Once upon a time: Manchester-Derby 1974

Der Killer aus den eigenen Reihen

Von Victor Adolf
Mittwoch, 07.09.2016 | 15:47 Uhr
Denis Law
Advertisement
Premier League
Bournemouth -
Manchester City
Premier League
Manchester United -
Leicester
Premier League
Huddersfield -
Southampton (Delayed)
Premier League
Newcastle -
West Ham
Premier League
Crystal palace -
Swansea
Premier League
Chelsea -
Everton
Premier League
Liverpool -
Arsenal

Am Samstag kommt es zum großen Manchester-Derby (13.30 Uhr live auf DAZN und im LIVETICKER). Packende Vergleiche gab es zwischen United und City seit dem ersten Aufeinandertreffen vor 135 Jahren unzählige, doch ein Duell aus den 70er-Jahren zählt unbestritten zu den denkwürdigsten. Im zweiten Teil der Serie "Once upon a time" blickt SPOX auf den Frühling 1974 zurück. Ausgerechnet der "King of Old Trafford" wird zur tragischen Figur für die Red Devils - obwohl er es eigentlich gar nicht wollte.

Das Phänomen Derby stellt die vielleicht packendste, bewegendste Facette dar, die der Fußball zu bieten hat. Die beliebteste Sportart der Welt betritt einen Bereich, an dem Rationalität so gut wie keine Rolle mehr spielt, wo Helden ihre Geburtsstunde erleben und Sterbliche Unsterblichkeit erlangen. Doch der Grat zwischen Legende und Verräter, zwischen Vereinsikone und ewigem Hassobjekt ist ein äußerst schmaler.

Ein Spieler sah sich beiden Extremen ausgesetzt - und hielt am Ende doch die Balance. Es ist die Geschichte des Manchester-Derbys von 1974. Es ist die Geschichte des Denis Law.

27. April 1974, vorletzter Spieltag der First Division: Manchester United, in den späten 60er Jahren noch eine dominante Macht im englischen und internationalen Fußball, steht mit dem Rücken zur Wand. Nach einer katastrophalen Saison finden sich die Red Devils mit 32 Punkten auf dem vorletzten Tabellenplatz wieder. Drei Zähler, bei noch zwei ausstehenden Spielen, trennen den Giganten vom rettenden Ufer. Zu allem Überfluss ist auch noch der Stadtrivale zu Gast im Old Trafford, der selbst im Niemandsland steht und eigentlich keine Ziele mehr hat. Eigentlich.

Das Stadion ist pickepackevoll, 56.996 Zuschauer haben bei ordentlichem Fußballwetter den Weg ins Theatre of Dreams gefunden. Die einen, um dem roten Team bei seinem Vorhaben, den drohenden Gang in die Zweitklassigkeit zu verhindern, beizustehen. Die anderen, um den Blauen zuzujubeln während sie den Erzrivalen demütigen und damit die fußballerische Vorherrschaft in der Industriestadt an sich reißen. Dazwischen? Gibt es nichts.

Erlebe das Manchester-Derby Live und auf Abruf auf DAZN. Hol Dir jetzt Deinen Gratismonat

Auf den Rängen Feinde, auf dem Platz Freunde

Ganz anders sieht es zur damaligen Zeit dagegen auf dem Platz aus. Viele auf dem Platz rivalisierende Akteure kennen sich jahrelang und sind eng befreundet. Sie treffen sich abends auf das eine oder andere Pint und begegnen sich auch im illustren Nachtleben der Stadt häufiger, als es ihren Coaches damals wohl lieb war.

"Viele der Spieler waren wirklich gute Freunde, aber eins kann ich ihnen sagen: Jeder Einzelne hätte alles in seiner Macht stehende dafür getan, um dieses Spiel zu gewinnen." - Lou Macari, Manchester United

Die Partie beginnt verhalten. Für die Red Devils steht zu viel auf dem Spiel, als könne man die Nervosität einfach so abschütteln, das Abstiegsgespenst mal eben aus dem Hinterkopf verbannen. Bei den Citizens findet die Kreativabteilung um Colin Bell, Francis "Franny" Lee und Mike Summerbee ihren Rhythmus nicht. Der in die Jahre gekommene, aber immer noch geniale Goalgetter Denis Law hängt in der Luft und hadert mit seinen Teamkollegen.

Blaues Trikot, rotes Herz

Dabei trug Law an besagtem Samstag eigentlich das falsche Trikot. Elf Jahre lief er für die Red Devils auf, gewann mit ihnen den FA-Cup, zwei Meistertitel und 1968 den Europapokal der Landesmeister. Gemeinsam mit dem ehrwürdigen Sir Bobby Charlton und dem unwiderstehlichen George Best bildete er jahrelang eine der gefürchtetsten Angriffsreihen des Kontinents. In der vereinsinternen Torjägerliste belegt Law, 1964 als bis dato einziger Schotte zu Europas Fußballer des Jahres gewählt, mit 237 Buden Rang drei (hinter Charlton und einem gewissen Wayne Rooney).

