FC United of Manchester im Porträt

Rebellen mit Wasserpistolen

Von Carsten Germann
Sonntag, 27.07.2008 | 11:15 Uhr
fußball, international, united of manchester
© Imago
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Manchester/München - Die Dienstreise ging nach Deutschland. Kurz vor dem EM-Auftakt stand für den englischen Amateurklub FC United of Manchester wichtige Basisarbeit an. Im hessischen Marburg kickten die Engländer Anfang Juni gegen eine Stadtauswahl und gewannen 3:1.

Grüne Wiese statt Glamour - Klub-Manager Andy Walsh (46) liebt Ausflüge wie diesen in die Fußballprovinz. Walsh und seine Leute haben dem modernen Fußball den Kampf angesagt. Aus Wut über ihren Lieblingsklub Manchester United und aus Sorge um die Fans gründeten sie ihren eigenen Verein: Den FC United of Manchester. Mit eindeutigen Zielen.

"Unser Verein steht für den richtigen Fußball", erklärt Andy Walsh im Gespräch mit SPOX, "hier kannst du die Spieler abklatschen und deine Fahne noch mit ins Stadion nehmen."

Ein routinierter Revolutionär

Auf den ersten Blick würde man kaum auf die Idee kommen, Andy Walsh für einen Fußballfan zu halten. Und für einen Rebellen schon gar nicht. Der Mann mit der Nickelbrille und dem Seitenscheitel spricht leise und in beinahe sakralem Tonfall. Dabei ist Walsh ein Revolutionär mit Routine.

Anfang der Neunzigerjahre kämpfte der IT-Fachmann als Gewerkschaftsvertreter gegen die Thatcher-Regierung und landete für mehrere Wochen hinter Gittern.

Seit 1998 hatte Walsh als Funktionär des Fanverbandes Independent Manchester United Supporters Association (IMUSA) bereits mehrere Übernahmeversuche internationaler Finanzjongleure abgewehrt.

Den ersten und erfolgreicheren Teil seines Engagements für ManUnited schrieb er 1999 in seinem Buch "Not for Sale" ("Nicht zum Verkauf") nieder. Doch im Sommer 2005 mussten Andy und seine Mitstreiter im Kampf um United klein bei geben.

Fan-Wut und brennende Dauerkarten

Was war passiert? Im Juni 2005 hatte der greise US-Milliardär Malcolm Glazer ManUtd auf Pump gekauft. Die dazu verwendeten Kredite in Höhe von 800 Mio. Euro ließ er auf den Verein umschreiben und den einstmals reichsten Klub der Welt drückten über Nacht immens hohe Schulden.

Allein die Zinstilgung im ersten Jahr nach der Übernahme kostete Manchester rund 90 Mio. Euro. Die Fans waren auf der Palme. Vor dem Old Trafford gab es wütende Proteste, Dauerkarten wurden vor laufenden TV-Kameras verbrannt, die offiziellen Fanshops boykottiert.

ManU-Mogul Glazer: "Einfach nur obszön"

Das ist lange her. Doch auch mehr als drei Jahre nach der Abkehr von Manchester United klingen Trotz und Verbitterung aus Walshs Worten, wenn die Rede auf Malcolm Glazer kommt.

"Ich bin wütender denn je auf die Familie Glazer und was sie meinem Verein Manchester United antut", erklärt Walsh gegenüber SPOX. "Sie haben den Klub in große finanzielle Gefahr gebracht, weil sie das riesige Kapital von United für den Kauf verwendet haben und das ist einfach nur obszön."

Seine alte Liebe ManUnited ("United wird immer ein Teil von mir bleiben") verfolgt Walsh aus der Ferne. Das Champions-League-Finale in Moskau gegen Chelsea schaute er sich zuhause mit Freunden auf der Couch an. Walsh hat keine Zeit für Champagner-Fußball. Der Familienvater ist Dauergast in Fernseh-Talkshows und Radiosendungen und wird dabei nicht müde, bei seinem Einsatz für den ehrlichen Fußball von "Stolz" und "Widerstand" zu sprechen.

"Wir haben als Verein eine Position gegen die Ausbeutung der Fans eingenommen", sagt Walsh, "wobei Sponsoring und Kommerz weiß Gott nicht die Hauptprobleme sind."

Teurer Spaß in der Premier League

Vielmehr, so Walsh weiter, müsse das vorhandene Geld in der Premier League anderweitig verwendet werden und die Eintrittspreise "dauerhaft gesenkt" werden.

"Anders", fürchtet Walsh, "wird das Spiel für die Fans nicht mehr lange attraktiv sein."

Das Modell des Ebbsfleet United Football Club, einem Amateurklub, der im November 2007 von einer Online-Community mit 30.000 Nutzern übernommen wurde, hält Walsh "nicht für zukunftsfähig."

Auch in die internationalen Lobeshymnen auf die englische Premier League, die in der Champions League drei von vier Halbfinalisten stellte, mag der Kulturpessimist nicht einstimmen: "Der Businessplan, den die vier Topklubs momentan verfolgen, ist nicht haltbar. Es steht zu befürchten, dass einige andere Vereine ihre Schulden auf Kosten der Fans tilgen und die Preise weiter anziehen."

In Walshs alter sportlicher Heimat Old Trafford bewegen sich die Ticketpreise zwischen 40 und 72 Euro. Im Stadion kommt es mitunter vor, dass enthusiastisch jubelnde Zuschauer über den Stadionlautsprecher zur Ruhe gemahnt werden.

Drei Aufstiege in Folge

Beim "neuen United" ist alles anders. Zunächst als Eintagsfliege verspottet, rekrutierte der Protestklub in einem medienträchtigen Casting aus mehr als 900 Hobby-Kickern seinen ersten Kader mit 18 Akteuren. Seitdem schaffte der FCUM drei Aufstiege in Folge und spielt nunmehr in der dritten Amateurliga.

Im Stadion an der Gigg Lane in Salford, einer ärmeren Gegend von Manchester, die früher von Motorradgangs regiert wurde, spielt man im Schnitt vor 6.000 stimmgewaltigen Fans. Dauerkarten kosten gerade mal 195 Euro und erlaubt sind so ziemlich alle Fangesänge.

Sogar mit Wasserpistolen darf auf den Rängen gespritzt werden. "Salford, zeigt uns Eure Waffen!" und "Moss Side, wo sind die Drogenbanden hin?" schmettern die Fantribünen im Wechsel. In Old Trafford wären solche Streiche undenkbar.

Die Rebellen haben Großes vor

"Wir haben in den letzten Jahren viel Aufklärungsarbeit betrieben", berichtet Walsh, "und wollen den Leuten Fußball zu vernünftigen Preisen ermöglichen." Auch sonst sieht Andy Walsh seinen Klub "voll im Geschäftsplan". Und die Rebellen haben noch Großes vor. Innerhalb der nächsten zwölf Monate plant man den Umzug in ein neues Stadion.

"Wir wollen näher ran an Manchester United, am Besten in den Vorgarten von Old Trafford", sagt Andy Walsh lächelnd, "und das wird nicht mehr lange dauern." 

 

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