West Ham Uniteds Stadionumzug und sportliche Talfahrt: Cupfinale alle zwei Wochen

Seit diesem Sommer spielt West Ham United im London Stadium
© getty

West Ham United im Herbst 2016 ist ein Verein in der Findungsphase. Nach 112 Jahren verließen die Hammers im vergangenen Sommer ihre Heimat Upton Park, um ins London Stadium zu ziehen. Seitdem sind der Klub und seine Anhängerschaft einer inneren Zerreißprobe ausgesetzt, die sportliche Krise tut ihr Übriges. Und überhaupt: In welchen Pub sollen die West-Ham-Fans vor einem Heimspiel nun gehen?

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Man könnte fast meinen, die Anhänger von West Ham United leben gerade einen Traum. Wobei, nicht nur irgendeinen Traum, sondern eigentlich: den Traum. "Es fühlt sich derzeit an, als hätten wir alle zwei Wochen ein Cupfinale", erzählt Sean Whetstone, West-Ham-Dauerkartenbesitzer und gleichzeitig ein bekannter Blogger, im Gespräch mit SPOX, "als würden wir zu jedem Heimspiel ins Wembley Stadium fahren."

Das Gefühl ist aber kein schönes und trügt Whetstone noch dazu gehörig, in dieser Saison bestritten die Hammers in Wirklichkeit nämlich noch gar kein Cupfinale, und in den vergangenen zehn Jahren übrigens auch nicht. 2006 standen sie zuletzt in einem FA-Cup-Endspiel. Und das wegen Umbauarbeiten nicht einmal in Wembley, sondern nur im Ausweichstadion in Cardiff. Und außerdem verloren sie.

Vor 36 Jahren, 1980, traten sie letztmals zu einem FA-Cup-Finale in Wembley an. Whetstone nennt es seine "schönste West-Ham-Erinnerung", die Hammers holten damals den Pokal heim nach Upton Park.

Heim nach Upton Park wird es beim nächsten Pokal-Sieg aber nicht mehr geben. Upton Park ist nicht mehr heim und das ist auch der Grund für Whetstones merkwürdiges Gefühl bei Heimspielen. Der geliebte Boleyn Ground mit den markanten Türmen, die das Stadion wie eine Festung aussehen ließen, muss einem Wohnblock weichen. Seit dieser Saison spielt West Ham im London Stadium, der Leichtathletikarena also, die für die Olympischen Spiele 2012 errichtet worden war. "Es fühlt sich nicht wie daheim an", sagt Whetstone, überlegt kurz und schiebt vorsichtig optimistisch hinterher: "Not yet."

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Neue Pubs, neue Routen

112 Jahre lang war der Boleyn Ground die Heimat von West Ham United. Es war aber nicht nur ein Stadion, es war ein Ort, der Fans Halt und ein Gefühl von Zugehörigkeit gab. Er wisse nicht, wie das in Deutschland sei, holt Whetstone aus, aber bei ihm in England, in Ost-London, in Upton Park, bei West Ham United sind die "matchday rituals" ganz elementare Bestandteile eines gelungenen Fußballtages: "Wir gehen vor einem Spiel immer in den gleichen Pub und dann die gleiche Route zum Stadion."

All das müsse jetzt neu gelernt werden. Es braucht neue Pubs und neue Routen. "Niemand mag Veränderungen", sagt Whetstone. Fans nicht und Spieler offenbar auch nicht. In der Premier League ist West Ham nur 17., einen Platz vor der Abstiegszone. Zehn Pflichtspiele absolvierten die Hammers wettbewerbsübergreifend mittlerweile schon im London Stadium und nur die Hälfte gewannen sie.

Trainer Slaven Bilic greift deshalb zu drastischen Maßnahmen: Er lässt seine Mannschaft nicht mehr nur auf dem Trainingsgelände, sondern auch im neuen Stadion üben. "Wir tun das, damit die Spieler mit dem Feld vertraut werden", sagt Bilic. "Wenn du von einem bestimmten Punkt im Training triffst und dich dann im Spiel ebendort befindest, denkst du: 'Genau von hier habe ich gestern schon getroffen'." Gelebter Aberglaube.

Neue Maße

Tatsache ist aber, dass sich die Spieler mit neuen Maßen anfreunden müssen. Das Feld im alten Stadion war kurz und auch schmal, das neue ist größer. Größer ist aber nicht nur die Distanz, die der Linksaußen mit seiner Flanke in die Mitte überbrücken muss. Größer ist auch die Distanz, die der einköpfende Andy Carroll dann bis in die Arme der jubelnden Fans zurücklegen muss. Sollte dieser Andy Carroll denn irgendwann mal wieder fit werden und dann natürlich auch einköpfen. Oder irgendein anderer Stürmer. Als einziger Verein der Liga sind die Hammers noch ohne Stürmertor.

Das London Stadium ist jedenfalls kein Fußballstadion, obwohl man sich doch tatkräftig bemüht hat, es zu einem solchen werden zu lassen. Hellblau und bordeauxrot eingefärbte Sitzschalen machen aus einem Leichtathletikstadion aber ebenso wenig ein Fußballstadion wie meterhohe Plakate der vereinseigenen Stars an der Außenfassade. Alles wirkt steriler, künstlicher als im rustikal-staubigen Boleyn Ground, der berüchtigt war für seine Atmosphäre, die "gegnerische Fans und Spieler einschüchterte", wie Whetstone erzählt.

