"The Flash": Der 38-Sachen-Mann

Von Tim Althoff
Mittwoch, 11.10.2017 | 14:51 Uhr
Dimitri Oberlin hatte sogar nach einem 80 Meter Sprint noch genug Luft um gezielt abzuschließen
© getty
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Mit seinem sensationellen Tor für den FC Basel in der Champions League gegen Benfica hat Dimitri Oberlin viel Aufmerksamkeit in Europa erregt. Der beste Freund des Schalkers Breel Embolo ist aber nicht erst seit dieser Saison ein gefragter Mann.

Dimitri Oberlin, der seit seinem 20. Geburtstag auch "The Flash" genannt werden kann, hat sich gleich in mehrfacher Hinsicht selbst beschenkt. Nicht nur, dass der Schweizer U21-Nationalspieler mit zwei Toren und einem Assist in der Champions League gegen Benfica geglänzt hat. Er dürfte mit einem seiner Tore beim überwältigendem 5:0 auch bleibenden Eindruck in Europas Fußballwelt hinterlassen haben.

Oberlin wehrte in der 20. Minute eine Ecke mit dem Kopf am eigenen Fünfer ab und bediente damit Mitspieler Renato Steffen, der sofort den Konterangriff startete und den Ball über die rechte Außenbahn trieb. Ungefähr 40 Meter vor dem Tor von Julio Cesar zog er dann kurz nach innen, wo er mit erhobenem Kopf den Kollegen Oberlin anspielte, der in der Zwischenzeit mit 38 km/h Höchstgeschwindigkeit über den Platz gerast war, um sich für den Doppelpass mit Steffen anzubieten. Den genauen Pass verarbeitete Oberlin mit nur einem Ballkontakt, um ihn mit dem zweiten unter dem herausstürzenden Keeper ins Tor zu spitzeln. Das alles passierte in unter 11 Sekunden.

Dass der gebürtige Kameruner nicht lange fackelt und gerne auf die Tube drückt, konnte man schon in seiner bisherigen Karrieregestaltung beobachten. Als Oberlin nicht zu den von seinem Jugendklub FC Zürich versprochenen Einsätzen kam, entschied sich der damals 18-Jährige für einen Tapetenwechsel: "Ständig wurde mir in Zürich versprochen, dass ich spielen werde. Das kam nie so. Dann wollte ich gehen", sagte er dem Blick.

Ungeduld oder Ehrgeiz?

Für diese Entscheidung wurde ihm von Zürcher Seite Ungeduld vorgeworfen. Man könnte seine Herangehensweise auch als Ehrgeiz bezeichnen.

Die Ungeduld in Oberlin hätte sich beispielsweise zeigen können, als Manchester United anklopfte, um ihn für die U18 zu verpflichten. Da ihm der Weg zum Profiteam aus der U18 aber zu weit erschien, entschied er sich für RB Salzburg. Eine Entscheidung, von der nicht alle in seinem Umfeld überzeugt waren.

"Breel ist mein bester Freund. Er hat zu mir gesagt: 'Nicht Salzburg!' Breel meinte, bei Salzburg wäre die Gefahr groß, dass ich nicht spiele. Wenn es nach ihm gegangen wäre, würde ich jetzt bei einem anderen Klub in der Schweiz spielen", verriet Oberlin über die Ratschläge des Schalkers: "Das war für mich aber kein Thema. Breel hat dabei nicht bedacht, dass ich in Salzburg immer bei Liefering spielen kann."

Gesagt, getan: Oberlin wechselte im Sommer 2015 zu den Bullen, wo er den Großteil der Saison beim Farmteam in Liefering bestritt. Vor der Saison 16/17 gab es dann erneut eine Offerte, bei dem sich der Ehrgeiz gegen die Ungeduld durchsetze: "Ich hatte ein Angebot aus Leipzig. Aber da hätte ich mit der ersten Mannschaft trainiert und in der zweiten Mannschaft gespielt. Für mich war es aber wichtig, in einer Profiliga zu spielen", sagte Oberlin im SPOX-Interview vom Oktober 2016.

