Fussball

Pro-Contra-Diskussion: Ist die Ära von Jose Mourinho endgültig vorbei?

Von Kerry Hau und Jonas Rütten
Holte mit Manchester United zwei Titel und wurde nach dem schlechtesten Saisonstart seit 29 Jahren dennoch entlassen: Jose Mourinho.
© getty

Nach dem schlechtesten Saisonstart seit 29 Jahren hat Manchester United die Reißleine gezogen und Trainer Jose Mourinho entlassen. "The Special One" ist zweifelsohne einer der größten Trainer des neuen Jahrtausends, doch mittlerweile stellt sich die Frage, ob er noch in der Lage ist, einer europäischen Spitzenmannschaft weiterzuhelfen. Ist die Ära Mourinho vorüber? Die SPOX-Redakteure Kerry Hau und Jonas Rütten diskutieren im Kopfballpendel.

Warum die Ära von Mourinho vorüber ist: Das traurige Schicksal des Pioniers

Von SPOX-Redakteur Jonas Rütten.

Eines vorab: Jose Mario dos Santos Felix Mourinho ist einer der größten und erfolgreichsten Trainer des neuen Millenniums. Er war seiner Konkurrenz in nahezu allen wichtigen Aspekten des modernen Fußballs Anfang des Jahrtausends und auch noch weit danach um Jahre voraus. Sei es die Trainingsplanung- und Gestaltung, die taktische Ausrichtung oder die Führung der Mannschaft.

Mourinho arbeitete methodisch, wissenschaftlich und schaffte es, sich in einer Zeit als Trainer von Rang zu etablieren, in der es Fußballfachmännern, die nicht selbst auf hohem Niveau gespielt hatten, schier unmöglich war, im Profibereich als Übungsleiter zu glänzen. Die Plätze auf den Trainerbänken bei den großen und auch weniger großen Klubs waren verdienten Ehemaligen vorbehalten.

Doch "Mou" durchbrach diese Phalanx, gilt heute als einer der ersten sogenannten "Laptoptrainer" des Fußballs und holte mit seinen Mannschaften seit 2003 25 nationale und internationale Titel. 17 davon - und hier liegt der sprichwörtliche Hund begraben - gewann er zwischen 2003 und 2010 mit Chelsea, Porto und Inter Mailand.

Mittlerweile ereilt Mourinho das traurige Schicksal des Pioniers: Andere Trainer haben aufgeholt, sich längst sein methodisches Vorgehen - beispielsweise in der Trainingsgestaltung, die ausschließlich mit Ball stattfindet - abgeschaut und weiterentwickelt. Das liegt auch daran, dass Mourinho eisern an seiner Philosophie des Außenseiterfußballs festhält und sie kaum bis gar nicht hinterfragt.

Jose Mourinho bei Real Madrid und Manchester United: Der Mythos bröckelt

War sein Fokus auf das makellose Verschieben, das disziplinierte Verteidigen und das Umschaltspiel beim FC Porto und Inter Mailand noch der Grundstein zweier Champions-League-Titel, begann der "Mythos Mou" mit dem gleichen Ansatz, aber mit besseren Einzelspielern bei Real in den großen Spielen gegen den FC Barcelona und bei Manchester United zu bröckeln.

Bei Real habe er dadurch nach Angaben des Enthüllungsjournalisten Diego Torres, der sich auf Quellen innerhalb der damaligen Mannschaft beruft und über Mourinhos Zeit bei Real ein Buch geschrieben hat, sogar den Respekt der Vereinsführung und seiner Spieler verloren. Und das, obwohl er 2012 eine Rekordsaison mit den Königlichen spielte und als Meister die 100-Punkte-Schallmauer durchbrach.

Dadurch dass Mourinho mit Ausnahme von Porto und mit Abstrichen Inter ausschließlich bei Top-Klubs arbeitete, denen eine Außenseiterrolle in den meisten Spielen kaum zu Gesicht steht, hat sich die Philosophie des "Special One" mittlerweile abgenutzt.

