Bradford City im Porträt

Die Legende vom überfahrenen Huhn

Von David Kreisl
Sonntag, 24.02.2013 | 10:38 Uhr
Bradford City ist die diesjährige Überraschung im League Cup
© getty
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Benannt nach einem toten Huhn, gebeutelt von Tragödien und Bankrott und jetzt kurz vor der größten Sensation der Vereinsgeschichte: Der englische Viertligist Bradford City steht im Finale des League Cups gegen Swansea City (Jetzt im LIVE-TICKER). Die Mannschaft kann sich mit dem ersten Titel seit über hundert Jahren unsterblich machen.

Phil Parkinson war überwältigt am Abend des 22. Januar. "An diese Jungs wird man sich noch lange in der Geschichte von Bradford erinnern", schwärmte Bradfords Trainer voller Stolz. Torwart Matt Duke war wie die 6000 mitgereisten Fans auf Wolke sieben: "Davon träumst du als Kind - einmal in Wembley zu spielen. Dies ist das Wunderland! Es wird für alle ein großer Tag in Wembley."

Das 1:2 im Capital-One-Cup-Halbfinale im Villa-Park gegen Aston dürfte die wohl schönste Niederlage der Vereinsgeschichte des Bradford City Association Football Club gewesen sein, so reichte sie nach dem 3:1 im Hinspiel zum Einzug ins Finale in Wembley gegen Swansea City. Ein Viertligist im Endspiel des League Cups - das schaffte zuletzt Rochdale vor 51 Jahren. Jetzt hat Bradford City die Chance, den zweiten Titel der Klubgeschichte zu holen. Deren bislang einziger Pokalgewinn, der des FA Cups, datiert aus dem Jahre 1911.

Ein totes Huhn als Namensgeber

Die Geschichte des Vereins aus dem Norden Englands begann kurios. Entstanden 1903 aus dem Rugby Klub Manningham FC, folgten die Verantwortlichen des Vereins einer Einladung der Football League und wechselten kurzerhand die Sportart des kompletten Vereins aus, um den Fußball in der Rugby-dominierten Region zu etablieren.

City wurde als erster League Club aus der Region West Yorkshire sofort in die Divison Two, damals die zweite Liga Englands, aufgenommen. Und das, ohne überhaupt eine Mannschaft oder jemals ein Spiel gespielt zu haben. Doch mit Bradford ging es rasant aufwärts. 1908 stieg man in die erste Liga auf, 1911 folgte das erfolgreichste Jahr der Klubgeschichte. In der First Division schloss man die Saison auf dem fünften Platz ab, im FA Cup holten die Männer in den weinroten und bernsteinfarbenen Trikots sogar den Titel. Nach einem 0:0 gegen Newcastle United gelang City im Wiederholungsspiel des Finales im Old Trafford ein 1:0. Der Schotte Jimmy Speirs erzielte das goldene Tor gegen die Magpies. Sechs Jahre später fiel die Vereinslegende im ersten Weltkrieg.

Aus diesen beiden Partien stammt der Legende nach auch der Spitzname der Mannschaft aus Bradford: The Bantams, zu Deutsch die Zwerghühner. Demnach soll der Mannschaftsbus auf dem Weg zum ersten Finalspiel ein Bantamhuhn überfahren haben, nach dem Triumph im Wiederholungsspiel entschied man sich, den Namen des Teams dem Huhn zu Ehren zu ändern.

Spendenaktion rettet City vor Bankrott

Seit der Anfangsjahre wurde der Klub immer wieder von finanziellen Krisen heimgesucht, 1928 wurde ein Bankrott des Vereins nur durch eine Spendenaktion der Fans verhindert. Im Zuge von Saisonaussetzungen wegen des zweiten Weltkriegs und der Reorganisation des Ligasystems kickte Bradford zwischen den 40er und 70er Jahren durchgehend in der Third und Fourth Division.

Anfang der 80er Jahre übernahmen die ehemaligen Präsidiumsmitglieder Stafford Heginbotham und Jack Tordoff den erneut vor der Insolvenz stehenden Verein. Unter der neuen Klubleitung gelang im Jahr nach der Übernahme sogar der ersehnte Wiederaufstieg in die zweite Liga. Was am letzten Spieltag der Vorsaison gebührend gefeiert werden sollte, gipfelte jedoch in einer der größten Stadionkatastrophen der britischen Fußballgeschichte.

Die Valley-Parade-Feuerkatastrophe

56 Menschen verloren bei der Valley-Parade-Feuerkatastrophe ihr Leben, 265 weitere wurden verletzt. Wahrscheinlich ausgelöst durch eine brennende Zigarette entzündeten sich Abfälle unter der mit 3000 Zuschauern voll besetzten hölzernen Haupttribüne. Viele Zuschauer unterschätzten die Gefahr zunächst, doch die komplette Haupttribüne stand in kürzester Zeit explosionsartig in Flammen.

Viele Besucher flüchteten sich auf das Feld, einige versuchten, durch die Notausgänge hinter der Tribüne zu entkommen. Der Veranstalter hatte die Ausgänge und Drehkreuze aber verschlossen, damit sich während des Spiels niemand unerlaubt in das Stadion schleichen konnte. In nur vier Minuten war die Tribüne komplett ausgebrannt und viele Fans in der Feuerfalle gefangen.

Die Ära Richmond

1994 begann die Ära von Geoffrey Richmond. Der neue Präsident lieh Bradford 2,3 Millionen Pfund aus eigener Tasche, beseitigte Citys Schulden und versprach, den Verein in den nächsten fünf Jahren in die neu gegründete höchste Spielklasse, die Premier League, zu führen.

