Peps Toptalent oder nur Playstation?

Von Niccolo Schmitter
Freitag, 15.07.2016 | 13:00 Uhr
Oleksandr Zinchenko gilt als das nächste Top-Talent aus der Ukraine
© getty
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Oleksandr Zinchenko gilt als das nächste ukrainische Top-Talent. Borussia Dortmund war lange am Youngster dran, zog am Ende jedoch den Kürzeren, als Manchester City dazwischen grätschte und sich Zinchenko schnappte. Wer ist das Talent, das mit Thomas Tuchel und Pep Guardiola gleich zwei Taktik-Füchse unbedingt verpflichten wollten?

Andriy Shevchenko kann so einige Rekorde und Auszeichnungen sein eigen nennen. Vom ukrainischen Rekordtorschützen bis zum europäischen Fußballer des Jahres 2004 ist so ziemlich alles dabei, von dem ein Profi-Fußballer träumen kann. Einer seiner zahlreichen Rekorde wurde ihm jedoch am 29. Mai 2016 aus der Sammlung entwendet.

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Am besagten Tag war die ukrainische Nationalmannschaft für ein Testspiel in Turin zu Gast, als Gegner hatte man es mit Rumänien zu tun. Mit einem 1:1 gingen beide Mannschaften in die Pause, neue Impulse wurden dringend benötigt, um dem schleppendem Spiel wieder Aufwind zu geben. Zu diesem Zweck wurde ein 19-jähriger Mittelfeldspieler eingewechselt. Keine drei Minuten später brachte der Junge die Ukraine in Führung und trug sich zugleich in die Geschichtsbücher ein. Denn mit diesem Treffer löste Oleksandr Zinchenko Shevchenko als jüngsten Torschützen in der Geschichte der ukrainischen Nationalmannschaft ab.

Vom Donbass in die Steppe

Zinchenko gilt als das nächste ukrainische Mega-Talent, sein rasanter Aufstieg begann jedoch erst vergangene Saison beim russischen Klub FK Ufa. Ursprünglich entstammt der Youngster aus der renommierten Nachwuchsakademie von Shakhtar Donezk. Dort durchlief er seit 2009 die Ausbildung und führte als Kapitän der U19 die Truppe aus dem Donbass bis ins Achtelfinale der UEFA Youth League 2013/14.

Anschließend sollte er in die erste Mannschaft aufgenommen werden, doch anders als für Viktor Kovalenko, den Rivalen auf seiner Position im offensiven Mittelfeld, war für Zinchenko kein Platz im Kader. Ein Wechsel musste her und der führte den damals noch 18-Jährigen im Februar 2015 ablösefrei nach Ufa, eine Millionenstadt in der Nähe der russisch-kasachischen Grenze. Auf den ersten Blick verwundert es, warum Donezk ein solches Talent für lau ziehen lässt und in der Tat geschah der Transfer bei weitem nicht ohne Störfeuer. Serhiy Palkin, Sportdirektor der Ukrainer, behauptete, dass Zinchenko seinen Vertrag einseitig auflöste, um den Wechsel zu ermöglichen. Deshalb soll Donezk nun Klub und Spieler bei der FIFA verklagen. Palkin soll überzeugt sein, dass der Youngster noch sanktioniert wird.

Ein Aufstieg so rasant wie sein Antritt

Seinen Leistungen litten unter dieser Posse jedoch nicht - im Gegenteil. In der Saison 2015/16 entwickelte sich Zinchenko nach und nach zum unumstrittenen Stammspieler. Vor allem seine Qualitäten im Umschaltspiel, gepaart mit seinem fulminanten Antritt, kann man zu seinen größten Stärken zählen. Zinchenko braucht keine schönen Dribblings, um an seinen Gegnern vorbeizukommen. So deutet er im Umschaltspiel gerne an, das Spiel zu verlangsamen, nur um dann im richtigen Moment, wenn sein Gegenspieler sich entspannt, rasant an ihm vorbeizusprinten.

