Der Fußballverein FC United of Manchester

Separatisten wider Willen

Von Arne Behr
Mittwoch, 28.08.2013 | 22:00 Uhr
Idole zum Anfassen: Beim FC United gibt es keine Berührungsängste zwischen Spielern und Fans
© imago
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2005 gründeten desillusionierte ManUnited-Anhänger angesichts der Übernahme ihres Klubs durch einen Großinvestor ihren eigenen Fußballverein. In seiner neunten Saison will der FC United of Manchester nach drei erfolglosen Playoff-Finals endlich den Aufstieg in die sechste Liga schaffen. Weltweit fliegen dem Klub die Sympathien zu - doch der Schatten des großen Nachbarn bleibt immer präsent.

In der Premier Division fangen sie fast zeitgleich mit der Premier League Mitte August an. Einen Ligasponsor hat die siebthöchste englische Spielklasse selbstredend auch, die Fußballvermarkter tingeln längst auch durch die englische Provinz. "EvoStik Klebstoffe und Dichtungsmittel" präsentiert seit der Saison 2010/11 die Auftritte von Teams wie den Stocksbridge Park Steels , Skelmersdale United, Matlock Town oder Droylsden.

Und eben auch die des FC United of Manchester, der Vereinigung der enttäuschten und desillusionierten Manchester United-Fans. Wobei "FC United" nicht der erste Klub ist, der aus einer Protestbewegung seitens der Anhängerschaft entstanden wäre. Dass der Verein nach seiner Gründung vor acht Jahren praktisch über Nacht Kultstatus erlangte und zum internationalen Symbol des Widerstands gegen rücksichtslose Fußballvermarktung avancierte, ist in besonderem Maße seiner Herkunft geschuldet.

Flaggschiff gegen die Kommerzialisierung

Im Mai 2005 war es, als einige enttäuschte Fans des englischen Flaggschiffs und Vorzeigeklubs Manchester United der Übernahme durch die amerikanische Unternehmerfamilie Glazer ihren eigenen Klub entgegensetzten. Dabei legen sie besonderen Wert darauf, dass es nicht Glazer allein gewesen sei, der sie zu diesem drastischsten aller Schritte bewogen habe.

Es sei dies nur das deutlichste und gravierendste Symptom einer allgemeinen Entfremdung des Klubs von seiner Fanbasis gewesen, der das Fass schließlich zum Überlaufen gebracht habe. Ob willkürlich fürs Fernsehen veränderte Anstoßzeiten, unbezahlbare Eintrittspreise, übertriebene und schikanöse Sicherheitsmaßnahmen oder der Umbau des Old Trafford in eine reine Sitzplatzarena samt dem dazugehörigen zahlungskräftigen Event-Publikum, viele Anhänger fühlten sich schon vor der Ära Glazer vom Verein ausgestoßen und nicht erwünscht.

Von allen für alle

Genau dieser Wille zur Gestaltung und Partizipation spiegelt sich in jedem Winkel des FC United of Manchester wider. Seit Anbeginn wird der Klub nach der Maxime "Ein Mann, eine Stimme" geführt. Jedes einzelne der gut 2.800 Mitglieder hat genau das gleiche Mitspracherecht in allen Angelegenheiten, die den Verein betreffen. Und um zu beweisen, dass man es ernst meint mit den basisdemokratischen Strukturen, wurde als praktisch erste Amtshandlung gleich mal zur Abstimmung über den Klubnamen gebeten.

Auch finanziert wird der Klub fast ausschließlich über Spenden von Fans, Mitgliedern und sonstigen Sympathisanten. Der normale Jahresmitgliedsbeitrag beträgt umgerechnet 14 Euro, Kinder zahlen 3,50 Euro.

Doch viele Fans sind sogar bereit, mehr zu geben, als sie müssen. Die Dauerkartenbesitzer beispielsweise legen im Schnitt 65 Euro mehr für ihr Saisonticket auf den Tisch, als der Klub von ihnen verlangt.

Das Wichtigste sei das einzigartige Gemeinschaftsgefühl, sagt Andrew Walsh, Vorsitzender des Klubs und einer von insgesamt zwei hauptamtlich Beschäftigten beim FC United (der andere ist die Sekretärin des Klubs). Nach jedem Spiel haben die Zuschauer ausgiebig Gelegenheit, mit den Spielern zu sprechen. "Ohne Ausnahme", wie Walsh betont. Ohnehin sei "dieser Sinn für Zusammenhalt, den es zwischen der Mannschaft und den Leuten gibt, etwas Einmaliges."

