagabend im Blut schleppte sich Deeney zum Spiel - und erzielte dann beim 11:4-Sieg Chelmsleys sieben Tore. Und der Zufall, der in Deeneys Leben so oft eine Rolle spielte, wollte es, dass ein Scout des damaligen Viertligisten Walsall unter den vereinzelten Zuschauern war. Mick Halsall war sein Name, das Spiel, das er sich eigentlich anschauen wollte, war abgesagt worden. So kam er zu Deeneys Match, um seinem Sohn zuzusehen, der im gegnerischen Team kickte.

"Für mich war er erst nur ein alter Mann, der mir in einem Pub fragen stellte", sagte Deeney über denjenigen, der sein Leben verändern sollte. Halsall lud ihn zu einem Probetraining bei Walsall ein, war überzeugt von Deeneys Qualitäten. "Ich dachte nur: Ich weiß nicht mal, wo Walsall ist", blickte Deeney zurück.

Troy Deeney: Vom Probetraining zur Stammkraft

Eigentlich war Walsall nur zehn Minuten von seinem Zuhause entfernt. Sonderlich entschlossen, die Chance beim Schopf zu packen, war Deeney jedoch nicht. Montags sollte er zum Probetraining, ging samstags aus, ging sonntags aus. Wie einst bei Aston Villa schien er auch diese Möglichkeit verstreichen zu lassen, einfach weiter zu schlafen.

"Montagmorgen um neun Uhr klopfte plötzlich jemand an der Tür", erzählt Deeney. Es war Halsall, der ihn aus dem Bett warf, ihn mit zum Training nahm. "Er hätte sich diese Zeit nicht nehmen müssen", sagte Deeney mal voller Respekt für seinen Entdecker. "Nichts in seinem Leben hat sich verändert, indem er meines verbessert hat. Aber er sah einfach etwas in mir."

Deeney überzeugte in Walsall, blieb eine Woche, blieb drei Monate. Er machte acht Tore in acht Spielen für die Reserve, traf achtmal für den Amateurklub Halesowen während einer zweimonatigen Leihe dorthin. Gegen Ende der Saison 2006/07 debütierte er in der vierten Liga für die erste Mannschaft, stieg letztlich mit Walsall in die dritte Liga auf, war dort in der Spielzeit 2007/08 dann Stammkraft.

Troy Deeney: Ikone beim FC Watford

Dann entwickelte Deeney allmählich seinen Torriecher, traf in den beiden kommenden Drittliga-Spielzeiten zwölf- respektive 14-mal. Um schließlich, mit 22, im Sommer 2010, seinen ersten ganz großen Vertrag zu unterschreiben: Beim damaligen Zweitligisten Watford, den er 2015 mit 21 Saisontoren zurück in die Premier League führte und bei dem der mitunter etwas zu kräftig wirkende Mittelstürmer längst eine Ikone ist.

Er hat es geschafft. Aus der Ausweglosigkeit, aus den ganz tiefen Niederungen des englischen Fußballs in die vermutlich beste Liga der Welt. Eine Story wie die von Leicester Citys 2016er Meisterheld Jamie Vardy, oder?

Für Deeney ganz und gar nicht. "Habt Ihr gesehen, wo Jamie Vardy damals gespielt hat?", fragte er das Sports Magazine. "Es war nett, sie hatten schöne Felder, kleine Klubhäuschen, Fotos an der Wand." Bei ihm, damals in Chelmsley, sei das anders gewesen. "Wir haben keine schönen Felder gesehen, haben keine 50 Pfund pro Spiel bekommen. Wir mussten selbst zahlen, mussten unser Trikot mit nach Hause nehmen und waschen."

Die Leistungsdaten von Troy Deeney in der Premier League

SaisonSpieleToreVorlagenMinuten
2018/19621538
2017/1829521.841
2016/17371042.941
2015/16381383.291

Schlägerei verändert Troy Deeneys Leben

Deeney ist stolz darauf, aus Chelmsley zu kommen. Auch wenn ein dunkles Kapitel seines Lebens vielleicht auch daher rührt, wie er dort aufwuchs. Im Juni 2012, bereits gestandener Zweitligaspieler, musste Deeney wegen einer Diskoschlägerei in Birmingham, bei der er einen Studenten schwer am Kopf verletzte, für mehrere Monate ins Gefängnis. Kurz zuvor starb zudem sein Stiefvater an Speiseröhrenkrebs. Es kam alles zusammen. Eine Erfahrung, die ihn prägte.

Ohne die letztlich knapp drei Monate im Knast würde er heute "für irgendeinen Amateurklub spielen, 300 Pfund die Woche bekommen und immer noch denken, dass ich der Größte sei", sagte er mal. Er habe gelernt, die richtigen Leute um sich zu scharen, falschen Freunden abzuschwören. "In der Nacht, in der sich die Schlägerei ereignete, hatte ich 20 Leute im Schlepptau. Und 200 Leute in meinem Blackberry gespeichert. Nur fünf haben mir einen Brief geschickt."

Troy Deeney: "Ich denke nicht, dass ich etwas Besseres bin"

Im September 2012 war Deeney zurück auf freiem Fuß, Watfords damaliger Trainer Gianfranco Zola baute sofort wieder auf ihn. Mittlerweile hat der 30-Jährige in 110 Premier-League-Spielen für Watford 30 Tore erzielt, hat geholfen, die Hornets in Englands Beletage zu etablieren, will am Mittwochabend im Carabao Cup (21 Uhr im LIVE-STREAM auf DAZN) den Spurs ein Bein stellen.

Deeney ist gereift, weiß inzwischen, seine Bekanntheit einzuordnen. "Ich will Menschen inspirieren, ohne mich dabei wie ein Held zu inszenieren", sagt er. "Ich lasse mich nicht von diesem Fußball-Bullshit einnehmen, ich denke nicht, dass ich etwas Besseres bin als andere."

Deeney hat seiner Mutter ein Haus gekauft, hat Kinder - und begriffen, worauf es ankommt. "Ich will, dass die Leute sagen: 'Er ging auf die gleiche Schule wie ich, hat als Junge viel Mist gebaut, aber auch hart gearbeitet und es dort rausgeschafft.'"

Und das wohl nur, weil seine Mutter samstags immer putzt.

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