Martin Forkel im Interview über Fußball in Vietnam: "Spieler wohnen in 3-Bett-Zimmern"

Von Nicolai Lehnort
Martin Forkel als Fitnesstrainer der vietnamesischen Nationalmannschaft.
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SPOX: Wie unterhalten Sie sich denn mit den Spielern?

Forkel: Ich kann ein paar Wörter vietnamesisch. Auch die Zahlen und ein paar Höflichkeitsformeln beherrsche ich. Zudem haben wir rund um die Uhr einen Übersetzer dabei. Wir sprechen Englisch mit ihm und er übersetzt es den Spielern. Abgesehen von unseren beiden ausländischen Spielern spricht kaum einer Englisch, höchstens zwei oder drei.

SPOX: Werden die Spieler als Profis geführt?

Forkel: In der höchsten Liga schon. Das Durchschnittsgehalt in Vietnam ist sehr niedrig. Im Verhältnis dazu ist es in Ordnung, was die Spieler verdienen. Allerdings ist das Leben als Fußball-Profi ein riesiger Unterschied zu dem, wie wir es aus Europa kennen.

SPOX: Inwiefern?

Forkel: Die Spieler wohnen nicht zuhause und die meisten ihrer Familien sind nicht in Saigon. Sie fahren also nicht von zuhause zum Training und anschließend wieder zurück, sondern sind in einem sogenannten Trainingscamp untergebracht. Das ist ein Gebäudekomplex mit mehreren Drei-Bett-Zimmern. Dort leben sie die komplette Zeit zusammen: erst schlafen, dann Vormittagstraining, duschen, gemeinsames Mittagessen, Nachmittagstraining - und am nächsten Tag dasselbe Prozedere. Das geht auf diese Weise bereits in der Jugend los, die Spieler wachsen damit auf und kennen es gar nicht anders. Ich selbst habe im Trainingszentrum zwar ein Zimmer für die Zeit zwischen den Einheiten, wohne ansonsten aber in einem Apartment in der Stadt.

SPOX: Hängt diese Vorgehensweise mit dem Einkommen der Spieler zusammen?

Forkel: Man hört hier, dass die Spieler das Geld, das sie verdienen, gerne sparen. Andererseits wird es vom Verein gerne gesehen, dass die Spieler zusammenwohnen. Pro Team dürfen zudem zwei Ausländer im Kader stehen und diese werden anders behandelt. Sie können separat wohnen oder bringen oft auch ihre Familien mit.

SPOX: Inwiefern genießen die ausländischen Spieler eine Sonderbehandlung?

Forkel: Eigentlich gar nicht. Es gibt eben die Regel, wonach jedes Team zwei Ausländer beschäftigen darf. Für den Meister oder Pokalsieger, der in der AFC Champions League spielt, gibt es eine Ausnahme: aufgrund der höheren Belastung dürfen diese Teams drei Ausländer verpflichten, wovon allerdings nur zwei für den Ligabetrieb spielberechtigt sind. Diese beiden Spieler sind jedoch nicht festgeschrieben, sondern können getauscht werden - bei Verletzungen zum Beispiel. Generell werden hier die Schlüsselpositionen mit Ausländern besetzt. Besonders afrikanische Stürmer oder Brasilianer werden hoch gehandelt.

SPOX: Wie sieht es denn mit der Infrastruktur im Land aus: Wie reist man beispielsweise zu Auswärtsspielen?

Forkel: Vietnam ist ein recht langgezogenes Land. Zu den beiden Spielen hier im Süden fahren wir mit dem Bus, das sind eine und drei Stunden Fahrtzeit. Die restlichen Spiele in der Mitte Vietnams oder im Norden erreichen wir per Flugzeug. Anders als in Deutschland fliegen wir zwei Tage vor dem Spiel schon los. Vor Ort wird dann noch zwei Mal trainiert und im Anschluss an das Spiel ein weiteres Mal übernachtet.

SPOX: Wie viele Zuschauer kommen im Durchschnitt zu den Spielen?

Forkel: Wir haben in der Regel etwa 600 bis 800 Zuschauer. Für eine Stadt wie Saigon ist das natürlich wenig und das Interesse schon gering. Für rund zwei bis drei Dollar kommt man ins Stadion, doch wenn man das Grundeinkommen berücksichtigt, ist das für manche viel Geld. Als die U23 im Januar bei den Asienmeisterschaften ins Finale kam, herrschte eine riesige Euphorie - vergleichbar mit dem Sommermärchen 2006 in Deutschland. Es gab Public Viewing, Rollerkorsos und die Leute feierten auf der Straße. Doch genauso schnell flachte das wieder ab. Die Leute schwimmen auf der Welle mit und wenn das Event wieder vorbei ist, ist es vergessen.

SPOX: Werden die Spiele der vietnamesischen Liga im Fernsehen übertragen?

Forkel: Ja, sogar im Free TV.

SPOX: Wo steht denn der Fußball in Vietnam im Beliebtheitsranking?

Forkel: Eigentlich schon ganz oben. Auch Futsal ist sehr angesehen. Über Frauenfußball wird ebenfalls regelmäßig berichtet.

SPOX: Sie planen, den Fußballlehrer-Schein zu machen. Wie sehen Ihre Gedanken hinsichtlich Ihrer Zukunft aus?

Forkel: In Deutschland habe ich Mannschaften als Cheftrainer betreut, das ist weiterhin meine Ambition. Die Erfahrungen hier als Fitness- und Co-Trainer, gerade auch in Zusammenarbeit mit einem erfahrenen Coach wie Miura, schaden mir für meine Zukunft sicherlich nicht. Mein Ziel ist es, mich in naher Zukunft für den Fußball-Lehrer anzumelden und dort hoffentlich auch hinein zu rutschen. Ich will mich zeitlich nicht festlegen, aber ich möchte keine zehn Jahre im Ausland verbringen.

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