Über den Tellerrand hinaus

Für ihn wie für viele andere auch ist mit dem "Projekt" United of Manchester allerdings über die Grenzen des Fußballs hinaus eine besondere gesellschaftliche Verantwortung verbunden. Man habe eine Mission, die darin bestehe, alternative Modelle aufzuzeigen. Und dies über die Klubführung und -strukturen hinaus für die ganze Region Greater Manchester.

Zahlreiche regionale Projekte und Aktionen laufen über den Verein oder werden von diesem mitfinanziert. "The Agency" beispielsweise unterstützt soziale Projekte junger Leute in der Region mit einem Ideenwettbewerb und stellt ihnen finanzielle Unterstützung in Aussicht. Regelmäßiges Engagement wird darüber hinaus mit 35 Euro Arbeitslohn pro Woche vergütet.

Auch mit anderen Vereinen im In- wie Ausland gibt es zahlreiche Kooperationen. Erst im Sommer 2013 konnte man in Zusammenarbeit mit dem Fan-Projekt Babelsberg 03 und Streetworkern des Diakonischen Werkes Potsdam einen Jugendaustausch zwischen jungen Fans beider Vereine realisieren. Bei dem Projekt soll nicht nur das verbindende Moment des Fußballs im Vordergrund stehen, sondern auch die Teilhabe junger Menschen an und in demokratischen Strukturen im Vordergrund stehen. Der Austausch soll künftig jedes Jahr stattfinden.

"Wie damals in den Siebzigern"

Doch in der Hauptsache geht es natürlich um Fußball - oder vielmehr um das, was das Erlebnis Fußball in den Augen der FC United-Fans so schön und besonders macht und was ihnen der zum Event-Betrieb für Besserverdienende verkommene englische Spitzenfußball nicht mehr geben konnte.

Die älteren unter ihnen fühlen sich bei der Stimmung im Stadion zurückversetzt in die Siebziger Jahre, als man in England noch eine Fankultur lebte, die in Europa ihresgleichen suchte. Heute kann man diese legendäre Stadionatmosphäre, die das Mutterland des Fußballs einst so unverwechselbar und einzigartig gemacht hat, nur noch in Refugien wie dem FC United of Manchester leben und erleben. Tief vergraben in den Niederungen der britischen Amateurligen.

Auch die Fernsehsendung des Vereins, "FCUM-TV", die einmal wöchentlich über einen Regionalsender ausgestrahlt wird, erinnert in ihrer matten und farbarmen Ästhetik an längst vergangene Zeiten. Und neben der wöchentlichen Berichterstattung im Fernsehen gibt es zusätzlich eine Radiosendung. Gerade vor diesem Hintergrund ein fast romantisch altbackenes Medium für einen Fußballklub.

Lebendige Fankultur

27 Fan-Lieder werden auf der Homepage des FC United mit Text und akustischer Kostprobe aufgeführt. Je nach Situation und Kontext kommen während eines Spiels aber auch immer wieder Sprechchöre dazu. Da wird im Stadion anwesenden Beamten der Metropolitan Police schon mal ein Ständchen der besonderen Art zuteil: "What a waste of council tax, we paid for your hats!''

Ja, manchmal gebe es auch Probleme mit Ordnungskräften und der Polizei, räumt Walsh ein. Die ließen sich aber meist recht schnell wieder besänftigen. Es sei eben ein "eigenwilliger und widerspenstiger Haufen", der da auf den Rängen stehe.

Und einer, bei dem Kreativität und Vielfalt groß geschrieben wird. Das zeigt sich nicht zuletzt auch in seiner demographischen Zusammensetzung: Während das Old Trafford zunehmend von soignierten älteren Herren jenseits der Fünfzig bevölkert wird, könnte die Anhängerschaft beim FC United unterschiedlicher kaum sein. Frauen und Männer, Rentner und Schüler stehen und singen hier noch einträchtig zusammen, Abgrenzung und Blockbildung gibt es praktisch nicht. Eine Form der Zusammengehörigkeit, die von den Fans als großes Privileg wahrgenommen wird.

