Mittwoch, 21.04.2010

Groundhopper aus Leidenschaft

Ein Herzinfarkt hält sie nicht auf

Ground-Hopping gilt nicht unbedingt als besonders exkusives Hobby. Aber die Leidenschaft, die alle Fans des Hoppings verbindet, ist einzigartig. In Sachen zeitlichem und finanziellem Aufwand gibt es nichts Vergleichbares und es ist nicht verwunderlich, dass man die Legenden dieses verrückten Zeitvertreibs im Mutterland des Fußballs findet. SPOX hat zwei ganz besondere Fans getroffen.

Ground-Hopper Graeme Clarke (l.) und Harvey Harris (r.) mit SPOX-Reporter Carsten Germann
© Getty
Ground-Hopper Graeme Clarke (l.) und Harvey Harris (r.) mit SPOX-Reporter Carsten Germann

Die Menge tobte. "Schmeiß' den Penner runter!" oder "Schluss jetzt mit dem Zirkus!" waren noch die harmlosesten Ausrufe. An einem kühlen Samstagnachmittag im März 2010 waren die rund 200 mitgereisten Fans des FC Woking, die sich unter die kleine Stehtribüne des Stadions Wheatsheaf Park in Staines bei London verzogen hatten, kaum noch zu halten. Britische Schimpfwörter ohne gallische Übersetzung. "Wie kann man bei Staines Town verlieren?", brüllte einer, "Was geht hier eigentlich ab?", ein anderer.

Gute Frage. Viel drängender schien an diesem Nachmittag die Überlegung, wie man sich - während in der englischen Premier League mit dem FC Chelsea, Tottenham Hotspur und West Ham United drei Londoner Topvereine beinahe zeitgleich im Einsatz sind - überhaupt in die Vorstadtidylle von Staines verirren kann? Und vor allem, was machen diese beiden älteren Herren, die lässig an der Bande lehnen, inmitten des aufgebrachten Mobs?

Die beiden Männer, die keine Fan-Utensilien bei sich tragen, gehören auf den Plätzen der unteren Ligen in Großbritannien zum Inventar. Es sind die Groundhopper Graeme Clarke (54) und sein Freund Harvey Harris (65). Besondere Kennzeichen: Verrückt nach Fußball. Fast fünf Stunden Zugfahrt von ihrer Heimat Yorkshire nach London können sie nicht davon abhalten, sich Amateurspiele wie die Partie zwischen Staines Town ("The Massive") und Woking FC (3:0) anzusehen.

Karfreitag im Mauseloch

Diese mehr als ungewöhnliche Form der Wochenendgestaltung gehört bei dem Zollbeamten Graeme, einem Fan des FC Middlesbrough, und dem pensionierten Polizisten Harvey zum Alltag. Er fährt seit 1955, Graeme seit 1964 zu allen möglichen und unmöglichen Spielen in England und anderswo. Der Blick auf den Spielplan des "Easter Hop", des Groundhopper-Ausflugs zu Ostern, zeigt: Diese Fußball-Maniacs meinen es ernst. Von Gründonnerstag bis Ostersamstag 2010 standen gleich sieben Spiele an.

