Stoff für Gänsehaut

Thierry Henry sorgte für einen der vielen Gänsehautmomente im Derby
© getty

Das North London Derby zwischen dem FC Arsenal und den Tottenham Hotspur blickt auf eine lange Geschichte zurück. Von jüngsten Zwischenfällen durch Heung-Min Son oder Jack Wilshere geht es über Sol Campbell bis hin zur Nachkriegszeit 1919. Heute wird im Capital One Cup das neueste Kapitel geschrieben. SPOX zeigt das Spiel im LIVESTREAM FOR FREE ab 20.45 Uhr. Kommentator ist Marco Hagemann.

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Sitzen zwei Tottenham-Fans an der Themse und angeln. In die Stille hinein sagt der eine plötzlich: "Die Gunners haben schon wieder verloren." Verwundert fragt der zweite Mann: "Woher weißt du das?" - "Es ist Viertel nach fünf", antwortet der erste.

Was hat man, wenn ein Arsenal-Fan bis zum Kopf im Sand steckt? Nicht genug Sand. Wie nennt man fünf Spurs-Fans, die Ohr an Ohr stehen? Einen Windtunnel.

Das Aufeinandertreffen zwischen Spurs und Arsenal, das North London Derby, ist gelebte Rivalität. Es ist hochemotional und auf seine ganz eigene, bewusst überzogene Art brillanter englischer Humor. Es ist nicht immer - eigentlich nie - purer Fußball. Hinter jedem Duell steckt eine Geschichte, manchmal kleiner, manchmal größer. Es ist aber immer beste Unterhaltung.

Wer gewann das erste Spiel?

Die Geschichte reicht weit zurück. Viel weiter, als manch andere Klubs überhaupt existieren. 1887 fand das erste Duell zwischen beiden Klubs statt. Royal London gegen den Tottenham Hotspur Football and Athletic Club trug den Titel eines Freundschaftsspiels, einen Sieger gab es nur bedingt. Die Partie musste abgebrochen werden, nicht aufgrund von Randalen oder Ausschreitungen, sondern schlicht, weil es zu dunkel geworden war.

Die Spurs führten zu diesem Zeitpunkt 2:1, verbuchen also bis heute das erste Duell als ihren Sieg. Anders sieht es im Lager der Gunners aus. Am 4. Dezember 1909 siegte Arsenal in der First Division mit 1:0. Das erste Pflichtspiel, für den roten Teil Londons damit auch das erste offizielle Aufeinandertreffen.

Rivalität ist ein großes Wort, das im Fußball etwas zu oft an falscher Stelle angeführt wird. Echte Rivalität trugen die Londoner zu diesem frühen Zeitpunkt nur bedingt aus. Zahlreiche Freundschaftsspiele zur Zeit des ersten Weltkriegs hatten vor allem einen sozialen Hintergrund.

Sir Norris macht aus Derby Rivalität

Zu echten Rivalen, zu weiß und rot, zur Wahl des Königs von London wurde das Duell erst im Jahr 1919. Die englische erste Liga sollte erweitert werden um zwei Teams, von 20 auf 22. Die beiden Aufsteiger würden hinzustoßen, als Absteiger standen eigentlich der FC Chelsea und die Spurs fest. Während Chelsea sich schnell ans sichere Ufer rettete, wurde ausgerechnet Arsenal Tottenham zum Verhängnis.

Die Gunners, eigentlich nur Fünfter der zweiten Liga, waren so gar nicht die Mannschaft, die sich ein Engagement auf oberster Ebene verdient hatte. Zumindest aus sportlicher Sicht. Sir Henry Norris - treue Spurs-Fans mögen an dieser Stelle kurz ausspucken und sich den Mund waschen - sah das ganz anders.

Als Vorsitzender von Woolwich Arsenal setzte er alle Hebel in Bewegung. Mit Erfolg. Es wurde abgestimmt über den 22. Platz in der First Division, Arsenal siegte mit 18 Stimmen vor der Konkurrenz um Tottenham, die ihrerseits nur auf acht Unterstützer kam. Nachweisen kann man ihm bis heute nichts, Liga-Präsident John McKenna aus Liverpool machte die Entscheidung an der längeren Liga-Zugehörigkeit fest.

Die Gunners an der Lane

Aus dem lokalen Derby - das Highbury und die White Hart Lane stehen nur vier Meilen voneinander entfernt - war eine Rivalität geworden, die Einleitung einer sich in Absurdität und Unberechenbarkeit ständig selbst überbietenden Geschichte. Da wäre das Derby aus dem September 1922, nach dem beide Klubs einige Geisterspiele austragen mussten, da wäre der doppelte Schlag ins Gesicht jedes Spurs-Fans.

