Die Raphael Honigstein Kolumne

Verstörend-unterhaltsames Chelsea

SID
Freitag, 21.05.2010 | 14:53 Uhr
Carlo Ancelotti (l.) kam 2009 vom AC Mailand zum FC Chelsea
© Getty
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Eine wunderbare Saison ist zu Ende. Es war spannend wie selten an der Spitze, wo sich ein verstörend-unterhaltsames Chelsea letztlich an den von Verletzungen entscheidend beeinträchtigten Rivalen von Manchester United und Arsenal vorbeiballerte. Carlo Ancelotti, der teddybärige Mann aus der Emilia Romagna, wurde in seiner ersten Saison auf der Insel gleich zum Double-Gewinner  - und der erste Meistermacher, der komplett ohne dämliche Psychospielchen, Schiedsrichterschelte und kindische Medienscharmützel durch die Saison kam.

Der Geheimplan "der besten Liga der Welt"™,  die Liga mit möglichst vielen zweitklassigen Klubs vollzustopfen, ist perfekt aufgegangen: 1053 Tore wurden  (hauptsächlich gegen Fallobst wie Wigan, Burnley etc etc) geschossen, soviel wie seit 1999/2000 nicht mehr. Zudem gab es nur 32 Null zu Null's, so wenig torlose Partien wie in keiner anderen führenden Liga in Europa. Eine überraschend niedrige Rate angesichts von 38 Saisonspielen von Birmingham City.

Fulhams Einzug ins Europa-League-Finale war nicht zu erwarten. Die zweitgrößte Überraschung gelang ausgerechnet Tottenham mit dem Einzug in die Champions-League-Qualifikation (hooray!), wo sie wahrscheinlich vom FC Sevilla eliminiert werden.

Unten wurde Portsmouth von einem knappen Dutzend wechselnden Eigentümern skandalös in den Ruin gewirtschaftet. Absteigen hätte unterhalb von Platz zehn ansonsten eigentlich jeder können, doch Burnley und Hull City waren selbst Gegnern wie Wolverhampton, Stoke oder Bolton unterlegen.

Hier sind sie, die Auszeichnungen für besondere Leistungen in der Saison 2009/10: Die Honigstein-Awards.

Bester Spieler:

1a) Didier Drogba. 29 Tore in 33 Spielen. Mit nur einem Elfmeter, Leistenproblemen und einem Ausflug zum Afrika-Cup, als Chelsea gegen Sunderland, Burnley, Birmingham und Hull City spielte. Eine Naturgewalt.

1b) Wayne Rooney. 26 Tore in 32 Spielen. Mit Elfmetern und einem verdrehten Knöchel in der Endphase, ohne Cristiano Ronaldo. "Unsere Flügelspieler flanken jetzt öfter", sagte er, "früher spielten sie erst ab, als ich schon vor dem Tor stand." Wenn sie (beziehungsweise ER) überhaupt abspielten...

Beste Porzellanpuppe: Alberto Aquilani. Der 25-Jährige Römer wurde von Liverpool für 20 Millionen Euro verpflichtet, obwohl er auch die Samuel-L.-Jackson-Rolle als Bösewicht in "Unbreakable - Unzerbrechlich" spielen könnte. "Der Mann ist aus Swarovski-Kristallen gemacht", sagte ein italienischer Reporter nach dem überraschenden Deal. Der "Aquaman", wie der Mittelfeldspieler in Liverpool auch genannt wird, kam auf 18 meist sehr kurze Spiele und ein Tor.

Spiel des Jahres: Manchester United - Manchester City 4:3. Irrsinn, garniert mit einem Michael-Owen-Tor in der 96. Minute.

Udo-Latteks-Blauer-Pulli-Pokal für nutzlose Glücksbringer: Roberto Mancinis weiß-blauer Schal. Der Italiener zog das Ding vor Weihnachten und fünf Monate nicht mehr aus. Nur die Knoten - mal eng, mal locker - passten sich dem Wetter an. Muss mittlerweile ziemlich stinken.

