Donnerstag, 26.02.2015

Mario Balotelli beim FC Liverpool

Warten auf Mister Hyde

Drei der letzten vier Spiele entschied Mario Balotelli für den FC Liverpool - von einem Durchbruch will man an der Anfield Road dennoch nicht sprechen. Sein Berater bezeichnet die Reds als Balotellis letzte Chance im Konzert der Großen. Die Zweifel am Enfant terrible und Pulverfass bleiben.

© getty

Die Dämmerung hatte sich schon über Melwood gelegt, als eine Menschenmasse das sich öffnende Tor zum Liverpooler Trainingsgelände mit Kreischen und in die Luft gereckten Handys bedachte.

Aus dem schwarzen Geländewagen, nur wenige Meter entfernt, stieg ein Mann im Anzug aus. Er stürmte auf die Fans zu, gestikulierte, stieg wieder ein - nur um Sekunden später abermals mahnend vor den Fans zu stehen.

Schließlich öffnete sich die andere Türe des Wagens - und die Menschenmasse jubelte. Ende August war das, als Mario Balotelli erstmals als Spieler des FC Liverpool im Nordwesten Englands vorstellig wurde. Und die beiden stattlichen, in knallgelbe Westen gehüllten Sicherheitsleute ihre liebe Mühe hatten, die begeisterten Anhänger der Reds vom neuen Star des LFC fernzuhalten.

Ein gutes halbes Jahr und einen beachtlichen Absturz hat es gedauert, bis Balotelli wieder Jubel entgegenbrandet. Der Mann, dessen Karriere sich schon mit 24 festgefahren und ausgebrannt anfühlt, führte die Reds in den vergangenen zwei Wochen gleich zu drei immens wichtigen Siegen in Liga, FA-Cup und Europa League.

Doch wo man andere Spieler dafür in den Olymp gehoben hätte, bleiben Fans und Presse skeptisch. Zu oft hat Mister Hyde in der Vergangenheit zu schnell wieder die Kontrolle über Balotelli übernommen.

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"Es geht um Alles oder Nichts"

Als "kalkuliertes Risiko" nach dem Abgang von Luis Suarez watschte Coach Brendan Rodgers den Italiener während der Hinrunde bereits öffentlich ab. Jetzt - so Rodgers - sei Balotelli endlich "fokussiert und konzentriert auf seinen Job und das Team".

Wird das Enfant terrible tatsächlich erwachsen?

Nicht nur Berater Mino Raiola hofft darauf, der sogar von der letzten Chance auf allerhöchstem Niveau sprach, die Balotelli beim FC Liverpool habe. "Jetzt geht es um Alles oder Nichts. Mario ist 24 Jahre alt. Wenn es schief geht, hat er nicht mehr das Alibi seiner Jugend."

Das hatte man ihm schon länger nicht mehr zugestanden, dem exzentrischen Kicker, der wandelnden Pointe, dem fleischgewordenen Politikum. Dem "ersten wirklich populären Schwarzen" Italiens, wie ihn der "Corriere della Sera" nannte.

Ihm, der mit drei Jahren auf einen heruntergekommenen Kunstrasenplatz in Brescia die ersten Male gegen einen Ball trat und mit 22 Jahren nach seiner Jubelgeste im EM-Halbfinale gegen Deutschland Kultstatus erlangte. Es gibt wohl wenige Sportler, die so polarisieren wie Balotelli. Und gibt es wohl wenige Sportler, um die sich so viele Anekdoten und Geschichten ranken.

"Ich könnte ein 200-Seiten-Buch über meine zwei Jahre bei Inter mit Mario schreiben", sagte dessen Ex-Coach Jose Mourinho im Gespräch mit "CNN". "Das Buch wäre allerdings kein Drama, es wäre eine Komödie." Es ist derselbe Mourinho, der sagte: "Er könnte ein ganz Großer werden. Aber manchmal macht Balotelli den Eindruck, als habe er nur eine Gehirnzelle."

"Die virtuelle Welt verlassen"

Mittlerweile muss in der Tat die Frage gestattet sein, ob Balotelli überhaupt so gut ist, wie man bei allem Ballyhoo um seine Person glauben könnte. Denn ein elementares Merkmal eines Weltklassespielers fehlt ihm definitiv: die Konstanz.

