Mittwoch, 06.05.2009

Hooligan-Legende Cass Pennant exklusiv

In Markenklamotten zur Schlägerei

Cass Pennant hat eine erlebnisreiche Vergangenheit. Die Zeit als Hooligan prägten viele Jahre des mittlerweile 51-Jährigen. So landete Pennant beispielsweise als erster Fußballfan nach einer Schlägerei im Gefängnis und war in führender Position der Hooligan-Gruppierung I.C.F. Zusammen mit SPOX schaut er nun zurück auf seine bewegte Vergangenheit und spricht über den neu erschienenen Film "Cass", der die Geschichte Pennants erzählt.
 

Cass Pennant wurde im März 1958 in Doncaster geboren
© Chris Burgess
Cass Pennant wurde im März 1958 in Doncaster geboren

Ohne den Riesen ging nichts. Beim sechsten Internationalen Fußballfilm-Festival "11 mm" Anfang April in Berlin war der englische Bestsellerautor Cass Pennant (51) einer der Stars des Abends. Neben einer Autorenlesung und einer Signierstunde mit dem Meister selbst stand vor allem der Film über sein Leben als Hooligan, der den schlichten Titel Cass trägt, im Mittelpunkt.

Carol Lindo Powell Pennant, besser bekannt als Cass Pennant, ist eine Legende. Nicht nur in England. Der Mann hat immerhin einmal zum Führungskreis der "Inter City Firm" (I. C. F.) von West Ham United gehört, den berühmtesten Fußball-Schlägern der Insel.

"Autor und Hooliologist"

Das ist lange her. "Ich bin längst zu alt geworden für diesen Rummel", erzählt der 1,95 m große Pennant lächelnd gegenüber SPOX, "aber es war eine große Ehre für mich, in Berlin mit dabei zu sein und zu sehen, wie sich die Leute für mein Leben und für meine Arbeit interessieren."

Mittlerweile ist es Pennants Beruf geworden, die Geschichten aus seiner Hooligan-Zeit zu erzählen und niederzuschreiben. Er hält Lesungen, Vorträge an Universitäten und in Gefängnissen. Er will seine Erfahrungen und seinen Umgang mit Gewalt an Andere weitergeben. Der ehemalige Hooligan ist Literatur-Popstar, Journalist, Psychologe, Familienvater und Sozialarbeiter in einem - "Autor und Hooliologist", wie er selbst sagt.

"Ich schreibe meine Bücher heute aus der Sicht eines Grenzgängers", erklärt Cass im Gespräch mit SPOX, "Gewalt gibt es für mich nur noch in meinen Büchern. Ich habe diese Ära er- und überlebt und mich verändert."

Inter City Firm

Cass Pennant und seine Kumpane aus West Ham prägten eine ganze Epoche englischer Fußball-Subkultur. Die "Inter City Firm" sorgte zwischen den Siebziger- und den Neunzigerjahren europaweit für Angst und Schrecken. Und Pennant war fast zwanzig Jahre lang mittendrin.

Seinen 18. Geburtstag hat er 1976 im Londoner Nobelschuppen "Global Village"-Club gefeiert - beinahe selbstredend mit einer zünftigen Schlägerei zwischen "Hammers"-Fans und Chelsea-Anhängern. "Zur Firma bin ich 1972 gekommen", so Pennant rückblickend, "als junger Bursche befand ich mich nur am Rand der Gruppe, aber als ich älter wurde, bin ich rasch in den inneren Führungskreis vorgestoßen".

Spätestens nach einem Auswärtsspiel von West Ham bei Sheffield United im Stadion an der Bramall Lane im Jahr 1975 ist der stämmige Farbige eine feste Größe: "Sie warfen mit Backsteinen nach uns, jagten uns durch die Stadt zum Bahnhof. Ich habe damals einer Menge Leute aus ernsten Schwierigkeiten geholfen. Von da an war ich akzeptiert", sagt Pennant.

Gewalt als Droge?

Die gefürchteten Hooligans der "Inter City Firm" bescherten West Ham 1980 beim Europacup-Auswärtsspiel in Madrid gegen den FC Castilla mit ihren Krawallen ein Geisterspiel im Upton Park - unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Zu ihrem Namen kam die auch als "Green Street Elite" bekannte I. C. F., weil die Jungs, die noch unter 16 waren, mit den Intercity-Zügen zu den Auswärtsspielen von West Ham fuhren und sich die Tickets teilweise über Preisausschreiben auf Corn Flakes-Packungen organisierten.

Pennant beschreibt den Reiz des Hooliganismus auf seine eigene Art: "Ich habe jahrelang an jedem Wochenende auf den Tribünen und auf den Straßen gekämpft. Je größer die Gefahr war, desto stärker war der Adrenalinschub. Die Kämpfe waren besser als jede Droge."

