Fussball

Die besten Spurs aller Zeiten: Glory Times 'round White Hart Lane

Die Spurs bejubeln den FA-Cup-Sieg 1961 - Danny Blanchflower (l.) und Bobby Smith halten die Trophäe

Tottenham Hotspur steht im Champions-League-Halbfinale gegen Ajax Amsterdam (Dienstag, 21 Uhr live auf DAZN) und erlebt womöglich gerade die aufregendste Zeit seit Anfang der 1960er Jahre. Damals dominierte Tottenham unter dem legendären Trainer Bill Nicholson mit einem neuartigen Spielstil den englischen Fußball.

Sie nannten ihn "The Ghost" und sie taten das aus mehreren Gründen. Da wäre etwa sein Gesicht. Blass und auch matt sah es stets aus, als er einst über den Rasen der White Hart Lane passte und schoss und lief. Geisterhaft machte er auch das, er sah Spielsituationen immer früher als alle anderen. "Er war unscheinbar und so schwer zu fassen wie Wasser", sagt Julie Welch gegenüber SPOX. Als Spurs-Biographin, Journalistin und Autorin mehrerer Bücher muss sie es wissen.

Der 21. Juli 1964 war es dann, als aus einem Spitznamen Realität wurde. John White wurde zum "Ghost of White Hart Lane". Es war der erste Tag der Saisonvorbereitung, leichte Übungen und, klar, das Mannschaftsfoto standen auf dem Programm. White war unausgelastet, er ging im Anschluss mit einem Teamkollegen Tennis spielen und hatte immer noch nicht genug.

Alleine machte er sich auf den Weg zum Golfplatz und spielte seine Runde. Langsam verfinsterte sich der Himmel, es fing an zu regnen, zu donnern und zu blitzen. White suchte Zuflucht unter einem Baum. Ein Blitz schlug ein und traf ihn. White war sofort tot. Er wurde nur 27 Jahre alt.

Und dann wurden die Spurs spursy

Mit seinem tragischen Lebensende endete gleichzeitig eine Ära der Tottenham Hotspur, die Ära der Tottenham Hotspur. Im Sommer 1964 war Tottenham gleichermaßen glamourös wie erfolgsverwöhnt.

1961 gewannen die Spurs das Double, als erster englischer Verein des 20. Jahrhunderts. 1962 holten sie erneut den FA Cup und standen zum ersten und bis zur aktuellen Saison einzigen Mal im Halbfinale der Königsklasse. 1963 gewannen sie mit dem Europapokal der Pokalsieger als erster britischer Verein einen europäischen Wettbewerb. Die Spurs waren Englands Vorzeigeklub.

Doch dann wurden die Spurs spursy und von Jahr zu Jahr nur immer noch spursyer. Es ist ein Adjektiv, das Tottenhams chronisches wie kurioses Versagen im entscheidenden Moment beschreibt. Womöglich begann all die Tragik mit Whites Tod. Sein Ableben war jedenfalls die "ultimativ spursy Art und Weise, diesen Planeten zu verlassen", schrieb sein Sohn Rob später. Beim Tod seines Vaters war er wenige Monate alt. Er sah seinen Vater und dessen Team nie spielen. Er kennt nur die spursy Spurs.

Geblieben ist den spursy Spurs in den folgenden Jahrzehnten zumeist die sehenswerte, teils spektakuläre Spielweise ihrer Vorfahren. Verloren haben sie aber ihre Zielstrebigkeit und den Erfolgshunger der großen Mannschaft.

Nicholson kam mit dem Nachtzug

Als die große Mannschaft groß wurde, war ihr spiritueller Vater schon längst tot. Er hieß Peter McWilliam und schuf als Tottenham-Trainer in der Zwischenkriegszeit "The Spurs Way". Sein Motto hieß "pass and move". Kontinentaleuropäisch spielten die Spurs und so gar nicht britisch. "Es war nicht ganz tiki-taka aber ziemlich schnell und flüssig", sagt Welch.

Trainer Artur Rowe entwickelte die Spielphilosophie nach dem Krieg weiter, nun hießen die Schlagwörter neben "pass and move" auch "push and run". Eine Feinjustierung des Stils, die auch ein unscheinbarer Defensivspieler ausführte und aufsaugte. Sein Name: Bill Nicholson.

16 Jahre alt war Nicholson, als er den weiten Weg aus seiner Heimat im Nordosten Englands Richtung Metropole London auf sich nahm, alleine und mit dem Nachtzug. Und das, "obwohl ich nicht einmal wusste, wo Tottenham genau liegt". Nicholson stöberte das Vereinssgelände trotzdem auf, er überzeugte beim Probetraining, fand in London eine neue Heimat und in den Spurs seine Berufung.

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