Neue Fans

Einschüchternd ist die Atmosphäre im neuen Stadion noch nicht. "Sie ist ganz gut", sagt Whetstone. Von Spiel zu Spiel werde es besser. Was dafür aber einschüchtert, sind die Bilder von Randalen im London Stadium, die in dieser Premier-League-Saison so regelmäßig in den News auftauchen wie Vergleiche zwischen Pep Guardiola und Jose Mourinho. Oder zumindest fast so regelmäßig.

West Ham United und das London Stadium ist eine Beziehung im Stadium des Abtastens. Anders und neu ist Vieles, natürlich, vor allem aber größer. Statt 26.000 Dauerkartenbesitzern in der vergangenen Saison gibt es nun 52.000. Probleme zwischen alteingesessenen und neuhinzugekommenen Fans sind dabei programmiert. Der Verein versuchte, Gleichgesinnte im neuen Stadion zusammenzubringen, aber ganz klappte das nicht. Da standen dann etwa singende und hüpfende Stimmungsmacher vor sitzenden Familien mit Kleinkindern.

Der Verein reagierte, 500 Personen wurden neue Plätze zugewiesen. Die angespannte Lage normalisiert sich langsam. Die Fans, die wie Whetstone einst im Boleyn Ground standen, stehen nun auch im neuen Stadion - trotz offiziellem Verbot. "Im ganzen Land stehen Fans im Stadion und die Securities schauen weg", sagt Whetstone. Ein Gentleman's Agreement also, das mittlerweile auch im London Stadium gilt. Das Resultat eines Lernprozesses. Eines Lernprozesses, der einige Ebenen umfasst, die ineinandergreifen müssen.

Neue Bühne, neue Securities

Das London Stadium gehört der Regierung, West Ham ist mit läppischen 2,5 Millionen Pfund jährlich nur Mieter - und das für 99 Jahre. An den 270 Millionen Pfund Umbaukosten beteiligten sich die Hammers mit 15 Millionen. Arsenal-Trainer Arsene Wenger gratulierte West Ham zum Deal, nannte ihn einen "Lottogewinn" und rein finanziell hat er damit unbedingt recht.

An laufenden Kosten muss sich der Klub nämlich auch nicht beteiligen, betrieben wird die Arena von einer Firma, die unter anderem auch für die Security-Mitarbeiter verantwortlich ist. Dabei handelt es sich um Securities, die zwar über reichlich Erfahrungen mit Olympia- und Konzertbesuchern verfügen, jedoch eher weniger mit Fußballfans. Richtigen Fußballfans. Solchen, die an den Oberarmen stolz gekreuzte Hämmer als Tattoo tragen und im Idealfall mehr Pints im Blut haben, als das Team Punkte in der Tabelle und mit rauchiger Stimme ihre Hymne "I'm Forever Blowing Bubbles" grölen. "Die Securitys haben in diesem Bereich keine Erfahrung", sagt Whetstone, "sie lernen gerade."

Ernstfall als Übung also. Am vierten Spieltag der Premier League kam es gegen Watford erstmals zu gröberen Auseinandersetzungen, später auch bei einer League-Cup-Partie gegen Chelsea. Grund für die Randale sind nicht nur wenige Dutzend gewaltbereite West-Ham-Anhänger, sondern auch Auswärts-Fans, die "das neue, medial besonders beäugte Stadion als Bühne nutzen", wie Whetstone erzählt.

Bühne, das ist ein gutes, ein treffendes Wort für das Stadion von West Ham, das noch nicht West Hams Stadion ist. Das London Stadium ist die Bühne, auf der der Verein zwar auftritt, die aber noch nicht seine Heimat ist. Irgendwann wird aber auch das so sein, da ist sich Whetstone sicher. Die Frage ist einzig, wie lange das dauern wird. "Ein Jahr? Zwei Jahre? Zehn Jahre?", fragt Whetstone, "es wird Zeit brauchen, bis das London Stadium unsere richtige, einzige Heimat ist und die Leute nicht mehr an die alte denken."

Alte Rituale

Denken tun derzeit noch etliche an die alte Heimat, manche leben sie auch weiterhin. Ein paar hundert Fans gehen immer noch in ihre alten Pubs in Upton Park und fahren kurz vor Anpfiff mit Bussen zum neuen Stadion, erzählt Whetstone. Er selbst zählt nicht dazu, er will sich mit der neuen Heimat arrangieren. Die Auswahl an Orten, "an denen man sich dort vor dem Spiel treffen kann, um etwas zu essen oder trinken", sei auch nicht so schlecht. Teilweise sogar besser.

Die Erinnerung an Upton Park, an den Boleyn Ground, sie wird langsam verblassen. Das ist unausweichlich. "Die Leute, die unsere alte Heimat noch kennen, werden in den kommenden Jahrzehnten einer nach dem anderen sterben", sagt Whetstone, "das ist traurig, aber das ist die Realität." Der Lauf der Dinge. Eine neue Generation an Fans wird nichts kennen als die neue Heimat: London Stadium.

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