Fussball

Jürgen Röber im Legenden-Interview: "Ich habe Dunga gequält"

Jürgen Röber war in der Saison 2006/2007 acht Spiele lang BVB-Trainer
© getty

SPOX: Ihre erfolgreichste Zeit hatten Sie dann bei der Hertha, die Sie von der 2. Liga in die Champions League führten.

Röber: In meinem ersten Spiel gegen Jena, wir verloren 2:4, aber Niko Kovac erzielte übrigens das 1:0, waren 8.000 Zuschauer im riesigen Olympiastadion, der Verein war am Boden. In der Aufstiegssaison hatten wir dann 75.000 Fans gegen Lautern.

SPOX: Und es sollten viel größere Highlights folgen. Ich denke an das berühmte Nebelspiel gegen den FC Barcelona in der Champions League. Preetz, Daei im Sturm, Thom und Wosz dahinter, bei Barca bestand das Mittelfeld aus Guardiola, Luis Enrique und Cocu, van Gaal war Ihr Gegner auf der Bank. Was denken Sie, wenn Sie das hören?

Röber: Ich glaube, die Zuschauer auf den Tribünen haben an dem Abend gar nichts gesehen, selbst auf dem Platz konntest du gerade mal von der Mittellinie die beiden Tore erkennen. Es war natürlich irre, gegen Barca zu spielen. In Barcelona haben wir sogar durch ein unglaubliches Tor von Alex Alves geführt. Ich war immer ein Trainer, der über die Ansprache und die Motivation kam. Generell hat es mir am meisten Spaß gemacht, Spieler weiterzuentwickeln.

Röber über Michael Preetz und Sebastian Deisler

SPOX: An wen denken Sie besonders?

Röber: Michael Preetz fällt mir da ein. Der ist zu mir gekommen aus der 2. Liga, aus Wattenscheid. Ich habe ihn so lange gequält, bis er eines Tages Torschützenkönig in der Bundesliga geworden ist. Und sogar Nationalspieler. Der Lange ist Nationalspieler geworden und ich nicht, das ist unglaublich. (lacht) Aber da sieht man, was man durch harte Arbeit und Training erreichen kann. Für Tiger Woods oder Roger Federer, die absolut Besten in ihrer Sportart, ist es völlig normal, 1.000 Bälle zu schlagen, immer und immer wieder. So ein Trainingseifer sollte für einen Fußballer auch möglich sein, um sich weiter zu verbessern.

SPOX: Das müssen Sie genauer erklären.

Röber: Bevor ich überhaupt Trainer wurde, habe ich einmal in Leverkusen vom Zaun an der Autobahnbrücke ein Training verfolgt. Von zehn Torschüssen gingen acht über das Tor. Und das war's. Für mich war klar, dass ich das anders machen werden, wenn ich einmal Trainer bin. In Berlin habe ich in solchen Fällen das Training abgepfiffen und zu den Jungs gesagt: "Seht ihr, wie groß das Maifeld ist? Und jetzt laufen!" Das musst du machen. Du musst Wert auf die einfachsten Dinge legen. In Mouscron haben wir einen talentierten Mittelstürmer, Frantzdy Pierrot. Er ist ein Riesenbaby mit unglaublichem Willen, aber technisch hat er wahnsinnige Probleme. Bernd (Storck, Röbers langjähriger Co-Trainer und jetziger Chefcoach in Mouscron, Anm. d. Red.) hat mir Bilder geschickt von seiner Fußhaltung. So kannst du den Ball gar nicht treffen. Aber das ist genau das, was Spaß macht. Spieler zu entwickeln.

SPOX: Sie hatten in Ihrer Zeit auch den jungen Sebastian Deisler unter Ihren Fittichen.

Röber: Sebastian war der beste Fußballer, den ich jemals hatte. Sebastian hatte einfach alles. Sprungkraft, Schnelligkeit, Passspiel, Schussstärke, einen unglaublichen rechten Fuß. Leider hatte er nicht den Körper und seine Karriere nahm den Verlauf, den wir alle kennen. Einfach schade. Sebastian hätte ein Weltstar werden können.