Kurzeinsatz des Jahres: Owen Hargreaves. Der Ex-Münchner kam nach einem Seuchenjahr mit andauernden Knieproblemen beim 1:0 gegen Sunderland für exakt 35 Sekunden auf den Platz. Das hätte fast für eine WM-Nominierung gereicht; "Hargreaves bringt in 35 Sekunden mehr zustande als Jamie Carragher während eines ganzes Jahres", lachten sie in Manchester. Fabio Capello hat es sich dann aber doch anders überlegt.

Schönstes Tor: Maynor Figueroa, Wigan Athletic, gegen Stoke City. Dezember 2009. Ein direkter Freistoß aus der eigenen Hälfte. Nice one.

Tor des Jahres: Darren Bent (Sunderland) gegen Liverpool. Der Strandball-Treffer. Ein Klassiker

Die perfekte Presskonferenz: Rafael Benitez nach dem 0:2 gegen Portsmouth.

Benitez: "I have seen the replay and for me it is not a sending-off (for Javier Mascherano), but anyway the referee was perfect. He didn't make any mistakes. Now Javier is injured, and I will say again the referee didn't make any mistake."

Press: "We don't understand? You say the referee didn't make a mistake?"

Benitez: "No he was perfect. Perfect. He was perfect."

Press: "So why was it not a sending-off?"

Benitez: "I have seen the replay, for me it's not a sending-off, but anyway. Perfect."

Press: "Was there any particular reason why players like Gerrard or Torres couldn't get it together and perform?"

Benitez: "No, the referee was perfect so Torres, he didn't have any problems."

Press: "You were a goal down before the sending-off, the average observer wouldn't say you were controlling the game at half-time. Why do you say it turned the game when you were a goal down already?"

Benitez: "If you see we created a couple of chances and we have plenty of possession in the first half I was convinced we could change the game."

Press: "Can you just explain what you said about the referee?"

Benitez: "Perfect. No mistakes."

Press: "But you say he made a mistake with the sending-off."

Benitez: "Perfect."

Press: "Don't you think Torres was fortunate to escape being penalised for that elbow?"

Benitez: "The referee was perfect."

Beste Email: Tom Hicks Jr., der Sohn von Liverpool-Eigentümer Tom Hicks Sr., wurde nach einer kritischen Email eines Fans zu den horrenden Schulden des Klubs ein wenig ungehalten. "Blow me, fuckface!", schrieb der Amerikaner zurück. Das war zwar nicht wörtlich gemeint, genügte aber für einen unfreiwilligen Rücktritt aus allen Ämtern.

Ticker-Meldung der Saison: "Shit from Clive Dempsey in the box." Sky Sports News während Fulham gegen Wolfsburg.

JK-Preis für wertlose Trainer-Versprechen: "Wir werden Vierter, das kann ich garantieren". (Benitez)

Der Bernardo-Mazinho-Preis für den schlechtesten Transfer: Manchester City (wer sonst!) für den Joleon-Lescott-Deal. 29 Millionen Euro für 18 überwiegend miese Spiele.

Anti-Schwalben-Kämpfer des Jahres: Wayne "Honest" Rooney. "Ich hasse Schwalben", sagte der Nationalstürmer im Herbst. Ein paar Wochen später tauchte er gegen Aston Villa wunderbar ab. Er sah die Gelbe Karte. Für Heuchelei.

Held des Jahres I: "Was heißt hier Pornos? Ich habe viele Leute glücklich gemacht. Ich bin ein Freiheitskämpfer." Porno-Baron und West-Ham-Eigentümer David Sullivan.

Held des Jahres II: Phil Brown. Der Ex-Trainer des abstiegsgefährdeten Erstligisten Hull City unternahm Anfang Oktober mit seinem Team einen Spaziergang über die 2,2 km lange Humber Bridge "um Klarheit zu finden".  Auf der imposanten Hängebrücke finden sie neben Klarheit aber auch eine lebensmüde Frau, die in den Tod springen will. Der Coach redet der Dame so lange gut zu, bis sie es sich anders überlegt. "Phil Brown rettet Frau vor dem Selbstmord", titeln die englischen Zeitungen begeistert. Noch schöner wäre diese herzerwärmende Story nur noch, wenn sich einer der City-Spieler auch an den Vorfall erinnern könnte. Die zuständige Behörde weiß leider ebenfalls gar nichts davon. Und von der verhinderten Selbstmörderin fehlt jede Spur.

