Everton-Scout Thomas Hengen im Interview

"Es gibt keinen Spieler, den man nicht kennt"

Von Interview: Jochen Tittmar
Dienstag, 31.01.2012 | 16:20 Uhr
Everton-Scout Thomas Hengen bei der täglichen Arbeit vor dem Computer
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Seit knapp drei Jahren arbeitet ein ehemaliger Bundesligaspieler im Scouting-Team der Toffees. Rein zufällig kam Thomas Hengen zu diesem Job. Der 37-Jährige erklärt im Interview, wie man als Scout arbeitet und warum es heutzutage unmöglich ist, einen unbekannten Spieler zu entdecken.

SPOX: Nach Ihrem Karriereende 2006 haben Sie während der Tätigkeit als Coach der Amateure von Alemannia Aachen Ihre Trainerlizenz gemacht und danach hospitiert. Wo waren Sie überall?

Thomas Hengen: Das Praktikum vom Trainerlehrgang aus habe ich beim BVB unter Thomas Doll absolviert. Zudem war ich bei Ralf Rangnick in Hoffenheim, Felix Magath in Wolfsburg, Martin Jol in Hamburg und bei Juande Ramos bei Real Madrid. Das hat Christoph Metzelder damals noch möglich gemacht.

SPOX: Nun sind Sie Scout. Hat Ihnen das Trainerdasein nicht getaugt?

Hengen: Doch, das Arbeiten mit der Mannschaft hat mir schon großen Spaß gemacht. Es hat eben alles ein Für und Wider. Man muss natürlich auch zur richtigen Zeit die nötigen Angebote haben, um einen ordentlichen Einstieg zu schaffen. Doch genau in dieser Phase hatte ich dann die Offerte, als Scout zu arbeiten. Nach kurzer Eingewöhnungszeit hat mir das auch richtig Spaß gemacht. Es war sozusagen Liebe auf den zweiten Blick.

SPOX: Seit Frühling 2009 sind Sie jetzt beim FC Everton angestellt. Wie sind Sie an diesen Job gekommen?

Hengen: Durch Glück, Zufall und Kontakte. Ich war während der Fußballlehrerausbildung bei einer Spielbeobachtung. Der Chefscout von Everton war auch dort. Über Umwege sind wir ins Gespräch gekommen und er hat mich gefragt, wie ich mir meine Zukunft vorstelle. Wir haben dann vereinbart, dass ich eine mehrwöchige Probezeit absolviere. Am Ende war klar, dass wir eine ähnliche Denkweise und Philosophie verfolgen, die Chemie stimmte auch. Da ich direkt an der Grenze wohne, habe ich eine ideale geographische Lage zwischen Deutschland, Holland und Belgien.

SPOX: Was sind denn Ihre Hauptaufgaben als Scout?

Hengen: Ich habe bei den genannten drei Ländern mit den jeweiligen ersten Ligen angefangen. Auch um zu schauen, wie groß der Aufwand ist und wie viele Spiele man sehen kann. Der Verein möchte natürlich eine Marktübersicht haben. Dazu arbeitet man mit einer Datenbank, in die die Scouts ihre Berichte einpflegen. So kann man sich informieren, wenn man einen Spieler angeboten bekommt oder an einem bestimmten Spieler interessiert ist. Wäre unser Linksverteidiger Leighton Baines beispielsweise tatsächlich für 15 Millionen Euro zum FC Bayern gewechselt, hätte man schauen können, welche Linksverteidiger für den Verein als Ersatz in Frage kommen. Die Datenbank enthält die nötigen Informationen über Vertragsdauer, Alter, Stärken und Schwächen eines Spielers.

SPOX: Da ja bei Ihrer Anstellung auch etwas Glück dabei war: Welche Vorkenntnisse hatten Sie denn überhaupt?

Hengen: Ich kannte das Scouting schon aus meiner Zeit als Coach in Aachen und auch vom Fußballlehrerlehrgang. Ich bin schon früher mit Dirk Bremser und Dieter Hecking zu Spielen gefahren und habe dort gelernt, auf was man positionsspezifisch achten muss. So ist bei einem Verteidiger natürlich die Stärke im Eins gegen Eins wichtiger als die Technik am Ball. Als Ex-Profi weiß man zudem, welche Fähigkeiten auf den unterschiedlichen Positionen gefordert sind.

SPOX: Wie sieht eine typische Woche als Scout aus?

Hengen: Montags werden Emails gecheckt und alle nötigen Telefonanrufe erledigt. Daraufhin macht man einen Plan für die Woche, welche Spiele man anschaut. Ich habe jetzt auch zwei weitere Scouts, die mich mit ihren Fachkenntnissen unterstützen. Teamwork und gegenseitiges Vertrauen sind sehr wichtig. Wir grasen quasi alles ab, was sich im Umkreis von 300 Kilometern befindet. Frankreich ist zu Teilen nun auch mit dabei. Manchmal schafft man zwei oder drei Spiele an einem Tag. Insgesamt kommen da 80 bis 90.000 Kilometer pro Jahr im Auto zusammen.

SPOX: Was passiert, wenn Sie von einer Scoutingreise nach Hause kommen, wie bereiten Sie die Erkenntnisse auf?