SPOX: Nach der Hertha-Zeit folgte ein enttäuschendes Jahr beim VfL Wolfsburg.

Röber: Als ich in Wolfsburg war, steckte VW gerade in Problemen. Wir brauchten Spieler, aber mir wurde gesagt, dass man jetzt nicht Millionen für Spieler ausgeben könne, wenn gerade Mitarbeiter entlassen werden. Später wurde dann extrem investiert, aber da war es zu spät für mich. Wenn ich die Millionen zur Verfügung gehabt hätte, wären wir ganz woanders gestanden. Aber ich hatte trotzdem schöne Momente in Wolfsburg. Ich erinnere mich an Stefan Schnoor. Er hat manchmal weder den Mann noch den Ball getroffen. Aber die Leute haben ihn immer gefeiert.

Röber über seine Zeit bei Partizan Belgrad und beim BVB

SPOX: Aber Sie waren derjenige, der geflogen ist. Als nächste Station folgte aus dem Nichts Partizan Belgrad. Wie ist das zustande gekommen?

Röber: Ich bin hingeflogen, um ein Spiel zu beobachten. Und dann einfach dageblieben. Es passierte alles in einer Nacht. Ich rief meine Frau an und sagte ihr, dass sie bitte meine Koffer nach Belgrad schicken soll. Es war ähnlich verrückt wie damals mit der Calgary-Geschichte, aber so war ich halt. Mein Problem war, dass wir zwar Zweiter wurden, aber Zweiter hinter Roter Stern darfst du nicht werden, also bin ich geflogen. Auch das war aber eine tolle Zeit, Belgrad ist eine faszinierende Stadt. Aber ich habe auch Unschönes erlebt. Einmal hatten wir ein Spiel gegen einen Verein, der ganz unten stand und unbedingt gewinnen musste, um in der Liga zu bleiben. Die Schwester von unserem Präsidenten war die Vorsitzende dieses Klubs.

SPOX: Sie mussten also wirklich verlieren?

Röber: Es war völlig klar. Der Busfahrer fand das Stadion nicht, dabei kannte er den Weg natürlich. So kamen wir fünf Minuten vor Spielbeginn erst an und konnten uns gerade noch umziehen, das war's. Ich habe meiner Mannschaft gesagt: "Wenn wir dieses Spiel verlieren, trainieren wir in den nächsten Wochen dreimal täglich." Wir haben das Spiel gewonnen. Aber ich bin danach rausgeschmissen worden.

SPOX: Nach der Belgrad-Zeit kamen Sie zurück in die Bundesliga zu Borussia Dortmund. Aber Sie blieben nur acht Spiele, obwohl es mit dem Sieg gegen die Bayern, dank eines Doppelpacks von Alex Frei, so überragend begann. Warum passte es nicht?

Röber: Nach dem Auftaktsieg gegen die Bayern lief alles schief. Es war von vornherein eine komplizierte Situation, weil feststand, dass Thomas von Heesen zur neuen Saison übernehmen sollte. Das wusste ich zwar, aber ich wollte es den Verantwortlichen so schwer wie nur irgendwie möglich machen und schauen, was passiert, sollten wir sehr erfolgreiche Monate hinlegen. Aber es funktionierte nicht. Ich merkte, dass es nicht passt und zog nach einer furchtbaren Niederlage in Bochum einen Schlussstrich. Ich bereue meine BVB-Zeit, ich hätte es nicht machen sollen. Aber ich komme aus dem Ruhrgebiet. Wenn sich dann Dortmund meldet, kannst du nicht absagen. Ich passte eigentlich ja sehr gut dahin.

SPOX: Danach ging die Globetrotter-Zeit wieder weiter. Ihr Weg führte Sie nach Moskau zu Ramenskoje.

Röber: Eklatant war dort der Unterschied zwischen unglaublichem Reichtum auf der einen und extremer Armut auf der anderen Seite. Ich hatte meinen eigenen Fahrer und habe wie ein König dort gelebt, aber als ich gehen musste, war der Fahrer weg und ich wurde in einem Lada zum Flughafen gebracht.

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