Die Assoziation eines Pulverfasses liegt viel näher, als in ihm einen seriösen Profi zu sehen, der das Beste aus seinem ohne Zweifel reichlich vorhandenen Talent macht.

Einer starken Saison 13/14 beim AC Milan, nach der ihn die "Sports Illustrated" für ein Cover über Wasser laufen ließ und ihn zum "interessantesten Mann der Welt" hochstilisierte, folgte eine Weltmeisterschaft zum Vergessen. Und das, obwohl der Titel "mehr ein Ziel als ein Traum" gewesen sei, wie Balo davor selbst posaunte.

Ja sogar Cesare Prandelli, der länger als jeder andere seine schützende Hand über ihn hielt, sprach nach dem Vorrunden-Aus bei der WM in Brasilien Klartext. "Ich mag ihn sehr, aber er muss die Realität wahrnehmen und nicht seine eigene Parallel-Welt erschaffen", polterte der ehemalige Coach der Squadra Azzurra. "Ich habe Balotelli beim Abschied nach der WM gesagt, dass er seine virtuelle Welt verlassen muss. Er muss anfangen, in der Wirklichkeit zu leben."

Mahnende Worte von Stevie G.

Diese Wirklichkeit heißt trotz der starken Auftritte zuletzt: Zuschauen und Joker-Einsätze bei Liverpool. "Wenn das Team ihn jetzt von der Bank braucht, dann muss er sich darauf einstellen", stellte Rodgers kürzlich klar. Auch wenn Balotellis Aktien nach den jüngsten Leistungen gestiegen sein dürften und ein Platz auf der Tribüne wie in vier der letzten sieben Ligaspiele wohl vorerst nicht mehr vorkommen wird.

Doch wäre Balotelli nicht Balotelli, wenn selbst die positiven Schlagzeilen der letzten Tage nicht von anderen Geschichten begleitet würden. Nach seinem Siegtor in der Liga gegen Tottenham postete der Italiener ein Foto von sich auf Instagram und sendete eine deutliche Nachricht an seine Kritiker: "Dieses Lächeln ist NUR für diejenigen, die immer an mich glauben und mich unterstützen."

Bei seinem Siegtreffer in der Europa League gegen Besiktas vom Punkt klaute er sich den Ball von Kapitän Jordan Henderson, um den Elfmeter selbst zu schießen. Die Konsequenz: Mehr Gerede um die "Respektlosigkeit" gegenüber seinem Kapitän, wie es Steven Gerrard ausdrückte, als über das Siegtor selbst. Die "Daily Mail" schrieb passend in Anlehnung an Balotellis legendäres "Why Always Me?"-Shirt: There is a reason it is always him.

"...oder du stirbst hier"

Doch vielleicht wird es doch noch etwas mit Super Mario und den Reds. Trotz aller Anlaufschwierigkeiten. Trotz Aktionen wie einer groß angelegten Trikottausch-Aktion, bei der Fans der Reds ihr Balotelli-Trikot gegen eines der Liverpooler Sturm-Legenden Michael Owen, Robbie Fowler oder Ian Rush tauschen durften.

Einen Abschied, wie von vielen Seiten bereits spekuliert, soll es definitiv nicht geben. "Ich habe ihm gesagt: 'Du hast hier vier Jahre Vertrag und ich werde dich nicht wegschicken. Wenn du Liverpool verlässt, dann mit einem Marktwert von 60 oder 70 Millionen Euro. Oder du stirbst hier'", waren die drastischen Worte von Berater Raiola an seinen Schützling.

Bis zu den 70 Millionen ist es allerdings noch ein langer Weg. Genauso wie bis zu dem Zeitpunkt, an dem Mannschaftskollegen, Coach und Fans keine Angst mehr haben müssen vor Mister Hyde. Und bis ihm die Anhänger der Reds wieder bedingungslos zujubeln. Wie damals, in der Augustnacht von Melwood.

Mario Balotelli im Steckbrief

David Kreisl

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David Kreisl(Redaktion)

David Kreisl, Jahrgang 1989, ist seit 2012 für SPOX.com tätig. Aufgewachsen nördlich von München absolvierte er nach dem Abitur Ausbildungen zum Print-/Online-Redakteur sowie zum Synchronsprecher an einer privaten Medienakademie. Hauptsächlich im Fußball-Ressort unterwegs.

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