Jürgen Klopps erste Wochen in Liverpool

(Keine) Zeit für Veränderungen

Von Marco Kieferl
Mittwoch, 28.10.2015 | 13:11 Uhr
Capital One Cup: FC Liverpool - AFC Bournemouth im Livestream bei SPOX
© getty
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Seit genau 20 Tagen ist Jürgen Klopp Trainer in Liverpool. Der 48-Jährige wurde als Heilsbringer empfangen, wartet aber nach drei Remis weiter auf den ersten Sieg. Erste Ansätze sind erkennbar, doch vom Klopp'schen Fußball sind die Reds noch ein ganzes Stück entfernt. Im Capital One Cup gegen den AFC Bournemouth (20.45 Uhr im LIVESTREAM) erwarten die Fans an der Anfield Road den nächsten Schritt.

Es war einer dieser typischen Klopp-Momente: Mit wildem Blick folgte er der Flanke von James Millner, deutete einen Kopfball an und drehte dann zum Vollsprint an der Seitenlinie inklusive formvollendetem Jubelsprung ab. Die Anfield Road verfiel gemeinsam mit dem etwas eigenwilligen "Normal One" in Ekstase und wurde keine 15 Minuten später doch so schnell wie schmerzhaft wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

1:1 - schon wieder. Sieben der letzten neun Begegnungen mit Beteiligung des Liverpool FC endeten nach 90 Minuten mit diesem Ergebnis, ein weiteres Mal verließen die Anhänger das Stadion ohne einen Dreier. Spätestens nach den drei Remis unter dem neuen Trainer weiß man auch an der Merseyside, dass Klopp nicht zaubern kann.

Vieles erinnert im Spiel der Reds noch an Vorgänger Brendan Rodgers, der Abstand zur Tabellenspitze wuchs an den vergangenen beiden Spieltagen auf acht Zähler, doch von Pessimismus fehlt nach wie vor jede Spur.

Startelf stellt sich selbst auf

"Ich bin überrascht, wie groß die Fortschritte sind, die wir bereits gemacht haben", äußerte sich der Ex-BVB-Coach bislang optimistisch, gab jedoch unumwunden zu: "Die Ergebnisse waren nicht die allerbesten, aber wir haben gegen keineswegs leichte Gegner immerhin nicht verloren."

Niederlagen vermeiden, war beim glorreichen FC Liverpool selten die oberste Maxime, das weiß selbstverständlich auch Klopp. Blickt man jedoch genauer auf die Umstände seiner ersten Wochen, wird deutlich, dass den Reds in vielerlei Hinsicht die Hände gebunden waren.

Gleich zum Auftakt seiner Amtszeit musste Klopp die Kreuzbandrisse von Joe Gomez und Danny Ings hinnehmen. Mit Daniel Sturridge und Jordan Henderson fehlen weitere wichtige Stützen, während Christian Benteke, Roberto Firmino und Dejan Lovren erst wieder langsam an das Team herangeführt werden.

Sicherheit durch Eingespieltheit

Die größten Veränderungen unter neuen Trainern zeigen sich für gewöhnlich in der Startelf. Für Klopp stellte sich diese in den ersten Begegnungen beinahe von selbst auf. Dreimal liefen die Reds im charakteristischen 4-5-1-System auf, dabei gab es abgesehen von Joe Allen in der Europa League keine einzige Umstellung.

Die Idee dahinter scheint einfach: In knapp drei Trainingswochen musste Neuling Klopp bislang einmal ohne sämtliche Nationalspieler auskommen und wurde in der Folge durch Pokalspiele unterbrochen. Viel Zeit, sich aufeinander abzustimmen, bleibt den Spielern nicht. Sicherheit durch Eingespieltheit lautet das Motto.

"Wir können es mit diesen Spielern auf dem Platz definitiv besser machen. Ich sehe, dass jeder kämpfen, gewinnen und alles geben möchte, zu 100 Prozent", will Klopp Personalprobleme nicht als Ausrede gelten lassen.

Schwächen im Spielaufbau

Die defensiv positive Entwicklung der letzten Wochen unter Brendan Rodgers konnte man nahtlos fortführen, tendenziell sogar steigern. Liverpool kassierte gegen gefährliche Gegner wie Tottenham und Southampton bislang nur zwei Gegentore.

Die neue Viererkette mit den Außenverteidigern Clyne und Moreno sowie den beiden Abwehrriegeln Skrtel und Sakho steht bislang relativ stabil, individuelle Fehler wie vor dem 0:1 gegen Kazan oder dem Freistoßgegentor gegen die Saints ziehen sich jedoch weiterhin wie ein roter Faden durch die Saison.

So sehr die Kompromisslosigkeit der Innenverteidiger in England auch ankommt, so schmerzt die Reds die spielerische Limitiertheit von Skrtel und Co. Die Spieleröffnung aus der Viererkette heraus erfolgt bislang viel zu schleppend und unkreativ, von einem Mats Hummels können die Fans an der Anfield Road nur träumen.