Doch zuvor machte Bradford erneut andere Schlagzeilen. Citys Gordon Watson kassierte das "teuerste Tackling der britischen Fußball- und Gerichtsgeschichte". Was war passiert? Watson war der zu dem Zeitpunkt mit 550.000 Pfund teuerste Neuzugang der Bantams und spielte gegen Erzfeind Huddlersfield erst sein drittes Spiel für Bradford. Deren Verteidiger Kevin Gray machte im Lokalderby kurzem Prozess mit dem neuen Mann und brach ihm bei einem harten Einsteigen zweifach das Bein.

Watson musste fünf Mal operiert werden und stand erst zwei Jahre später wieder auf dem Platz. Im Jahr 1998 zog er vor Gericht und erhielt in einem Schmerzensgeld-Prozess 950.000 Pfund Entschädigung.

Die "sechs Wochen des Wahnsinns"

Um die Jahrtausendwende stieg Bradford City tatsächlich auf und spielte zwei Spielzeiten in der Premier League. Der Klassenerhalt in der ersten Saison wurde mit Autokorsos durch die 300.000-Einwohner-Stadt wie eine Meisterschaft gefeiert. 2000 schnupperte man sogar erstmals internationale Luft, als man im Intertoto-Cup im Halbfinale gegen Zenit St. Petersburg scheiterte.

Präsident Richmond hatte zu dieser erfolgreichen Zeit Blut geleckt und stellte dem damaligen Coach Chris Hutchings ein überdimensionales Transferbudget zur Verfügung. Die Konsequenz: Die "sechs Wochen des Wahnsinns", wie Richmond später die übermäßigen Ausgaben bei Transfers und Stadionausbau nannte. Es brachte dem Klub Schulden in Höhe von 13 Millionen Pfund ein.

Geldprobleme und sportlicher Misserfolg führten den Klub in den letzten Jahren schließlich da hin wo er gerade ist: In die vierte Liga. Dort stehen die Bantams auf dem elften Tabellenplatz, im grauen Mittelfeld der League Two. Und dennoch mischten die Underdogs den diesjährigen FA Cup auf und entwickelten sich zum absoluten Favoritenschreck.

Sensations-Siege gegen Erstligisten

Mit dem überraschenden Achtelfinalsieg gegen Wigan Athletic setzte Bradford das erste Ausrufezeichen, der Triumph über das große Arsenal - wie gegen Wigan im Elfmeterschießen - im Viertelfinale war eine Riesen-Sensation. Und auch im Halbfinale setzte sich der Klub aus der vierten Liga gegen einen Erstligisten durch. Aston Villa konnte im heimischen Stadion die 1:3-Niederlage aus dem Hinspiel nicht mehr umbiegen.

Jetzt stehen die Zwerghühner also den Schwänen aus Swansea City im Finale gegenüber. Wieder einmal muss Bradford gegen einen Premier-League-Klub ran, wieder einmal sind die Rollen vor dem Match eigentlich klar verteilt. Das sieht übrigens auch Klub-Chef Mark Lawn so. "Ich glaube nicht, dass wir gegen Swansea gewinnen", stapelt der 53-Jährige vor dem wichtigsten Spiel des Klubs seit über einem Jahrhundert tief.

Verzicht auf Europa-League?

Falls den Bantams doch der vierte Pokal-Coup gelingt, würde sogar die Europa League winken. Laut einem Interview mit der "Sun" denkt man für den Fall eines Sieges aber daran, wegen finanzieller Gründe auf das internationale Geschäft zu verzichten. "Ich werde nicht dafür bezahlen, um in Europa zu spielen", wird Lawn in der englischen Zeitung zitiert: "Als wir gegen Aston Villa gewonnen haben, wurde mir erzählt: 'Ihr wollt nicht wirklich nach Europa - das kostet euch in der Gruppenphase viel Geld.' Daraufhin antwortete ich: Okay, das wird lustig, wenn es uns Geld kostet, werden wir nicht dort sein."

Coach Phil Parkinson sieht durchaus Chancen auf einen Sieg. "Wir haben ein paar Spieler von Premier-League-Kaliber", sagte der Trainer dem "Guardian": "Aber der Grund, warum wir uns so gut geschlagen haben, ist, dass wir eine gute Balance im Spiel haben." Arsenal habe sich mit dem körperlichen Spiel der Bantams schwer getan, "um gegen Swansea erfolgreich zu sein, müssen wir mit Sicherheit unsere physische und spielerische Seite zeigen."

Swansea als Vorbild

Für die Zukunft Bradfords ist Swansea ein großes Vorbild, lobt der Coach den Gegner vor dem Finale: "In zehn Jahren wollen wir da stehen, wo Swansea heute ist." Helfen werden dabei die zusätzlichen Einnahmen aus der FA-Cup-Saison, die sich wohl auf umgerechnet gut 2,5 Millionen Euro belaufen. "Ins Finale gekommen zu sein, hilft uns, den Klub für die Zukunft aufzubauen", erklärt Parkinson: "Das Geld, das wir eingenommen haben, ist jenseits der kühnsten Träume der Besitzer. Wir müssen sicherstellen, dass wir jetzt die Struktur des Klubs stärken."

Und vielleicht ist das Aufeinandertreffen der Zwerghühner mit den Schwänen in ein paar Jahren nicht mehr das Spiel des Jahrhunderts für die Bantams, sondern Liga-Alltag. Zu wünschen wäre es dem Traditionsklub allemal.

Voraussichtliche Aufstellungen:

Bradford City: Duke - Darby, McHugh, McArdle, Good - Atkinson, Jones, Doyle, Hines - Wells, Hanson

Swansea City: Vorm - Rangel, Williams, Tiendalli, Davies - Routledge, De Guzman, Britton, Dyer - Hernandez - Michu

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