Fussball

Alles außer Fish & Chips

Von Carsten Germann
Ein Body wie ein Cruisergewichtler: George Elokobi von den Wolverhampton Wanderers (r.)
© Imago

Freilich steht er im Schatten der ganz großen Premier-League-Stars wie Wayne Rooney, Didier Drogba oder Carlos Tevez, doch George Elokobi hat sich bei den Wolverhampton Wanderers definitiv Kultstatus erworben. Und das in rasantem Tempo und nicht nur, weil er gerne seine imposanten Muskelberge herzeigt oder als Unterhosenmodel in Erscheinung tritt. Das eigentlich Erstaunliche ist, dass der bekennende Roger-Milla-Fan überhaupt erste Liga spielt, denn eigentlich hatte er ganz anderes in England vor.

Die Nummer macht ihm so schnell keiner nach. Bei einem Spiel mit dem Reserveteam von Colchester bestand er den Crash-Test. Mit einer Backsteinmauer. Mit beiden Beinen voraus und voller Geschwindigkeit im Kampf um den Ball rauschte er heran und riss das Mauerwerk ohne viel Federlesen ein.

"Das Ding war sehr nahe am Rasen, ich behauptete den Ball, streckte die Beine aus und krachte hinein - die Mauer war hin, aber mir ging es gut", erinnert sich George Elokobi (25) im Gespräch mit SPOX.

Die Tücken der Insel

Der Stunt bringt dem Kameruner auf der Insel den Spitznamen "The Body" ein. Durch seine umgängliche Art, sein Lachen und seine Späße wird er zum Publikumsliebling im Molineux, dem Stadion der Wolverhampton Wanderers, für die er seit 2008 alles gibt.

"Elokobi", so stellt die Zeitung "The Observer" im April 2011 fest, "hat sich in Wolverhampton zur Kultfigur entwickelt."

Dabei steht der Fußball für den jungen Afrikaner bei seiner Ankunft auf der Insel gar nicht auf der Agenda. George verlor mit elf Jahren seinen Vater und folgte der Mutter, die in London auf Jobsuche ging, 2002 nach England.

Die Ankunft in Gatwick im Januar wird zum Kulturschock. "Meine Mutter hatte mich wegen der Kälte zwar vorgewarnt, aber ich dachte nur: 'Was zur Hölle ist das?' und wollte gar nicht aus dem Flugzeug steigen", erzählt Elokobi, "an die Kälte in England werde ich mich wohl nie gewöhnen."

Und auch mit der englischen Küche wird George nicht richtig warm: "Als ich in London Leute gesehen habe, die Hähnchen und Fisch mit Pommes frites gegessen habe, traute ich meinen Augen nicht. In Kamerun werden dazu Reis und Yam gereicht. Ich hab es dann ausprobiert und muss sagen: Das ist mir alles zu trocken."

Premier League statt Uni

George will in England Informatik und Soziologie studieren. Daraus wird nichts. Über ein Freizeitteam aus dem Londoner Kennington Park landet er 2003 erst beim Amateur-Klub Dulchwich Hamlet, ehe er zwischen 2004 und 2008 insgesamt 39 Spiele für den damaligen Zweitligisten Colchester United macht.

Mit dem Wechsel nach Wolverhampton im Januar 2008 für gerade mal 350.000 Euro gelingt Elokobi der Durchbruch. Am Ende der Saison 2008/2009, in der er nebenbei noch eine schwere Knieverletzung durch knochenharte Arbeit überwindet, steigt er mit den Wolves in die Premier League auf.

Der Abwehrspieler, der mit 89 Kilo auf nur 1,75 Meter Körpergröße auch als Cruisergewichtsboxer durchgehen könnte, ist am Ziel seiner Träume.

"Seine Physis war überwältigend"

Zwar hat er in der Premier League nicht die Bekanntheit von Stars wie Didier Drogba (Chelsea), Wayne Rooney (ManUtd) oder Carlos Tevez (Manchester City), aber in den Duellen mit den Klubs aus der Spitzengruppe steht George in der Saison 2010/2011 fast immer auf der Seite der Sieger.

Elokobi und die Wolves schlagen in einer denkwürdigen Spielzeit unter anderen beide Klubs aus Manchester, Titelverteidiger Chelsea und den FC Liverpool.

Dass Elokobi einmal in der Premier League landen würde, wundert seinen Entdecker Gavin Rose, ein Duzfreund von Superstar Rio Ferdinand, nur wenig: "George wurde uns im Alter von 16 Jahren empfohlen und als ich ihn das erste Mal sah, dachte ich, er sei bereits 25 - seine Physis war einfach überwältigend. Dabei war er stets freundlich und immer bereit, etwas dazuzulernen."

Big George, der Kabinenschreck

Doch sein Kampfgeist und seine massive Erscheinung nötigen den Fans rund um das Stadion Molineux eine Menge Respekt ab: "Ich möchte nicht mit ihm diskutieren", sagt ein älterer Fan mit grauen Schläfen lächelnd, "wenn George sagt, es ist Juni, dann ist Juni." Schluss, Aus, Basta.

Auch in der Kabine gibt Big George den Ton an. Als sich Trainer Mick McCarthy im März 2011 die Mühe macht, in einem TV-Interview den Teamgeist der Wanderers zu beschreiben, erklingt aus der Kabine ein schriller, durchdringender Schrei - gefolgt von schallendem Gelächter.

"Das ist nur George", erklärt McCarthy mit aufgesetztem Lächeln, "der will nur spielen." Richtig dicke kommt es für McCarthy nach dem Last-Minute-Klassenverbleib am 22. Mai: Elokobi duscht seinen Coach mit Champagner, während der noch vor der Kamera über Anspannung im Abstiegskampf schwadroniert.

Meditation vor dem Anpfiff

Doch es gibt auch stille Momente mit George Elokobi in der Wolves-Umkleide. "Mein Lieblingsplatz im Molineux Stadium ist meine Ecke in der Kabine. Hier bete ich vor jedem Spiel um gute Gesundheit für mich und meine Mitspieler und um ein gutes Resultat und ein faires Spiel", verrät er gegenüber SPOX.

Das etwas altmodisch anmutende Molineux Stadium von Wolverhampton hat es ihm angetan. "Das Stadion an sich ist einfach großartig, die Atmosphäre ist unbeschreiblich", erklärt Elokobi, "die Fans standen immer hinter uns, das inspirierte uns. Für mich persönlich ist das riesige Klubwappen an der Stadionwand ein Merkmal, das Gänsehaut verursacht."

Georges frommer Wunsch: Bloß nicht noch einmal so ein Abstiegskrimi wie in der abgelaufenen Saison, als die Wolves trotz der 2:3-Niederlage gegen Blackburn und nur dank einer 1:2-Pleite von Birmingham City in Tottenham drin blieben.

"Dieses Jahr hat gezeigt, dass wir gegen die Großen bestehen können", sagt George, "aber wir müssen diese Leistungen auch gegen die Klubs aus dem unteren Tabellendrittel zeigen. Was nützen uns glamouröse Auftritte, wenn wir am Ende absteigen?"

Profi auf dem Catwalk

Für die Fans des Kultklubs (u. a. englischer Meister 1954, 1958 und 1959) aus dem Nordwesten Englands nimmt sich Elokobi genügend Zeit. "Ich treffe die Fans bei vielen Gelegenheiten", erzählt George, "etwa in der Player's Lounge oder bei Klubveranstaltungen und ich möchte unbedingt eine starke Verbindung zu ihnen haben, denn sie geben alles. Für mich, für das Team. Auch deshalb habe ich mir einen Account bei Twitter zugelegt."

Der volksnahe George hat aber noch andere Qualitäten. Hin und wieder sorgt er mit Auftritten als Dessous-Model für Wirbel. Der smarte Afrikaner präsentierte sich jüngst bei einer Modenschau nur in Unterhose und Bademantel und löste damit Blitzlicht- und Kreischalarm bei den weiblichen Besuchern aus.

Späße im Geist von Roger Milla

George Elokobi - wer ihm die Hand gibt, hat zwar das Gefühl, in einen Schraubstock geraten zu sein, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn George ist ein sanfter Riese.

Absolute Glanzstücke der Humorbombe sind der "Jubel-Lambada" Marke Roger Milla (Elokobi: "Jeder in Kamerun will so sein wie Milla.") und der Trikot-Striptease nach jedem Sieg: "Das geschah aus einer Laune heraus", sagt Big George, "nachdem wir gegen Birmingham City gespielt hatten. Seitdem ziehe ich das Trikot immer aus - aber ich kann es mir auch leisten."

Wer erledigte Manchester United?

Zum absoluten Helden der Fans wurde er in Wolverhampton durch sein Kopfballtor zum 1:1 gegen den späteren Meister Manchester United. Anfang Februar bringen ausgerechnet die notorischen Außenseiter von den Wolves dem großen United die erste Saison-Niederlage (2:1) bei.

Auch die Frage, ob denn das zweite Tor gegen United auf das Konto von Elokobi oder doch auf das von Teamkollege Kevin Doyle geht, klären die beiden Helden in der für die Wolverhampton Wanderers typischen, humorigen Art direkt nach dem Spiel. In der Interview-Ecke.

"Ich würde ja gerne sagen, dass es mein Tor war", sagt Doyle mit ängstlichem Blick in Richtung Elokobi, "aber was ist mit George?". Big George lächelt milde: "Damit habe ich kein Problem, ich bin ja Dein Mitspieler - und kein Killer."

George Elokobi im Steckbrief

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