Mourinho im Streit mit den eigenen Spielern: Als Psychologe versagt

In der aktuellen Saison bei Manchester United kam dann noch hinzu, dass nicht nur der Trainer Mourinho, sondern auch der Psychologe Mourinho mit seinen kalkulierten Verbalattacken gegen Gegner, andere Trainer und auch die eigenen Spieler, die er zu besseren Leistungen antreiben wollte, versagte.

Mourinho verfolgte mit seinen öffentlichen Auftritten stets das Ziel, den medialen Fokus auf sich selbst und weg von der Mannschaft richten, um dadurch ein "Wir-gegen-alle"-Gefühl im Team zu etablieren. Wann immer Mourinho zu einem neuen Klub kam, versprach er den Spielern, dass er sie immer verteidigen werde - wenn sie denn das tun, was er von ihnen will.

Dass das zum Ende seiner Amtszeit bei United nicht mehr so war, liegt auf der Hand: Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich Mourinho mit mehreren Führungsspielern, vor allem Paul Pogba, zerstritt. Aus dem "Wir gegen alle anderen" wurde bei den Red Devils "Mourinho gegen die Spieler".

Auch deshalb, weil Mourinho nicht verstand, wie er mit den zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftigen Eigenschaften der "neuen Spielergeneration" mit Social Media und Co. umzugehen hatte. Dies aber sind nun einmal Aufgaben, denen sich ein Trainer in der heutigen Zeit stellen und die er bewältigen muss, und zwar ohne auf maximalen Konfrontationskurs zu gehen.

Mourinhos Häme für das "schönen Spiel": Dichter holen keine Titel

Kritik an der Qualität des Kaders ist mit Blick auf die Defensive zwar durchaus zulässig, doch offensiv sind die Red Devils mit Lukaku, Lingaard, Mata, Rashford, Sanchez und Martial dennoch top besetzt. Ein wesentlich größeres Problem als die mangelnden Verstärkungen im Sommer verursachte Mourinho selbst. Durch eben jene Fehden mit Spielern und das stoische Beharren auf seiner Philosophie vom trockenen Ergebnisfußball.

Für Mourinho zählt nur der Sieg, das Wie ist zweitrangig. "Es gibt viele Dichter im Fußball, aber die gewinnen keine Titel", sagte Mourinho hämisch nach dem Sieg von United im Europa-League-Finale über Ajax Amsterdam 2017, als United über 90 Minuten fußballerische Magerkost bot, aber dennoch ungefährdet 2:0 gewann.

Die Erfolge 2017 (Europa-League-Sieg, League-Cup-Sieg, Vizemeisterschaft) gaben ihm zu diesem Zeitpunkt Recht, doch in der aktuellen Saison blieben sie aus - und das nicht nur wegen der Qualität des Kaders.

Ein Umstand, der auch anderen Top-Klubs, die sich aktuell oder in Zukunft auf Trainersuche befinden oder begeben werden, nicht verborgen bleiben wird. Es stellt sich die Frage, ob Mourinho mit seiner unumstößlichen Philosophie noch in der Lage ist, einer europäischen Spitzenmannschaft weiterzuhelfen.

Seine Kompromisslosigkeit bescherte ihm schon 2008 eine der größten Niederlagen seiner Karriere. Damals suchte der FC Barcelona einen Nachfolger für den geschassten Frank Rijkaard und Mourinho bewarb sich aktiv beim Vorstand der Katalanen. Klub-Legende Johan Cruyff legte jedoch trotz seines Respekts für den Portugiesen sein Veto ein. "Ich würde ihn niemals als Trainer anstellen", sagte er damals.

Es ist wahrscheinlich, dass Mourinho nach seiner Entlassung bei Manchester United solche Worte nun häufiger zu hören bekommt.

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