Eigentümer des Jahres: Ali und Ahmed Al-Faraj, Portsmouth: "Wir sind keine Milliardäre und wir haben keine Ahnung von Sport".

Der Shimon-Peres-Yassir-Arafat-Friedenshandschlag des Jahres: Wayne Bridge und John Terry. Just kidding.

Beste Ausrede: "Sie war viel zu alt und fett, um eine Prostituierte zu sein." Pompey-Trainer Avram Grant nach einem Besuch in einem Thai-Bordell.

Mann mit Prinzipien: Owen Coyle. "Was für ein Mann wäre ich, wenn ich beim nächsten besseren Angebot sofort von Bord gehen würde?", sagte der Burnley-Trainer nach einem Angebot von Celtic im Sommer. Ein paar Monate später unterschrieb er bei den Bolton Wanderers. "Ich freue mich auf die Herausforderung. Alles ist eine Nummer größer hier", sagte Coyle.

Fiesester Angriff über der Gürtellinie: Alex Ferguson. "Nach unserem zweiten Tor musste er sich ausruhen. Er war nicht fit genug für so ein Match", sagte der Schotte über Schiri Alan Wiley. ""Es gibt ausländische Schiedsrichter, die sind fit wie Metzgers Hund. Er aber war nicht fit".

Bester Fan-Gesang: "Thursday Nights, Channel Five", in Richtung von Liverpool.

Tofik Bachramow-Medaille für schiedsrichterliche Höchstleistung: Rob Shoebridge. Der Referee aus Derbyshire übersah beim Zweitliga-Match zwischen Bristol City und Crystal Palace einen Treffer, auf den der Begriff "Wembley-Tor" eher nicht zutraf: Palace-Stürmer Freddie Sears hatte das Leder glasklar am Torwart vorbei über die Linie und ins Netz geschossen, aber leider das Pech, dass der Ball von einer Metallbefestigung am Boden hochkant aufs Feld zurück sprang. Während Sears und seine Kollegen jubelten und sich die City-Verteidiger gegenseitig Vorwürfe machten, entschied Shoebridge rätselhaft auf Abstoß. Das Match endete mit einem 1:0-Sieg für Bristol  - und der Forderung nach einer lebenslangen Sperre für Redbridge von Palace-Trainer Neil Warnock. Ein Wiederholungsspiel lehnte die Liga mit einem Verweis auf die FIFA-Regularien ab.

Der "Dude, where's my seat?"-Award: Arsene Wenger. Der Arsenal-Trainer wurde gegen Manchester United nach einem bösen Frustfoul an einer Plastikflasche auf die Tribüne verwiesen. Der Franzose aber fand keinen Platz und stand mit ausgebreiteten Händen wie die Jesus-Statue von Rio de Janeiro einsam in der Gegend herum.

Pythagoras-Diplom für angewandte Mathematik: Phil Brown. "Die Spieler stehen eine Million Prozent hinter mir", behauptete der Hull-Trainer. 100 Prozent falsch - Brown wurde kurz darauf gefeuert.

Die besten John-Terry-Skandale:

1. Schnakseln mit Ex-Mrs. Wayne Bridge

2. Tourguide durch Cobham, Chelseas Trainingszentrum, für 10.000 Pfund.

3. Papa beim Koks-Dealen erwischt.

4. Mama beim Ladendiebstahl im Supermarkt erwischt.

5. Massen-Email einer Marketing-Agentur. "John Terry kann für ihre Firme werben..."

Fan-Banner des Jahres: "Glazers: Wir stehen für immer in Eurer Schuld", (Vor dem Old Trafford)

Alle Informationen zur Premier League

Raphael Honigstein lebt und arbeitet seit 15 Jahren in London. Für die "Süddeutsche Zeitung" berichtet er über den englischen Fußball und ist Kolumnist für die britische Tageszeitung "The Guardian". Beim Premier-League-Rechteinhaber "Setanta Sports" fungiert Honigstein als Experte für den deutschen Fußball. In Deutschland wurde der 35-Jährige auch bekannt durch sein Buch "Harder, Better, Faster, Stronger - Die geheime Geschichte des englischen Fußballs". Zudem ist er als Blogger bei footbo.com tätig.

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