Statt des Wechsels nach Leipzig ließ sich Oberlin nach Altach ausleihen, wo er sich innerhalb von sechs Monaten mit neun Toren in 20 Spielen so schnell entwickelte, dass Ralf Rangnick den Klub mal eben in den "FC Oberlin Altach" umtaufte und der solcher Art Geadelte nach nur einem halben Jahr zurück nach Salzburg beordert wurde.

Dort kam er in der Rückrunde zwar auf Einsätze in der ersten Mannschaft, wurde aber von einem Muskelbündelriss zurückgeworfen. Immerhin: Die zweite Meisterschaft mit den Salzburgern konnte er trotzdem mitfeiern.

Bester Bro Embolo

Im vergangenen Sommer kam es dann zur nächsten Ausleihe. Wieder von vielen Mannschaften in Europa gejagt, hörte Oberlin diesmal auf seinen besten Freund Embolo und wechselte zurück in die Schweizer Heimat zum FC Basel. Dabei war der Schalker Embolo nicht nur als freundschaftlicher Ratgeber in Funktion, sondern saß auch mit Oberlin und Basel-Sportdirektor Marco Streller am Verhandlungstisch seines alten Vereins und vermittelte.

Ein Beweis dafür, wie eng die Freundschaft dieser beiden Charaktere ist, die verschiedener kaum sein könnten. Oberlin beschrieb das im Interview mit 20Min folgendermaßen: "Ich bin nicht gern allein, aber es ist nicht meine Stärke, auf andere Menschen zuzugehen. Breel ist da ganz anders. Auch da kann ich von ihm lernen. Er ist immer gut drauf und lacht immer. Er tut sich nicht schwer, auf andere zuzugehen, ist offen, positiv und bei Interviews spontan und macht öfter mal einen Witz."

Oberlin hingegen macht einen reservierten, freundlichen und bescheidenen Eindruck, scheint aber auch eine andere Seite zu haben. In Salzburg soll mehrfach die Polizei vor Oberlins Haustür gestanden haben. Der Verdacht: Häusliche Gewalt gegen seine Freundin. Eine Anzeige wegen Körperverletzung steht Raum. Der Salzburger Sportdirektor Christoph Freund sagte zu den Vorwürfen damals, dass man das intern regeln wolle, aber es außer Frage stünde, dass Oberlin sich nicht immer korrekt verhalten habe.

Was bringt die Zukunft?

Den FC Basel, der sich mit der Leihe eine Kaufoption um die fünf Millionen Euro gesichert hat, schreckte Oberlins Vorgeschichte aber nicht ab.

"Wir haben ihn getroffen und ein anderes Bild von ihm bekommen. Für uns gehört das der Vergangenheit an. Wir haben auch von der menschlichen Seite ein ganz gutes Gefühl", so Basel-Präsident Bernhard Burgener. Und der Neuzugang scheint das Vertrauen bislang zurückzuzahlen, lieferte er in zehn Pflichtspieleinsätzen doch vier Tore und eine Vorlage.

Bislang gibt es also nur wenige Gründe für die Baseler, die Kaufoption nicht zu ziehen, wo der Preis so gering und der Markt zu überhitzt ist.

Fraglich ist nur, was "The Flash" Dimitri Oberlin mit seiner Karriere geplant hat. Das Ziel, in einer Profiliga und sogar in der Champions League zu spielen, hat er erreicht. Die Erfahrung legt nahe, dass er sich nicht lange mit der Schweizer Liga zufrieden geben wird, zumal die Baseler nach acht Meistertiteln in Folge schwächeln. Es würde nicht verwundern, wenn der "Usain Bolt des Fußballs" bald wieder auf Wanderschaft ginge.

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