Der erste Fan im Knast

Ende der Siebziger landete Pennant nach einer Schlägerei in Tottenham, bei der es zwei Schwerverletzte gab, als erster Fußballfan in Großbritannien im Gefängnis. Vom Londoner Old Bailey Central Criminal Court, einem auf Mordfälle spezialisierten Gericht, wurde er zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

Pennant begann, sich zu wandeln, die Birne einzuschalten. "Ich war Mitte 20, als ich das erste Mal einsaß, und ich wollte ein Buch schreiben, um damit draußen ein bisschen Geld zu verdienen."

Diesen Traum konnte sich Pennant erst viele Jahre später erfüllen. Die "Cass-Story", die er im Knast mühsam in Arbeitshefte geschrieben hatte, wurde bei seiner Haftentlassung beschlagnahmt.

Der Hüne selbst wurde 1982 nach einer Messerstecherei in Sheffield erneut verhaftet. West Ham-Fans protestierten gegen seine Inhaftierung und starteten einen Marsch zur Downing Street Number 10, dem Sitz des englischen Premierministers. Seine zweite und letzte Haftstrafe verbüßte Pennant 1987, ehe er als Türsteher arbeitete und eine der größten Sicherheitsfirmen Londons aufbauen konnte.

"Aggro-Literatur" trifft den Nerv der Zeit

Die Vergangenheit des Cass Pennant ist heute begehrter Lesestoff. Seine Bücher schießen von Null in die Spitzenplätze der britischen Bestsellerlisten. Allein seine 2000 erschienene Autobiografie "Cass" schafft es ohne groß angelegte Werbekampagnen auf Rang sechs der Charts. Es ist ein Buch, das sich wie ein Gangsterfilm aus Hollywood liest.

Während die Firm-Szene seit dem Ende der Neunzigerjahre rapide an Einfluss verlor, unter anderem durch eine verschärfte Gesetzgebung, entstand in Großbritannien beinahe parallel ein neuer literarischer Trend: Die "Aggro-Literatur" drängte auf den Büchermarkt.

Pennant ist einer der Stars dieses neuen Autoren-Zirkels. Neben ihm und seinem ehemaligen West Ham-Mitstreiter Bill Gardner ("Terrace Legends - Legenden der Stehränge") holten auch David Jones und Tony Rivers von der berüchtigten Firm "Cardiff City Soul Crew" ("The most notorious Hooligan Gang") oder Chelseas Steve Hickmott ("Armed for the Match") die Feder raus.

Der ganz normale Hooligan-Wahnsinn - die Angewohnheit, in 300 Pfund teuren Markenklamotten zur Keilerei zu gehen -, dieses penetrante Markenbewusstsein der Achtziger- und Neunzigerjahre, macht viele dieser Bücher interessant. Doch es sind vor allem die häufig aufgezeigten Querverbindungen von britischer Musikszene und Hooligan-Kultur, die beim Publikum ziehen.

Paul Heaton (Sänger von Beautiful South) bei seinen Schlachten mit der Firm Blades Business Crew aus Sheffield oder die Radaubrüder von Oasis im selben Hotelzimmer mit den Wigan-Anführern zeigen eine tiefe Verzahnung von Jugend, Fußball, Gewalt, Musik- und Modetrends und dem Platz der Hooligans in der britischen Gesellschaft als Trendsetter und Außenseiter zugleich.

"Stoff für fünf Filme"

Pennant sieht den Hype um die Hools als eine Mischung aus Dokumentation und melancholischem Rückblick einer vergangenen Ära: "Wir haben Erfahrungen gemacht, die kein anderer Autor je erfinden könnte. Diese Bücher haben Schluss gemacht mit dem Bullshit, den die Medien und das Establishment der Öffentlichkeit jahrelang über Fußball-Hooligans eingetrichtert hatten."

Gleiches gilt auch für den Film Cass, der nun in den Kinos vom wilden Leben in der Gang erzählt. "Es steckt sehr viel von meiner eigenen Geschichte in diesem Film", sagt er, "von daher bin ich sehr glücklich, dass mich die Macher beim Drehbuch und am Set um Rat gefragt haben".

Regisseur Jon S. Baird verrät gegenüber SPOX: "Ich hätte fünf Filme aus diesem Stoff machen können, aber leider hatte ich nur Budget für einen Teil." Kurios: In der Titelrolle als Prügel-Poet Pennant glänzt ausgerechnet der englische Shakespeare-Spezialist Nonso Anozie (30). Die Darsteller Leo Gregory und Jamie Kenna haben dagegen "einschlägige" Erfahrungen mit Filmen dieser Art: Sie spielten schon 2005 im Hollywood-Erfolg Green Street Hooligans mit.

Dass durch seinen Film andere ehemalige Hooligan-Größen auf den Trichter kommen könnten, ihr Leben zu verfilmen, hält Pennant durchaus für möglich: "Es kann genau so kommen wie bei der Bücherschwemme, aber mein Film ist anders als die Hooligan-Filme, die in den letzten Jahren in die Kinos kamen oder für die nächste Zeit geplant sind. Er erzählt eine wahre Geschichte - und so was gefällt den Leuten immer noch am besten."

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Carsten Germann

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