1973 hatte man dann keine Verwendung mehr für den ersten "King of Old Trafford" und so entschied er sich für den ungeliebten Stadtrivalen. Nicht aus Argwohn oder gar Trotz, sondern aus Liebe zur Stadt Manchester.

Aber zurück zum Geschehen. United, das an diesem Tag wahrlich keine ansehnliche Kugel schiebt, sich aber von Minute zu Minute immer tiefer in die Begegnung verbeißt, hat die einzige Großchance im ersten Durchgang. Nach einer Ecke wird McCalliogs Kopfball noch im letzten Moment auf der Linie geklärt. Ein tiefes Raunen geht durchs Stadion.

Zweiter Durchgang, gleiches Bild: Bei den Blauen klappt nun zwar mehr, im Abschluss bleibt das Team von City-Urgestein Tony Book aber weiterhin harmlos. Dann ist es schon wieder da, das tiefe Raunen. Abermals nach einer Ecke kommen die Roten am Fünfer völlig frei zum Abschluss, wieder schädelt ein Verteidiger den Ball in letzter Sekunde von der Linie.

Ein Bauerntrick bringt die Entscheidung

Die Fans werden ungeduldig, wollen Einfluss auf das Geschehen nehmen. Nachdem City-Angreifer Dennis Tueart an der Latte scheitert, reißt bei einigen der Geduldsfaden. Hinter dem Tor von United-Keeper Alex Stepney, in dieser Saison mit drei verwandelten Elfmetern einer der erfolgreichsten Schützen seines Teams (was die damalige Situation bei Manchester United auf sehr genaue, wenn auch äußerst bedenkliche Art und Weise beschreibt), steigt Rauch auf.

Dann die 81. Spielminute: United verliert den Ball in der gegnerischen Hälfte, der Ball landet bei Colin Bell. Das Mittelfeld der Roten ist völlig verwaist, seelenruhig treibt er das Leder nach vorne. An der Abwehrkette angelangt reicht ein kurzer Pass, "Franny" Lee kann halbrechts in den Strafraum ziehen und die Kugel in die Mitte bringen. Am Fünfer lauert der Stürmer, das Zuspiel ist aber zu unpräzise. Eigentlich muss er den Ball mit dem Rücken zum Tor annehmen. Eigentlich.

Denn der Stürmer hört auf den Namen Denis Law und hat eine bessere Idee. Mit der Hacke bugsiert er die Pille am verdutzten Stepney vorbei ins Netz. Der Mann, dem sie Jahrzehnte später ein Denkmal vor dem Old Trafford errichten sollten, hatte seinem Herzensverein mit einem Bauerntrick den Todesstoß versetzt.

"Ich fühlte mich einfach niedergeschlagen und das sah mir überhaupt nicht ähnlich. Nach 19 Jahren in denen ich immer mein Bestes gab, um den Ball ins Netz zu hauen, war hier einer von dem ich mir wünschen würde, er wäre nie reingegangen. Wie lange das Gefühl anhielt? Nun ja, wie lange ist das Spiel her? Über 30 Jahre? Da haben sie ihre Antwort." - Denis Law, Manchester City

Für einen kurzen Moment bleibt im Old Trafford die Zeit stehen. Der Torschütze feiert seinen Treffer nicht. Fassungslos läuft er in Richtung Anstoßpunkt. Die verhaltenen Gratulationen seiner Mitspieler, denen die Tragweite des Treffers offenbar schon früher bewusst wird als Law selbst, lässt er nahezu regungslos über sich ergehen. Einige Zuschauer verfallen in eine Schockstarre, andere sind völlig außer sich und stürmen auf den Platz.

Platzsturm, Spielabbruch und Polizeiaufmarsch

Nach einigen Minuten beruhigt sich die Meute und findet auf die Ränge zurück. Der tragische Held, für den der Torerfolg die letzte Ballberührung seiner Klubkarriere sein würde, wird sofort ausgewechselt und die Partie nimmt seinen Lauf. Etwa zwei Minuten später irren wieder zahlreiche Anhänger auf dem Feld herum, die Situation droht aus dem Ruder zu laufen. Der Schiedsrichter hat keine andere Wahl mehr und entscheidet auf Spielabbruch. Wenige Augenblicke später marschiert die Polizei auf.

Die Wertung des Spiels bleibt logischerweise bestehen und so muss United erstmals nach 32 Jahren wieder den Gang in die Zweitklassigkeit antreten. In Erinnerung bleibt ein faszinierender Stürmer und Mensch, dem in der Geschichte beider Manchester-Klubs sein ganz eigenes Kapitel gehört. Erst nach der Partie wird klar, dass die Red Devils aufgrund der Ergebnisse der Konkurrenz auch bei einem Sieg gegen den Rivalen abgestiegen wären.

Streng genommen hatte das Tor von Law also eigentlich keine Bedeutung. Eigentlich.

Alles zur Premier League

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung