Mittwoch, 11.08.2010

Englands erstes Spiel nach dem WM-Aus

Charaktertest als Beginn eines neuen Kapitels

Nach Englands blamablem Achtelfinal-Aus bei der WM riss die Kritik an Trainer und Team nicht ab. Gegen Ungarn besteht nun die erste Chance zur Wiedergutmachung. Auch Trainer Capello muss sich beweisen, schon seine Nominierungen sorgten für helle Aufregung. Denn die Torwart-Krise in England spitzt sich auf absurde Weise zu, zudem droht der Mannschaft ein bitterböser Empfang der eigenen Fans.

Umstrittene Entscheidung: Fabio Capello (M.) nominierte Keiran Gibbs (2.v.l.) und Jack Wilshere (r.)
© Getty
Umstrittene Entscheidung: Fabio Capello (M.) nominierte Keiran Gibbs (2.v.l.) und Jack Wilshere (r.)

46 Tage ist es mittlerweile her, dass sich England nach dem 1:4 gegen Deutschland als Mitfavorit auf den WM-Titel aus dem Turnier verabschieden musste. Seit 46 Tagen hat die englische Presse kein gutes Wort für die Nationalmannschaft übrig.

Die Kritik fokussierte sich vor allem auf Trainer Fabio Capello. Seine Entscheidungen waren derart umstritten, dass die Tageszeitung "Sun" eine Liste aufstellte: 10 Dinge, die Capello falsch gemacht hat.

Seit dem WM-Aus war jede Äußerung Capellos Wasser auf die Mühlen seiner Kritiker, der Italiener hatte den Großteil seines Kredits durch das frühe Ausscheiden verspielt.

Am Mittwochabend haben Capello und sein Team nun erstmals die Möglichkeit, die Gemüter in der Heimat zu beruhigen. Der Freundschaftskick gegen Ungarn im altehrwürdigen Wembley (21 Uhr im LIVE-TICKER) hat keinen üblichen Testspiel-Charakter, die Partie wird zur ultimativen Chance auf Wiedergutmachung.

Capellos angekündigter Umbruch

Vielen Engländern wäre ein kompletter Neustart ohne Capello lieber gewesen, nun wird der Coach den Umbruch selbst gestalten. Dabei muss er große Entscheidungskraft an den Tag legen, um seine eigene Glaubwürdigkeit zu wahren.

Deshalb kündigte Capello schon kurz nach der WM an: "Für einige war die WM das Ende ihrer England-Laufbahn. Das werden wir jetzt durchziehen. Bis zur Europameisterschaft müssen wir jetzt junge Spieler in das Team integrieren wie Adam Johnson und Joe Hart."

Seine Drohung wurde Realität: Bei der Benennung seines Kaders für das Ungarn-Spiel verzichtete Capello auf viele routinierte WM-Teilnehmer wie Jermain Defoe, Peter Crouch und Jamie Carragher und beförderte wie angekündigt Youngster in die A-Nationalmannschaft.

Der für die WM aus Disziplin-Gründen nicht berücksichtigte Theo Walcott ist ebenso dabei wie die zwei Arsenal-Talente Jack Wilshere (18) und Kieran Gibbs (20). Unter anderem wurden diesmal auch Carlton Cole, Bobby Zamora und Darren Bent nominiert.

Doch Capellos personeller Umbruch überzeugt nicht alle. Tottenham-Coach Harry Redknapp, der zwischenzeitlich auch als Capello-Nachfolger gehandelt wurde, zeigte sich überrascht: "Das ist ein ungewöhnliches Team. Plötzlich sind all diese Spieler, die für die WM nicht gut genug waren, in Englands Nationalmannschaft. Das ist sehr verwunderlich."

Capello beruft Youngster Wilshere und Gibbs

Torhüter-Krise immer absurder

Am meisten jedoch sorgte Capellos Torhüter-Auswahl für Aufregung. Die für ihre Patzer bekannten Robert Green und David James ließ er zu Hause, berief stattdessen Ben Foster, Joe Hart und Paul Robinson in den Kader.

Doch Capello musste an dieser Stelle gleich doppelt nachnominieren: Robinson trat aus Enttäuschung über seine Rolle als dritter Keeper zurück, Foster musste verletzt absagen. Die Chance zur Rehabilitation für Greenkeeper und Calamity-James? Denkste!

An Stelle der beiden WM-Fahrer bevorzugte der Italiener zwei Youngster ohne jegliche Premier-League-Erfahrung. Frank Fielding (vierter Keeper bei den Blackburn Rovers) und Scott Loach (beide 22) liefen noch nie in Englands höchster Spielklasse auf. Doch hätte Capello die Ausbootung von James und Green revidiert, hätte dies jegliche Konsequenz vermissen lassen.

Englands Presse nach dem Debakel gegen Deutschland
"Wenigstens scheint die Sonne noch", titelt die "Daily Mail Online" nach dem 1:4 gegen Deutschland. Ein Blick auf die englischen Webseiten direkt nach dem Spiel...
© dailymail
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"Franks for Nothing" - "The Sun" macht mit dem nicht gegebenen Treffer von Lampard auf. "Eine Nation trauert als die Three Lions zerfleischt werden"
© thesun
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Selbst die "BBC" haut ein bisschen drauf - allerdings aufs eigene Team. "Deutschland wirft trostloses England raus", titelt sie online
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"Das Ende aller englischen Hoffnungen. Deutschland spaziert zum Sieg", schreibt der "Guardian" und bebildert mit enttäuschten Gesichtern
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Was ist mit den Engländern los? Der "Mirror" gönnt Deutschland sogar den Sieg
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"Erbärmliches England fliegt raus" - titelt die "Sunday Times" und geht mit den Three Lions hart ins Gericht
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"SkySports"-Journalist James Riach stellt nach der Niederlage Fabio Capello in Frage
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"SkySports"-Journalist James Riach stellt nach der Niederlage Fabio Capello in Frage
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"Elende Engländer von Deutschland rausgemüllert" - beim "Star" hat man den Star des Spiels erkannt
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Ein gebrochenes WM-Herz beklagt der "Independent" nach der "umstrittenen aber vernichtenden" Niederlage
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Ein gebrochenes WM-Herz beklagt der "Independent" nach der "umstrittenen aber vernichtenden" Niederlage
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Zweite Chance für umstrittenen Capello

Ohnehin wird jede Capello-Entscheidung dieser Tage auf die Goldwaage gelegt, auch für ihn persönlich geht es um Wiedergutmachung. Er gilt noch immer als sehr umstritten, denn bekannter Maßen wurde eine Entlassung des Italieners nach dem WM-Aus nicht allein aus sportlicher Hinsicht verworfen.

Capello verdient rund sieben Millionen Euro im Jahr, die Abfindung bei einem Rauswurf hätte stolze 13,8 Millionen Euro betragen. Die Ära Capello wäre im Falle einer Entlassung als legendärer "20-Millionen-Euro-Irrtum" unvergessen geblieben. Auch deswegen sah sich der "Club-England"-Vorsitzende Sir David Richards gezwungen, Capello das Vertrauen auszusprechen: "Fabio ist der Beste für den Job."

Somit bleibt auch Capello die Chance, die WM selbst hinter sich zu lassen und an die souveräne WM-Qualifikation (9 Siege in 10 Spielen) aus den Monaten zuvor anzuknüpfen. Gelingt dies, würde auch die Kritik von Medien und Fans alsbald verhallen.

"Sie müssen mich ausbuhen"

Etappe Nummer eins auf der Agenda zur Versöhnung mit den England-Anhängern: Das Testspiel gegen Ungarn.

Der Three-Lions-Coach erwartet, nachdem er und eine Hand voll WM-Teilnehmer schon beim Community Shield ausgepfiffen wurden, einen unfreundlichen Empfang der Fans: "Die Zuschauer werden hundertprozentig buhen. Ich kann das verstehen. Sie müssen mich ebenso ausbuhen wie die Spieler."

Auch Steven Gerrard befürchtet Pfiffe, fordert aber seine Mannschaft zum Charaktertest auf: "Die wollen, dass wir da rausgehen und zeigen, wie sehr es uns allen Leid tut. Wir müssen ihre Kritik annehmen", verlangt der 30-Jährige.

Damit  nach 46 Tagen fortwährender Schelte der englischen Medien sowie immer neuer Kampfansagen von Verband, Trainer und Mannschaft wieder Eintracht herrscht. Gegen Ungarn kann das englische Nationalteam endlich ein neues Kapitel beginnen.

Die voraussichtlichen Aufstellungen:

England: Hart - Johnson, Dawson, Terry, A.Cole - Milner, Lampard, Barry, Gerrard - Rooney, Zamora

Ungarn: Fulop - Szelesi, Juhasz, Vanczak, Elek - Rudolf, Huszti, Vadocz, Dzsudzsak, Gera - Priskin

Testspiele: Auch Frankreich unter Druck, Spanien kann gelassen aufspielen

Daniel Reimann

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