Gegenpressing deutet sich an

Besonders schwer wiegt dieses Manko, weil ohne Henderson die Struktur aus dem Mittelfeld fehlt. Lucas ist ein solider Arbeiter, aber kein Mann für den tödlichen Pass. Auch Emre Can lebt von seiner Robustheit, will trotz aller Dynamik aber viel zu oft mit dem Kopf durch die Wand. Hier gilt es für Klopp noch anzusetzen. Einen Denker und Lenker im Mittelfeld vom Kaliber eines Gündogan oder Sahin hat er bislang noch nicht gefunden.

Der Begriff des Gegenpressings gilt auf der Insel nunmehr als geflügeltes Wort. Dieser Aspekt des typischen Klopp-Fußballs lässt sich bisher am klarsten im Spiel der Reds erkennen. Co-Trainer Pep Ljinders erklärte dem Liverpool Echo, wie man sich das im Trainerteam vorstellt: "Erstens Pressen, zweitens nahe an den Gegner kommen und drittens Ball erobern. So wird es immer leichter, sich höher auf dem Spielfeld zu orientieren und bei Ballgewinn den freien Mitspieler für einen gefährlichen Angriff zu finden."

Besonders tut sich dabei Emre Can hervor, der den gegnerischen Mittelfeldspielern schon früh in deren eigener Hälfte nachsetzt. Ab und an fehlt es dabei noch am richtigen Timing, doch der Ansatz ist erkennbar. Kontergelegenheiten boten sich den Reds in den vergangenen Spielen genug, nur spielte man diese noch zu ungenau und kompliziert aus.

Benteke füttern, nicht verhungern lassen

Ein Grund dafür ist das nach wie vor lahmende Spiel über die Flügel. Unter Brendan Rodgers schalteten sich die Außenverteidiger der situativen Fünfer- oder Dreierkette viel zu selten in die Offensive ein. Klopp versucht, dem durch eine Viererkette und die beiden offensiven Außen Abhilfe zu schaffen.

Als Liverpool in Überzahl gegen Rubin Kazan zum Sturmlauf ansetzte, zeigte sich, wie das Offensivkonzept der Reds im Groben aussehen könnte. Clyne und Moreno zogen immer wieder bis an die Grundlinie, um Benteke und Co. in der Mitte mit Flanken zu füttern. Was dabei fehlt, ist bislang die Genauigkeit und die fehlende Unterstützung aus dem Mittelfeld.

Milner und Coutinho sind zwar nominell auf dem Flügel aufgestellt, ziehen aber mit Vorliebe in die Mitte, um mehr ins Spiel eingebunden zu werden. Die Außen sind in der Folge oft verwaist, Clyne und Moreno agieren dann mit angezogener Handbremse.

Sterlings Verlust wiegt schwer

Benteke wäre als Stürmer der Prototyp für ein auf Flanken basierendes Offensivkonzept, den Beweis lieferte der Belgier nicht zuletzt mit einem wuchtigen Kopfballtor gegen Southampton. Divock Origi gilt als Versprechen für die Zukunft, wirkte in Abwesenheit des verletzten Sturmführers jedoch oft überfordert.

Sturridge wäre der Spielidee von Klopps Fußball sicherlich am ähnlichsten, doch der Engländer wird zumindest gegen Bournemouth noch nicht in den Kader zurückkehren. Seine und Firminos Qualitäten im Eins gegen Eins hätten eigentlich den Verlust von Raheem Sterling auffangen sollen.

Die Spielidee konnte Klopp in der kurzen Zeit noch nicht grundlegend ändern. Was sich der gebürtige Stuttgarter aber sicher zum Ziel gesetzt hat, ist eine neue Mentalität seiner Mannschaft. Umso enttäuschter zeigte er sich trotz bis dato sichtbarer Veränderungen von Liverpools Reaktion auf den späten Ausgleich gegen Southampton.

Keine positive Ausstrahlung

"Keiner war mehr in der Lage, nachzulegen, etwas Positives auszustrahlen. Ich glaube, die Fans waren in diesem Moment auch enttäuscht, weil wir es alle so dringend wollen", resümierte Klopp gegenüber Sky: "Wir sind stark genug, gut genug, talentiert genug, alles ist gegeben. Aber sie sind nicht cool - und das ist das Problem momentan."

Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Das gilt auch für den Liverpool FC im Herbst 2015. Bevor man dieses Sprichwort jedoch ins Englische übersetzt, wählt Jürgen Klopp andere Worte: "Es ist nicht wichtig, wie viele Fehler man im Spiel macht, sondern nur, dass sich danach keiner mehr daran erinnert."

Fehler sind belanglos, wenn sie keine ernstzunehmenden Konsequenzen haben. Fortschritte dokumentieren sich am offensichtlichsten durch Erfolge. Ein Sieg gegen den AFC Bournemouth im Pokal wäre ein Schritt in die richtige Richtung.

Jürgen Klopp im Steckbrief

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