Hengen: Die Berichte inklusive Benotung, Spielsystem und Aufstellung werden zeitnah, spätestens also am nächsten Morgen erstellt und ins System eingepflegt. Natürlich tauscht man sich auch mit den Kollegen über bestimmte Spieler aus, wenn man sich nicht schlüssig ist. Von den interessanten Spielern fertigt man einen ausführlicheren Bericht an. Dieser beinhaltet Stärken, Schwächen, Verbesserungspotentiale, physische und psychische Verfassung, taktisches Verständnis und die Mentalität eines Spielers. Gibt es einen Spieler, der interessant ist, aber 80 Prozent negative Bewertungen hat, muss sich der Manager damit nicht mehr auseinandersetzen. Gegen Mittag fährt man wieder los, um beim nächsten Spiel zu sein. Am nächsten Tag wiederholt sich das dann. So kommt man in der Woche im Schnitt auf acht bis zehn und manchmal sogar mehr Spiele.

SPOX: Wie geht es für Sie weiter, wenn ein Spieler gescoutet und als Verstärkung befunden worden ist?

Hengen: Das ist nicht mehr unser Bier, da wir nicht wissen, welches Budget der Manager zur Verfügung hat oder ob er einen Spieler zuerst verkaufen muss, um einen anderen zu verpflichten. Das ist dann der Job des Managers.

SPOX: Sie scouten ja explizit für die Premier League. Was sind dabei die Besonderheiten, auf die Sie achten müssen?

Hengen: Auf bestimmten Positionen wie beispielsweise im Abwehrbereich sind die körperliche Präsenz, die Physis und die Schnelligkeit wichtiger als in anderen Ländern. Ein Louis van Gaal ist dagegen ein Fan von Verteidigern, die ein herausragendes Aufbauspiel und eine gute Technik haben und weniger stark im Kopfballspiel oder der Zweikampfführung sind. In Everton müssen die Verteidiger eher sowohl in der Luft als auch körperlich stark sein sowie ein gutes Zweikampfverhalten haben. Trainer David Moyes legt zudem Wert auf die Größe eines Innenverteidigers. Ihm brauche ich keinen anbieten, der unter 1,90m groß ist.

SPOX: Kommen die Anforderungsprofile ausschließlich von Moyes oder dürfen Sie auch einmal selbst eine Empfehlung abgeben?

Hengen: Moyes ist sehr offen, ihm kann man intern ohne Bedenken seine Meinung mitteilen. Er trifft am Ende aber die Entscheidungen allein. Wir haben aber alle zwei, drei Monate eine Scoutsitzung und diskutieren kontrovers und lebhaft aktuelle Entwicklungen. Derzeit sind beispielsweise wieder die kleinen, wendigen und schnellen Flügelstürmer im Kommen.

SPOX: Tauscht man sich auch mit Scouts anderer Vereine aus?

Hengen: Das tut man ständig, man sieht sich ja häufig in den Stadien. Da gibt es untereinander auch keine Geheimnisse. Der Fußball ist längst gläsern geworden. Es gibt keinen Spieler, den man nicht kennt. Irgendwo gibt es immer einen Bericht über den entsprechenden Kandidaten.

SPOX: Es ist also bei der Vielzahl an Beobachtern gar nicht mehr möglich, einen unbekannten Spieler zu entdecken?

Hengen: Eigentlich nicht. Das sieht man auch an der aktuellen Entwicklung mit den Kindertransfers von 12- oder 13-Jährigen. Der Markt ist sozusagen durchgescoutet. In der deutschen A- oder B-Jugend-Bundesliga gibt es keinen jungen Spieler, den man neu entdecken kann. Man kann ihn höchstens für sich und die Bedürfnisse seines Vereins entdecken. Ich habe einen belgischen Kollegen, der auch mal in Vietnam oder Peru unterwegs ist, um dort vielleicht auf Spieler zu treffen, die noch nicht gescoutet worden sind.

SPOX: Gibt es einen Markt, der für den FC Everton überhaupt nicht interessant ist?

Hengen: Nein. Es gibt aber Bereiche wie Belgien oder Holland, die sehr überscoutet sind und zudem ein extremes Gefälle aufweisen. Dort hat man drei, vier Top-Vereine und drunter ist dann fast nichts mehr los. Im Gegensatz zu Frankreich, dort sind die jungen Spieler im taktischen Bereich sehr gut ausgebildet und bringen eine gewisse Athletik mit.

SPOX: Da Sie ständig am herumreisen sind: Wie oft sehen Sie denn Spiele des FC Everton?

Hengen: So gut wie nie (lacht). Das ist das Problem: Man kennt die anderen Teams besser als sein eigenes. Ab und an nehme ich mir die Spiele aber auf. In dieser Saison habe ich bisher zwei Spiele live vor Ort sehen können.

SPOX: Müssen Sie sich für ein Spiel akkreditieren oder wie verschaffen Sie sich Zutritt zu allen erdenklichen Partien?

Hengen: Es gibt unter allen Vereinen ein sogenanntes "Scouting Agreement". Das bedeutet, dass offizielle Scouting-Anfragen ganz normal bearbeitet werden. Wenn ein Spiel ausverkauft ist, bekommt man auch manchmal eine Pressekarte oder im schlechtesten Fall eben gar kein Ticket.

SPOX: Dann wissen aber die Vereine ja immer, dass der Scout vom FC Everton im Stadion ist.

Hengen: Ja, aber das ist ganz normal. Lustig ist dagegen, dass die Engländer ein öffentliches Training gar nicht kennen. In die Finch Farm, das Trainingsgelände vom FC Everton, kommt man nur mit persönlichem Termin. In Deutschland kann ich mir einen Spieler natürlich auch noch mal im Training anschauen.

Thomas Hengen im Steckbrief

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