Red Devils offenbaren Finanzsorgen

Was wird aus Manchester United?

Von Stefan Rommel
Dienstag, 19.01.2010 | 21:06 Uhr
Vom ersten Tag an war ein Teil der United-Fans gegen Klub-Eigner Malcolm Glazer
© Imago
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Manchester United gehören derzeit die Schlagzeilen auf der Insel. Die Red Devils veröffentlichten letzte Woche neben ihrer Geschäftsbilanz für das Jahr 2009 auch einen neuen Plan, wie sich der hochverschuldete Klub auf Dauer konsolidieren will. Die amerikanische Besitzerfamilie Glazer will ein Obligationspaket über 570 Millionen Euro aufnehmen, das den Schuldenberg drastisch reduzieren soll.

Die Pläne aus Übersee stoßen in England und besonders bei den United-Fans auf Argwohn, viele befürchten den schleichenden Niedergang der Red Devils.

Aber worum geht es eigentlich? Wie tief steckt United wirklich in den Schulden? Und welche Auswirkungen hat das auf die Mannschaft von Alex Ferguson? SPOX hat sich auf die Suche nach Antworten gemacht.

Was hat Glazer bisher gemacht?

Malcolm Glazer drängte im Mai 2005 in den Klub, um Geld zu verdienen. Das unterscheidet ihn grundlegend von Roman Abramowitsch, der den FC Chelsea alimentiert, weil er sich ein teures Spielzeug als Hobby halten will - ohne Rendite-Hintergedanken.

Der Glazer-Clan aus Florida holte sich das nötige Geld damals in Form von extrem teuren Darlehen und wälzten die aufgenommene Schuldenlast direkt wieder auf die damals noch existente Manchester United Aktiengesellschaft um.

Von den 1,15 Milliarden Euro, die die Übernahme kostete, hat sich Glazer jeweils rund 400 Millionen Euro bei Banken und von drei US-Hedgefonds geliehen, er musste also rund 800 Millionen Euro neue Schulden aufnehmen.

Nach 14 Jahren an der Londoner Börse nahm Glazer die Aktiengesellschaft vom Parkett und machte daraus wieder ein Privatunternehmen. Die Profitabilität von Manchester hat sich seitdem verdoppelt, das Darlehen kann problemloser bedient werden. Glazer zieht den klassischen Investmentplan einer feindlichen Übernahme durch.

Die anfänglichen Befürchtungen der Fans, Glazer wolle den Verein komplett umkrempeln, bestätigten sich bisher nicht. Anders als beim NFL-Team Tampa Bay Buccaneers, das sich die Familie bereits 1995 einverleibte, ließen die Glazers die Finger von Trainer, Maskottchen und Mannschaftsfarben.

Bisher zahlte sich die Glazer-Familie auch vergleichsweise 26 Millionen Euro selbst in Löhnen und Darlehen aus. Familienoberhaupt Malcom Glazer, mittlerweile 81 Jahre alt, hat die operativen Geschicke offiziell seinen sechs Kindern übergeben, die allesamt im United-Vorstand sitzen.

Wie lauten die aktuellen Zahlen?

Am 30. Juni 2009 endete das abgelaufene Geschäftsjahr. Demnach waren alleine die Zinszahlungen in Höhe von 47 Mio. Euro zu leisten. Die Verbindlichkeiten liegen bei rund 800 Mio. Euro.

Allerdings erhöhte sich der Umsatz von 292 Millionen Euro auf 320 Millionen Euro. Bei der Übernahme der Glazers waren es "nur" 237 Mio. Euro Umsatz.

Die Mutter-Holding Red Football Joint Venture erzielte zwar einen Gewinn vor Steuern von 52 Millionen Euro - allerdings ist damit der Verkauf von Cristiano Ronaldo für 94 Millionen Euro an Real Madrid schon verrechnet. Ansonsten beliefe sich der (Rekord-)Verlust auf rund 35 Mio. Euro.

Unterm Strich hat United das Soll bei den wichtigen Bilanzkennzahlen erreicht. Allerdings ist die Schuldentilgung mit 47 Millionen Euro astronomisch - und die Tendenz, dass wichtige Spieler verkauft werden müssen, weiter gestiegen.

Was hat Glazer jetzt vor?

Die Familie muss die Schuldenlast mindern. Dafür will United eine Anleiheemission (Obligationen) über 570 Millionen Euro aufnehmen. In einem 322 Seiten starken Schreiben offeriert United die Anleihe.

Mit dem Geld sollen mit Vermögenswerten des Klubs besicherte Verbindlichkeiten refinanziert werden. Laufzeit der Papiere, die nur die Aktiva-Seite betreffen, soll bis 2017 sein.

Das extrem risikoreiche Papier soll mit neun Prozent bezinst werden und wird an den Märkten als so genannte Ramschanleihe (junk bond) gehandelt.

