Fussball

Wie eine Baseball-Legende den italienischen Traditionsklub Reggiana zerstörte

© getty

Zu Gast im eigenen Heim

Immerhin hatte Reggiana noch das selbst gebaute Stadion, aber auch das nicht mehr lange. 2005 ging der Klub pleite, wurde in die vierte Liga zwangsrelegiert und das Stadion unter Fremdverwaltung gestellt. Zu Gast im eigenen Heim. Als das Stadion 2013 schließlich zur Auktion freigegeben wurde, sammelten die Reggiana-Fans Geld, um ihre Heimat zurückzukaufen. Doch Giorgio Squinzi bot mehr. Er ist Chef des Bauchemieunternehmens Mapei und Besitzer des Klubs US Sassuolo aus einer Kleinstadt in der Gegend, den er in jenem Jahr erstmals in die Serie A führte.

Sassuolos traditionelles Heimstadion erfüllte die Serie-A-Lizenzkriterien nicht, also brauchte es eine Alternative. Es sollte Reggianas Stadio Giglio werden, das Squinzi umgehend in Mapei-Stadion umbenannte. Um im eigenen Stadion spielen zu dürfen, musste Reggiana fortan Miete an einen Rivalen bezahlen. Piazza wollte das nach seiner Ankunft unbedingt ändern und um seinen unbändigen Willen zu unterstreichen, fauchte er immer wieder medial, fluchte über diese Ungerechtigkeit und haute bei Pressekonferenzen wütend auf Tische. Aber Sassuolo und Squinzi gaben nicht nach. Warum auch?

Ein ehemaliges Playboy-Model als Vizepräsidentin

Piazza selbst beschränkte sich auf vereinzelte Auftritte vor Ort, die alltäglichen Geschicke in Reggio Emilia leitete als Vizepräsidentin seine Frau Alicia, ein ehemaliges Playboy-Model. Was sie von diesem Verein und dieser Stadt tatsächlich hielt, verriet sie erst nach dem Abschied. "Wer zur Hölle hat jemals etwas von Reggio Emilia gehört?", fragte sie bei The Athletic. "Es ist nicht Venedig, es ist nicht Rom und das hat mich depressiv gemacht." Der Kauf sei ein Resultat der Midlifecrisis ihres Mannes gewesen, erklärte Alicia.

Vor Ort sah sie es als ihre Aufgabe an, das von ihrem Mann aufs Spiel gesetzte Familienvermögen zu retten - in jeglicher Hinsicht. Um Wasser zu sparen, mussten die Spieler ihre Trikots fortan selbst waschen. Um Sprit zu sparen, wurde der Service, dass Jugendspieler nach dem Training per Bus zu ihren Elternhäusern gebracht werden, eingestellt. Sportlich scheiterte die Mannschaft 2017 am Aufstieg und 2018 erneut - dieser verdammte Elfmeter in der zehnten Minute der Nachspielzeit!

Zwei Jahre nach Piazzas Ankunft spielte Reggiana also immer noch in der dritten Liga und musste immer noch Stadionmiete an den Rivalen zahlen. Seine Midlifecrisis fand dagegen ein Ende, also veröffentlichte er am 26. Juni 2018 ein Statement. "Die Familie Piazza wird den Klub nicht mehr weiter unterstützen", schrieb er. "Ich hoffe, dass ihr mit etwas Abstand erkennt, wie viel wir geopfert haben. Es war Arbeit aus Liebe und ein Projekt, das wir mit Emotionen und Zuneigung zur Stadt angingen. Wir werden für immer Fans der Mannschaft sein, die auf ewig Teil unseres Lebens sein wird." Weg war Piazza für immer und da es keine neuen Investoren gab, gab es Reggiana eben auch nicht mehr.

Zukunft mit Gesichtern der Vergangenheit

Rund einen Monat später entstand mit finanzieller Unterstützung lokaler Unternehmer der Nachfolgeklub Reggio Audace FC, der Name bezieht sich auf einen Vorgängerverein Reggianas. In der vierten Liga durfte er ins Ligensystem einsteigen. "Wir gründeten den Klub, um die Fußballgeschichte der Stadt weiterzuschreiben und unser Wappen mit fast 100-jähriger Geschichte weiterleben zu lassen", sagt Präsident Luca Quintavalli gegenüber SPOX und Goal. Kein Wort will er über den Vorgängerverein und sein tragisches Ende verlieren. Jedes Wort über Piazza sei eines zu viel. Um die Zukunft geht es Quintavalli, nicht um die Vergangenheit.

An der Zukunft arbeiten aber auch viele Gesichter der Vergangenheit mit. Einige Schlüsselspieler blieben der Stadt und ihrem Verein treu, Keeper Davide Narduzzo etwa und Kapitän Paolo Rozzio. Auch Generalsekretär, Jugendleiter und Manager machen beim Neustart mit. "Sie geben uns Kontinuität und zeigen der Stadt die Ernsthaftigkeit unserer Ambitionen", sagt Quintavalli.

Einmalige Fans und hohe Ziele

Geblieben sind natürlich auch die Fans. Knapp 4.000 Dauerkarten verkaufte der Klub und auch auswärts wird er stets von hunderten Fans unterstützt. "Das ist einmalig in dieser Liga", schwärmt Quintavalli. Geht es nach dem Präsidenten, sollen die Fans bald wieder in Drittligastadien reisen dürfen.

"Unsere Ziele sind hoch. Wir wollen so schnell wie möglich Meister werden", sagt Quintavalli. Aktuell rangiert Reggio Audace auf dem Play-Off-Platz drei. Sicher aufsteigen darf nur der Meister, der Rückstand auf Tabellenführer US Pergolettese beträgt sieben Punkte.

Sorgen, dass der Verein nach einem verpassten Aufstieg erneut aufhört zu existieren, gibt es nun immerhin keine mehr. Und die Resultate sind sogar auf einer neuen Website zu verfolgen - aber die alte mit ihrer Ankündigung des Siena-Spiels existiert immer noch. Als ewiges Mahnmal.

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