Zuhause in der Fremde

Der FC United spielt seit seiner Gründung ununterbrochen auf fremdem Platz. Eine eigene Heimstätte des Vereins auf klubhistorischem Grund ist zwar seit Jahren geplant, konnte aber bis dato nicht realisiert werden. Seit der ersten Saison 2005/06 teilt man sich die Gigg Lane mit dem Bury FC, dem Klub aus dem namensgebenden 60.000-Einwohner-Städchen im Nordwesten von Greater Manchester.

11.840 Zuschauer fasst das 1885 erbaute Stadion des Viertligisten insgesamt, doch die Zuschauerrekorde werden regelmäßig vom siebtklassigen Dauergast gebrochen. Schon beim ersten Blick durch die Arena wird deutlich, dass hier die Arbeiterklasse zuhause ist. Neben der Gästekurve trennt nur eine alte rußgeschwärzte Backsteinmauer das Stadiongelände von der Straße, dahinter sieht man die Wohnblöcke Burys in die Höhe ragen. Wer dort wohnt, der hat einen wunderbaren und völlig kostenfreien Blick aufs Spielfeld.

Wahre Liebe rostet nicht

Und zu sehen gibt es in der Tat eine Menge, nicht nur auf den den Rängen, sondern auch auf dem Platz. Nach drei erfolglosen Playoffs in den letzten drei Jahren soll es im vierten Anlauf endlich klappen mit dem Unternehmen Aufstieg. Nach einem etwas holprigen Start gelang am dritten Spieltag ein 6:0-Heimsieg gegen den chancenlosen Stamford AFC, zwei Tage später konnte man nach einer dramatischen Aufholjagd noch alle Punkte aus Trafford entführen.

Die Fans träumen nach vier Spieltagen wieder vom Aufstieg, ein Punkt nur trennt den Klub noch von der Spitze.

Es ist also alles in Butter, sollte man meinen. Und dennoch, trotz aller Euphorie und bei aller Überzeugung, das richtige zu tun, bleibt immer ein Schatten auf der Seele der FC United-Fans zurück, in deren Brust stetig zwei Herzen schlagen. Dass der große Nachbar aus Manchester mit dem FC United untrennbar verbunden bleibt, bestreitet niemand, auch Andy Walsh nicht. Das will er aber auch gar nicht, im Gegenteil unterstreicht er diese Verbindung sogar:

"Die Allermeisten von uns sind immer noch leidenschaftliche United-Fans. Mit unserem Beispiel wollen wir zeigen, dass ein Verein auch anders geführt werden kann, dass sich etwas verändern kann. Wir wollen unseren bescheidenen Teil dazu beitragen, dass sich beim großen Manchester United etwas ändert."

Never ever can you change

In dem Film "Looking for Eric" gibt es eine Szene in einem Pub an einem Champions League-Abend, in der sich ein Freund der Hauptperson Eric, der FC United-Fan ist, mit einem ManUnited-Anhänger in die Haare kriegt. Schließlich verlässt Erics Kollege aufgebracht das Lokal, verfolgt aber durch die getönte Scheibe weiterhin das Spiel. Die United-Fans bemerken das und beschließen daraufhin, durch lautes Jubeln einen Treffer für Manchester zu simulieren. Erst als er wieder hineinstürzt, um sich nach dem Torschützen zu erkundigen, bemerkt er den Schwindel.

Das Totschlagargument der Bigotterie wird von United-Anhänger immer wieder gerne ins Feld geführt, doch was bedeutet es eigentlich konkret für den FC United of Manchester und seine Fans? Ist der Klub letztlich doch nicht mehr als das zum Scheitern verurteilte Surrogat eines innerlich zerrissenen Teils der United-Gemeinde? Haben sich die FC United-Fans vielleicht einfach in etwas verrannt?

"Du darfst deine Frau wechseln, deine politischen Ansichten, deine Religion. Aber niemals, niemals darfst du deinen Klub wechseln", so lautet die berühmte Aussage des United-Fans. Doch der Leidensfähigkeit der Menschen sind trotz allem Grenzen gesetzt. Und lässt nicht ab einem gewissen Punkt viel eher derjenige seinen Klub im Stich, der tatenlos zusieht?

Bei "Looking for Eric" geht es um diesen Punkt, an dem Eric sein Namensvetter und Idol Eric Cantona erscheint, der ihm beibringt, "Nein" zu sagen. Bei ihm ist das ein existenzielles Problem. Die Besitzer vom FC United of Manchester haben eben dieses Problem vor einigen Jahren für ihren Klub erkannt. Und höchstwahrscheinlich auch ein wenig für sich selbst.

Fußball in England

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