West Ham will Titel, hat aber nur Rüpel

Wenn Saddam mit dem Wildpinkler...

Von Daniel Paczulla
Dienstag, 22.01.2008 | 13:18 Uhr
Lee Bowyer, Keiron Dyer
© Getty
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München - Dass es im europäischen Spitzenfußball mittlerweile nicht mehr nur um den reinen Sport, sondern vordergründig um "big business" geht, dürfte anno 2008 auch der letzte Romantiker mitbekommen haben. In England gehört die Übernahme von Traditionsvereinen durch die Reichsten der Reichen mittlerweile zum Alltag.

So begann am 21. November 2006 beim englischen Erstligisten West Ham United eine neue Zeitrechnung. Ein isländisches Konsortium um die Herren Eggert Magnusson und Björgolfur Gudmundsson kauften die Hammers für 160 Millionen Euro auf.

Ganz im Stile des Londoner Nachbarn aus Chelsea, mit Roman Abramowitsch als Oligarch, wollte West Ham damit an die Spitze Europas vorstoßen. "Ich verspreche, dass ich alles in meiner Macht stehende tun werde, um echten Erfolg auf und neben dem Platz zu erzielen", betonte Magnusson bei seinem Amtsantritt als Vereinsvorsitzender.

"Wir wollen Meisterschaften gewinnen"

Doch die Vision, mit den isländischen Millionen sofort in die Top Fünf der Premier League vorzustoßen, zerbrach schnell. Der bunt zusammen gewürfelte Kader fand nicht zusammen und West Ham entging dem Abstieg erst am letzten Spieltag.

Im vergangenen Dezember war Magnussons Ära offiziell beendet - er verkaufte seine Anteile an den mächtigeren Mann, der bis dahin im Verborgenen die Fäden zog: Gudmundsson. Der 67-Jährige ist Präsident der isländischen Bank ("Landsbanki") und laut dem "Forbes"-Magazin mit 1,2 Milliarden Dollar die Nummer 799 der reichsten Menschen auf dem Planeten.

Doch statt aus den Erfahrungen der vergangenen Saison zu lehren, haute Gudmundsson unlängst im Interview mit dem "Guardian" in dieselbe Kerbe wie sein Vorgänger. "Ich glaube, wir können einer der Top-Klubs in England und Europa werden", tönte er und fügte hinzu: "Wir wollen in die Champions League und die Meisterschaft gewinnen."

Talentschmiede des Landes

Die glorreichen Zeiten des Vereins liegen freilich weit zurück. 1965 hatten die Hammers mit dem legendären Duo Geoff Hurst und Bobby Moore den Europapokal der Pokalsieger geholt (2:0 im Finale gegen den TSV 1860 München), dazu gesellten sich drei Erfolge im FA-Cup (1964, 1975, 1980). Doch der Meistertitel blieb den Hammers bis heute versagt, dafür entwickelte sich West Ham mehr und mehr zur Talentschmiede des Landes.

Mit Frank Lampard, Joe Cole (beide Chelsea), Rio Ferdinand, Michael Carrick (beide Manchester United) und Jermain Defoe (Tottenham) stammen sechs aktuelle Nationalspieler aus der Jugend der Hammers, spielen aber mittlerweile bei anderen Vereinen.

Gudmundsson werkelt nun an den Vorraussetzungen für eine erfolgreiche Zukunft. Ganz nach dem Motto: Investieren in Beine und Steine. Das neuste Projekt ist ein neues Stadion. Für 360 Millionen Euro soll eine neue Arena für 60.000 Zuschauer gebaut werden. An der Mannschaft wurde bereits im Sommer gebastelt: Für knapp 50 Millionen Euro kamen acht neue Akteure in den Upton Park.

Realität: Mittelmaß

Gebracht haben die Investitionen aber noch immer nichts. Die Realität nach 23 Spieltagen sieht grau aus. Die Hammers stehen auf Platz zehn im Tabellen-Niemandsland. Und wenn man sich die Zusammenstellung des Kaders ansieht, fragt man sich schon, ob der Isländer Eigentümer einer Fußball-Mannschaft, oder eher einer Heavy-Metal-Band ist.