Dennoch ist seine Ballbehandlung nicht zu unterschätzen. Zinchenko kann den Ball auf begrenztem Raum behaupten, sich durch feine Körpertäuschungen Platz verschaffen und so auch trotz engster Deckung das Spielgerät in Sicherheit bringen. Somit kann er im offensiven Mittelfeld auch wunderbar den Ball mit dem Rücken zum Tor aufnehmen und anschließend das Spiel dank seines großen Repertoires auf unterschiedliche Art und Weise fortführen. Zinchenko kann den Ball dank seiner Übersicht direkt weiterleiten, sich aber ebenso mit dem Spielgerät umdrehen und Tempo aufnehmen. Im Konter stechen dann besonders seine punktgenauen Pässe in die Schnittstellen hervor.

Trotz seines jungen Alters und der geringen Körpergröße von 1,75 Meter kann der Youngster eine ausgesprochene Robustheit vorweisen, die es gepaart mit seiner guten Ballführung Verteidigern schwer macht, ihn vom Ball zu trennen. Auch seine Technik am ruhenden Ball ist nicht zu vernachlässigen, schoss er doch schon bei Ufa einen Großteil aller Standards. All diese Qualitäten kamen in der vergangenen Spielzeit zum Tragen und begeisterten die Fans. Am Ende wurde er von den Anhängern seines Klubs zum Spieler der Saison gewählt. Und als sei dies nicht genug, berief ihn Mykhaylo Fomenko in den EM-Kader. In Frankreich absolvierte er alle drei Gruppenspiele, im letzten und alles entscheidenden gegen Polen spielte er von Beginn an. Dabei verdrängte er - Ironie des Schicksals - Viktor Kovalenko auf die Bank.

Pep grätscht dazwischen

Nun hat Zinchenko bei Manchester City einen Fünfjahresvertrag unterschrieben. Auch Borussia Dortmund war lange am Teenager dran, der Transfer schien quasi schon fix zu sein. So sagte German Tkachenko, Chef der Beraterfirma, die den Ukrainer repräsentiert, vor einigen Monaten: "Ich bin mir so gut wie sicher, das Oleksandr Zinchenko zu Borussia Dortmund wechseln wird. Dortmund hat sich bereits entschieden, es ist nur noch nicht sicher, ob er zu Beginn in der ersten oder doch in der zweiten Mannschaft auflaufen wird." Doch dann kam Pep.

Zinchenko gelang es, die Aufmerksamkeit des katalanischen Star-Coaches zu erlangen, der den Youngster daraufhin unbedingt zu den Citizens lotsen wollte. Ein Grund dafür wird sicherlich auch seine Polyvalenz gewesen sein. Denn Zinchenko kann in der offensiven Dreierreihe problemlos alle Positionen bekleiden. Er kann im Zentrum das Spiel dirigieren und vorantreiben, er kann auf der rechten Seite mit seinem starken linken Fuß in die Mitte ziehen und dementsprechend auf links zur Grundlinie sprinten, um von dort messerscharfe Flanken zu bringen. Zur Not kann er auch als Achter auflaufen.

Spielzeit bei City? Nur auf der Playstation

Dazu kann Zinchenko noch die Position des Linksverteidigers ausfüllen. Dort lief er bei FK Ufa regelmäßig auf. Dies scheint aber eine Vergeudung seiner Qualitäten zu sein, zu stark bewegt er sich dafür in der Offensive. Noch wird eine Berufung in den Kader der ersten Mannschaft von ManCity aber zu früh kommen. Die ukrainische Legende Andriy Voronin drückte sich dahingehend deutlich aus: "Zinchenko ist talentiert, aber er muss realistisch bleiben. Er muss erst Erfahrung und Spielpraxis erlangen. Für Manchester City kann er nur auf der Playstation spielen."

Sein Berater schlägt dagegen ganz andere Töne an. "Zinchenko wollte unter Pep Guardiola arbeiten und in der Premier League spielen. Wir haben uns mit einer Leihe für die nächste Saison nicht beschäftigt. Wir haben gesunde Ambitionen. Guardiola kennt seine Fähigkeiten und wartet auf ihn", so Oleg Eryomin: "Wie erwarten, dass Zinchenko regelmäßig in der Startelf eingesetzt wird."

Gesunde Ambitionen oder einfach nur Naivität? Wenn dies wirklich die Erwartungen des Youngsters sein sollten, könnte seine Vita demnächst der von Martin Ödegaard ähneln. Geht er seine Karriere jedoch besonnen und mit Geduld an, dann könnte Manchester City seinen langfristigen Ersatz für David Silva bereits im Kader haben.

Oleksandr Zinchenko im Steckbrief

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