Die Stadion-Top-10 der "Times"
Platz 1: Signal Iduna Park von Borussia Dortmund. Das beeindruckt nicht nur die Engländer. Mit 80.552 Plätzen ist es Deutschlands größtes reines Stadion. Die Südtribüne ist legendär
© Getty
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Platz 1: Signal Iduna Park von Borussia Dortmund. Das beeindruckt nicht nur die Engländer. Mit 80.552 Plätzen ist es Deutschlands größtes reines Stadion. Die Südtribüne ist legendär
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Platz 2: San Siro, Mailand. Offizieller Name: Giuseppe Meazza. Laut "Times" erinnert die Arena an ein Raumschiff, das es mit dem Todesstern aufnehmen könnte - und gewinnt!
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Platz 2: San Siro, Mailand. Offizieller Name: Giuseppe Meazza. Laut "Times" erinnert die Arena an ein Raumschiff, das es mit dem Todesstern aufnehmen könnte - und gewinnt!
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Platz 3: Liverpools Anfield. Obwohl es nur Sitzplätze (rund 45.000) gibt, ist die "The Kop"-Fantribüne legendär. Furchteinflößend: Das "This is Anfield!"-Banner im Spielertunnel
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Platz 3: Liverpools Anfield. Obwohl es nur Sitzplätze (rund 45.000) gibt, ist die "The Kop"-Fantribüne legendär. Furchteinflößend: Das "This is Anfield!"-Banner im Spielertunnel
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Platz 4: Das Inönü-Stadion von Besiktas Istanbul. Weder Galas, noch Feners Stadion hat die "Times" überzeugt. Dank der nahen Lage am Bosporus gewinnt die Inönü-Arena
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Platz 4: Das Inönü-Stadion von Besiktas Istanbul. Weder Galas, noch Feners Stadion hat die "Times" überzeugt. Dank der nahen Lage am Bosporus gewinnt die Inönü-Arena
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Platz 5: Die Allianz Arena in München. Die "Times" bezeichnet das Stadion liebevoll als "weggeworfenen Autoreifen". Es sei interessanter als manche Teams, die darin spielen...
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Platz 5: Die Allianz Arena in München. Die "Times" bezeichnet das Stadion liebevoll als "weggeworfenen Autoreifen". Es sei interessanter als manche Teams, die darin spielen...
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Platz 6: Bernabeu-Stadion, Madrid. Laut "Times" der "böse Zwillingsbruder" von Nou Camp. Hat Platz für 80.000. Benannt nach Reals Präsident Santiago Bernabeu (1943-1978)
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Platz 6: Bernabeu-Stadion, Madrid. Laut "Times" der "böse Zwillingsbruder" von Nou Camp. Hat Platz für 80.000. Benannt nach Reals Präsident Santiago Bernabeu (1943-1978)
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Platz 7: La Bombonera, Stadion der Boca Juniors. Gäbe es dort europäische Sicherheitsstandards - es wäre dicht. Das Stadion wackelt, wenn die Fans springen
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Platz 7: La Bombonera, Stadion der Boca Juniors. Gäbe es dort europäische Sicherheitsstandards - es wäre dicht. Das Stadion wackelt, wenn die Fans springen
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Platz 8: Das Stadion von Dinamo Bukarest. 1956 eröffnet, nur 15.000 Fans passen rein. Schön ist anders, aber die Laufbahn und Stalin-Statuen am Eingang gefallen der "Times"
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Platz 8: Das Stadion von Dinamo Bukarest. 1956 eröffnet, nur 15.000 Fans passen rein. Schön ist anders, aber die Laufbahn und Stalin-Statuen am Eingang gefallen der "Times"
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Platz 9: Nou Camp, Barcelona. Das größte Fußball-Stadion Europas (99.000 Plätze). Bei guten Spielen ein geiler Ort, ansonsten tödlich langweilig. Sagt die "Times"
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Platz 9: Nou Camp, Barcelona. Das größte Fußball-Stadion Europas (99.000 Plätze). Bei guten Spielen ein geiler Ort, ansonsten tödlich langweilig. Sagt die "Times"
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Platz 10: Craven Cottage, FC Fulham. Mehr deutsche als englische Stadien in den Top 10? Geht gar nicht, meint die "Times" und schwört auf das kleine Stadion mit den rostigen Sitzen
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Platz 10: Craven Cottage, FC Fulham. Mehr deutsche als englische Stadien in den Top 10? Geht gar nicht, meint die "Times" und schwört auf das kleine Stadion mit den rostigen Sitzen
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Der Ausflug führte in die siebtklassige South West Peninsula League, in die malerischen englischen Grafschaften Cornwall und Devon. Mit zeitlosen Klassikern wie Falmouth Town gegen St. Blazey. Am Karfreitag wählte man die romantische Strecke. Es ging ins Küstenstädtchen Mousehole zum Spiel gegen Porthleven, ehe man abends bei der Partie Penzance gegen Torpoint Athletic erwartet wird.

Die Faszination, sich über Jahrzehnte bei jedem Wetter auf den Amateurplätzen der britischen Inseln herumzutreiben und Spiele zu besuchen, deren Ergebnisse der Durchschnittsfan nicht einmal bei der Zeitungslektüre zur Kenntnis nimmt, liegt für die Haudegen aus Yorkshire in der Sammelleidenschaft. "Es ist, als würde man Drogen nehmen", erklärt Graeme, "so wie andere Briefmarken sammeln, sind wir auf der Jagd nach Grounds. Je mehr Stadien wir besuchen, desto besser fühlen wir uns. Es ist einfach das Sammelfieber, du musst raus, auf irgendeinen Ground gehen."