Bei Rockbands ist es nahezu selbstverständlich, dass sie bei Touren die Hotelzimmer gerne verwüsten und sich wie Rowdies benehmen. Genau darin scheinen die Kicker der Hammers jetzt schon europäische Spitze zu sein. Denn die Benimm-Akten der West-Ham-Spieler liest sich wie ein "Who-is-Who" der Fußball-Rüpel. Ein Auszug:

Craig Bellamy alias "The Nutter with the Putter"
Die Aktion des Walisers im Februar 2007 gegenüber seinem damaligen Teamkollegen John Arne Riise beim FC Liverpool ist jetzt schon legendär.

Vor dem Champions-League-Spiel gegen den FC Barcelona hatte der 28-Jährige seinen norwegischen Mannschaftskollegen nach einer Meinungsverschiedenheit kurzerhand mit einem Golfschläger malträtiert.

Sein Ex-Coach Sir Bobby Robson beschrieb Bellamy darauf wie folgt: "Er ist ein Mensch, der alleine in einem Raum eine Schlägerei anfangen kann. Er ist der durchgeknallteste Spieler, den ich je trainiert habe."

Der Rest ist bekannt: Riise und Bellamy schossen Barca gemeinsam aus der Königsklasse, der "Verrückte mit dem Putter" ("The Sun") feierte sein Tor im Camp Nou mit einer Abschlag-Trockenübung.

Kieron Dyer - Der Wildpinkler
Dyer wurde 2003 beschuldigt, bei einer Gruppenvergewaltigung eines 17-jährigen Mädchens beteiligt gewesen zu sein, wurde jedoch freigesprochen. 2004 wurde der 29-Jährige verwarnt, nachdem er beim öffentlichen Urinieren gefilmt wurde.

Lee Bowyer - "Saddam Hussein der Liga"
Vor der Saison 2006/2007 gingen die Hammers-Fans auf die Barrikaden und wollten Bowyer nach drei Jahren Newcastle nur ungern wieder zurück. Warum? "Mirror"-Kolumnist John Parsons beschrieb Bowyer im Jahr 2003 so: "Er ist aktuell der Saddam Hussein der Premier League."

Kostprobe gefällig? Er war der erste Spieler, der in der Premier League 14 Gelbe Karten in einer Saison kassierte, wurde einmal wegen Cannabis-Konsums gesperrt und soll zudem vor ein paar Jahren eine Bedienung eines Fast-Food-Restaurants rassistisch beleidigt haben. Zitat: "Ich will von keinem Pakistani bedient werden."

Bowyer vs. Dyer - Let's get ready to rumble
2005 spielten Bowyer und Dyer bereits gemeinsam für Newcastle United. Im Spiel gegen Aston Villa brannten den beiden die Sicherungen durch. Sie gingen sich gegenseitig an die Gurgel (im Bild).

Der spektakuläre Faustkampf endete für beide mit einem Platzverweis. Bowyer wurde als Anstifter vom Verein mit 350.000 Euro und einer sechswöchigen Sperre bestraft. 

Anton Ferdinand - Böser kleiner Bruder
Der 22-Jährige wurde 2006 nach einer Schlägerei vor einem Londoner Nachtclub festgenommen und kam erst gegen Kaution wieder frei. Der kleine Bruder von ManUs Rio erklärte später, er habe sich nur selbst verteidigt, weil ihm jemand seine 90.000-Euro-Uhr klauen wollte. Nach einem einjährigen Prozess wurde er freigesprochen.

Freddie Ljungberg - Schlagkräftiger Schwede
Die Bilder gingen um die Welt: Kurz vor der WM 2002 flogen nach einem Revanchefoul von Teamkollege Olof Mellberg beim Training der schwedischen Nationalmannschaft die Fäuste. Kurz darauf gaben sie sich allerdings wieder freundschaftlich die Hand.

West Ham rockt

Ob Trainer Alan Curbishley seinen wilden Haufen in Zukunft in den Griff bekommt, ist äußerst fraglich, ebenso, ob Gudmundsson bei der Wahl der Neuzugänge demnächst wieder auf brave Jungs setzt.

Aber irgendwie scheint das harte Image zu West Ham zu passen - jedenfalls wenn man an den prominentesten Fan des Klubs denkt. Steve Harris spielte einst in der Jugend für die Hammers. Als es mit der Profi-Karriere nicht klappte, gründete er 1975 eine Band namens Iron Maiden. Und die ist bekanntlich das Aushängeschild der "New Wave of British Heavy Metal".

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