Dazu hat Glazer noch sogenannte Payment in Kind (Pik) Notes ausstehen. Bei Piks werden Verbindlichkeiten mit neuen Verbindlichkeiten beglichen. Rund 240 Millionen Euro beträgt deren Volumen.

Im Prinzip will sich United neu verschulden, um alte Schulden abzubauen - gleichzeitig aber die Rendite weiter erhöhen. Alleine die Piks werfen laut Datendienstleister Bloomberg rund 14 Prozent Rendite ab.

Laut Prospekt - und wenn sich genügend Zeichner der Anleihe finden - kann sich Glazer im Jahr 2011 rund 150 Millionen Euro auszahlen lassen. Das wäre das mehr als Fünffache von dem, was bisher an Erlösen in die Taschen der Amerikaner geflossen ist.

Was ist überdies noch geplant?

Ein Verkauf des Trainingsgeländes steht im Raum. Im Jahr 2000 zogen die Red Devils vom alten Ground "The Cliff" in die ultra-moderne "Festung Carrington", wie die Fans den Komplex außerhalb der Stadt nennen.

Das rote Wunderland wird von hohen Mauern und einer Security bewacht und umfasst 14 Spielfelder verschiedener Größen, Physio- und Reha-Welten, Restaurants, Konferenzräume und ein eigenes TV-Studio. Glazer würde Carrington an eine seiner Holdings verkaufen, um es dann gleich wieder zurückzuleasen.

Viele erinnert dies jedoch an den Niedergang von Leeds United, der einem ähnlichen Schema folgte. Auch Leeds griff am Ende zu den letzten Mitteln, verkaufte unter anderem auch sein Trainingsgelände Thorp Arch.

Zudem bezog United bereits die Hälfte des 90-Millionen-Euro-Deals mit dem neuen Trikotsponsor Aon, der erst ab nächster Saison läuft. 40 Millionen Euro sind demnach schon verbraten.

Welche Auswirkungen hat das auf die Mannschaft?

Gerüchten zufolge sollen 85 Millionen Euro in die Mannschaft investiert werden, das Geld müsste sich United allerdings erneut von der Bank leihen. Ferguson wies die Gerüchte am vergangenen Freitag allerdings zurück: "Ich habe so viel Geld, wie ich brauche. Das Geld ist verfügbar, und wenn ich jemanden kaufen wollte, könnte ich das Geld haben."

Trotzdem ist die Zurückhaltung Uniteds am Transfermarkt in den letzten beiden Perioden schon bemerkenswert. Seit dem Blockbuster-Deal von Dimitar Berbatow für rund 40 Millionen Euro im Sommer 2008 leistete sich Manchester vergleichweise keinen größeren Transfer mehr.

Dabei wird die Mannschaft schon bald eine deutliche Auffrischung benötigen. Granden wie Gary Neville, Paul Scholes oder Ryan Giggs sind weit über 30 Jahre alt, Keeper Edwin van der Sar wird in diesem Jahr 40. Auch wenn United genügend hoch veranlagter Talente in seinen Reihen hat, wird von außen dringend frisches Blut benötigt.

Das Gegenteil scheint derzeit aber eher denkbar: Der Verkauf teurer Stars. Neben Berbatow soll auch Dauer-Talent Nani veräußert werden. Zuletzt ranken sich sogar Gerüchte um einen Verkauf von Identifikationsfigur Wayne Rooney.

Wie sind die Reaktionen?

Am Wochenende konfiszierten die Stewards beim 3:0 der Red Devils über Burnley ein meterlanges Transparent der Fans. "Love United, hate Glazer", war darauf zu lesen.

Die Wut auf die amerikanischen "Besatzer" soll am 10. März ihren Höhepunkt erreichen, wenn vor dem Champions-League-Spiel gegen Milan ein Protestmarsch von der Vereinigung "Manchester United Supporters Trust" organisiert wird.

"Jetzt hat man es Schwarz auf Weiß: Je länger die Glazers den Verein führen, desto mehr Schaden fügen sie ihm zu", sagt Duncan Drasdo, Vorsitzender des "Supporters Trust".

Neulich wollten einige Fans Sir Alex Ferguson schon zu einem freiwilligen Rücktritt von seinem Amt als Manager überzeugen. Ein offener Brief an Fergie soll in den kommenden Tagen folgen. Angeblich, um Ferguson davor zu bewahren, im Finanzwirbel und der um sich greifenden "Glazerisierung" am Ende stimmlos unter zu gehen.

"Es wird ein schockierendes Bild von United gezeichnet. Unglaubliche Summen werden dem Verein entnommen, um Banken, Anwälte, die Glazers und alle Schulden zu begleichen. Und das alles für eine Übernahme, die kein Fan oder die United-Verantwortlichen je wollten", sagt Nick Towle vom "Supporters Trust".

Die Sprecher der Glazer-Familie waren bisher zu keinem Kommentar bereit.

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