"Es ist, als würde man Drogen nehmen. So wie andere Briefmarken sammeln, sind wir auf der Jagd nach Grounds. Je mehr Stadien wir besuchen, desto besser fühlen wir uns. Es ist einfach das Sammelfieber, du musst raus, auf irgendeinen Ground gehen."

Groundhopper Greame Clarke

Eine bizarre Clique

Es sind verwegene Typen, die sich da in der Non League treffen. Zwar hat es "Sunderland-Willy" nicht bis nach Staines geschafft, aber dafür wartet am Bahnhof der etwas untersetzte Malcolm. Er trägt das Wappen seines Lieblingsklubs Blyth Spartans AFC, eines stolzen Vertreters aus der sechstklassigen Conference North, im Oberarm.

"Ich quäle mich schon die gesamte Saison durch diese Liga und habe immer noch längst nicht alle Grounds geschafft", flucht er. Malcolm hält Grame Clarke zunächst für dessen kongenialen Partner.

Sind Sie John Dawson?" - "Nein", entgegnet Graeme mit schelmischem Grinsen, "er ist heute in Yorkshire unterwegs, ist zu alt geworden für den Rummel hier unten in London." Stattdessen, so berichtet Graeme, würde sich Dawson in der zwölftklassigen West Yorkshire League das Duell zwischen Robin Hood und dem Old Centralians AFC anschauen.

Mit dem Moped unterwegs

John Dawson - die Altherrenriege aus Yorkshire wäre nicht komplett ohne den liebenswert-schrulligen Spaßvogel aus Hartlepool. Im August 1941 geboren, gilt Dawson als eine Legende unter den britischen Groundhoppern. Seit 1959 durchstreift der mittlerweile ergraute Mann mit den buschigen Koteletten in Sachen Fußball das Land - fast immer mit dem Moped. Seine Honda 50 trägt ihn zuverlässig zu jedem auch noch so entlegenen Platz in den unteren Ligen.

Seit er im Jahr 2000 seinen Reisepass nicht mehr verlängern ließ ("Das interessiert mich nicht"), ist sein Aktionsradius auf die britischen Inseln beschränkt. "Schluss mit Europa", lautet sein lakonischer Kommentar dazu. Aber auch ein Herzinfarkt hat Dawson gezwungen, deutlich kürzer zu treten. "Mittlerweile", erklärt er, "komme ich nur noch auf etwa 100 Spiele pro Saison." In seinen legendären Notizbüchern finden sich die ersten Einträge aus dem Jahr 1959. "Exeter Possibles gegen Probables" ist sein erstes Spiel. "Das hieß damals immer so", erläutert John Dawson, "wenn man sich bei einem Freundschaftsspiel nicht von vornherein klar war, welche Teams genau antreten werden."

Groundhopper als Medienstar

In der Saison 1977/78 sah Dawson insgesamt 240 Spiele in den englischen Profiligen - ein bis heute gültiger Rekord. "Zu diesem Zeitpunkt", wirft er ein, "habe ich aber noch keine Amateurspiele besucht." Die Non League steht erst ab 1988/89 auf seinem Spielplan: 44 Begegnungen waren es im ersten Jahr, 52 im zweiten. Schon in den späten Sechzigerjahren wurde der Fußballsüchtige Dawson vom Fernsehen entdeckt: 1969 entstand die erste von insgesamt drei TV-Reportagen über den Hardcore-Fan.

Die Zeitungsberichte über sich und sein Hobby sammelt Dawson seit vielen Jahren in einer Schachtel. Seine Reiselust brachte ihm 1982 den "Daftest Fan Award" der Zeitung Sunday Post ein, den Preis für die bekloppteste Fußballreise. 500 Kilometer einfache Fahrt nach Exeter im englischen Südwesten konnten die Jury überzeugen.

Bereits 1965 hat Dawson die Schallmauer von 100 Spielen pro Saison geknackt. Drei Jahre später hatte er mit den Stadien in den englischen Profiligen durch. Mehr noch: 1992/93 stellte John mit 277 besuchten Spielen (davon 185 in der Amateurliga) einen ebenfalls immer noch gültigen Rekord für England und Irland auf.

Fußballhistorisch stuft John Dawson Englands Erfolg im WM-Finale 1966 gegen Deutschland ("Dieses Spiel war wirklich nicht schlecht") und das Europacupfinale der Meister 1968 mit Manchester United und Benfica Lissabon (4:1 n. V.) - ebenfalls im Londoner Wembleystadion - als die bedeutsamsten Partien seines bewegten Fan-Lebens ein.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Kein Bock auf die Premier League

Carsten Germann

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