Tottenham fand lange Zeit nur in der zweiten Liga statt, während die Gunners an der White Hart Lane Erstliga-Fußball zeigten. Das Highbury wurde zum Schutz der Bürger vor Bombenangriffen genutzt, so zog Arsenal in das Stadion des Feindes.

Am 3. Mai 1971 spielte Arsenal schon lange wieder im Highbury, gefeiert wurde aber an der Lane. Ray Kennedy erzielte ein spätes Tor zum Titelgewinn der Gunners im tiefsten Heiligtum der Spurs. Erst 20 Jahre später gelang die Revanche: Paul Gascogine und der doppelte Gary Lineker sicherten den FA-Cup-Sieg am 14. April 1991.

Happy St. Totteringham's Day

Die Tottenham-Anhänger riefen an diesem 14. April den St. Hotspur Day ins Leben, der allerdings erst wieder 2010 mit einem 2:1-Sieg gefeiert werden durfte. Erfolgreicher war da "arseweb.com", die 2002 den St. Totteringham's Day ins Leben riefen. Jedes Jahr wieder feiern die Gooners den Spieltag, an dem die Spurs rechnerisch nicht mehr an Arsenal vorbeiziehen können.

"Keep Calm And Count Down To St. Totteringham's Day", genießt man gerne im roten Teil Londons, feierte man doch am 4. Mai 2015 die 50. Wiederholung, während die Spurs nur 28 Mal vor den Gunners landen. Die Definition des Feiertags wird deshalb gerne geliefert: "Der Tag im Jahr, an dem bei allen Spurs-Fans, die dachten 'dies ist das Jahr' die Wettsummen eingeholt werden dürfen."

Richtig große Summen dürften 2004 geflossen sein: Die Invincibles von Arsene Wenger gewannen zum zweiten Mal den Titel an der White Hart Lane und schlossen die Liga-Saison ohne Niederlage ab - James Redknapp und Robbie Keane konnten nur auf 2:2 stellen.

Zwei Seiten, zwei Helden: Hendry und Henry

Besondere Rivalitäten brauchen auch immer besondere Spieler. Spieler, die Momente liefern, die man nicht mehr vergisst. John Hendry mit seinem Doppelpack 1993, der den Spurs zum ersten Mal eine PL-Abschlussplatzierung vor Arsenal einbrachte. Thierry Henry, der im kalten Winter von 2002 seinen Sprint über das gesamte Feld mit einem Tor abschloss und anschließend vor der Spurs-Kurve auf die Knie ging.

Oder Sol Campbell, der sich auf die banalste aller Arten im Fußball unsterblich machte. Er wechselte in einem "Shocking-Move", wie der gemeine Engländer noch immer flucht, von den Spurs zu Arsenal. Das Grinsen von Wenger, der bei der anschließenden Pressekonferenz vermeldete, die "richtige sportliche Herausforderung" geboten zu haben, setzte dem Transfer die Krone auf.

14 Jahre später singt man an der Lane noch immer über den ablösefrei gewechselten Innenverteidiger. Die 258 Spiele im weißen Trikot sind aber beim besten Willen nicht Inhalt der Liedtexte: "Heeeyyyy. Sol Campbell, Judas. I wanna know' ooo why you're such a cunt."

Walcotts Geste und Wilsheres Gesang

Die Geschichten sind beinahe unendlich. Theo Walcott, der vom Platz getragen wird und den Spurs-Fans den Spielstand anzeigt, als sie hämisch klatschen. Jack Wilshere, der sein Gesangstalent mit deftigen Anti-Spurs-Gesängen demonstrierte oder die Häme für Harry Kane, der einst für Arsenal auflief.

Dann ist da die neue White Hart Lane, die rein zufällig 100 Plätze mehr haben wird als das Emirates Stadium des Rivalen und noch ist lange kein Ende in Sicht. Die sportliche Brisanz ist auch in diesem Jahr wieder groß, die Spurs warten seit Jahren darauf, endlich, endlich in die Top-Four vorzustoßen.

Nach drei Siegen in den letzten drei Spielen ist das Team von Mauricio Pochettino eigentlich gut drauf. Neuzugang Heung-Min Son überzeugt und lieferte gleich seinen Beitrag zum Derby: "Die Tottenham-Offiziellen haben mir gesagt, dass ich nicht mal ein rotes Auto kaufen darf." Das wären schließlich auch Arsenal-Farben.

Beim Rivalen ist dagegen die Stimmung derzeit im Sinkflug. Nach dem Schlussspurt in der letzten Saison sind die Gunners nun wieder dabei, einen Start zu verpatzen. Auf die Pleite peinliche Darbietung gegen Zagreb in der Königsklasse folgte eine Niederlage beim FC Chelsea. Im Capital One Cup (20.45 Uhr im LIVESTREAM) geht es schon um eine ganze Menge. Aber es geht schließlich auch nicht gegen irgendwen. Es geht gegen Tottenham.

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