Ex-Bayern-Spieler Jan Wouters im Legenden-Interview: "Dann eben ohne Schnauzer"

Jan Wouters spielte Anfang der 1990er Jahre zwei Spielzeiten für den FC Bayern München
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SPOX: Anschließend waren Sie kurze Zeit Co-Trainer der Elftal, arbeiteten in Eindhoven und wieder bei Utrecht, bis Sie 2015 zu Kasimpasa nach Istanbul gingen und dort Nachwuchskoordinator wurden. Was hat Sie dorthin verschlagen?

Wouters: Shota Arveladze hat bei Ajax unter mir gespielt und war dort Cheftrainer. Er fragte mich, ob ich mir dieses Abenteuer vorstellen könne. Da die Erfahrung in Schottland bereits ungeahnt toll war, habe ich zugesagt. Das Jobprofil hatte mich gereizt, das war mal etwas anderes. Ich wurde Leiter der Jugendabteilung und habe vor allem die einzelnen Trainer aus- und weitergebildet. Ich zeigte ihnen, welche Trainingsinhalte man mit den unterschiedlichen Altersklassen angehen oder in welchen Umfängen trainiert werden kann. Ich habe also etwas Holland in die Türkei gebracht. Das würde man dort heute offensichtlich kritischer sehen. (lacht)

SPOX: Nach einer Saison in der Türkei sind Sie dem Ruf der Heimat gefolgt und haben bei Feyenoord als Co-Trainer unterschrieben. Wieso ging es so schnell wieder zurück nach Holland?

Wouters: Der Verein hat unter Cheftrainer Giovanni van Bronckhorst einen neuen, ambitionierten Weg eingeschlagen. Wir wollten nach 1999 mal wieder Meister werden. Giovanni ist noch ein Trainer mit wenig Erfahrung. Da ich das von mir selbst kannte weiß ich, wie wichtig es ist, ein erfahrenes Trainerteam zusammen zu stellen. Diese Aufgabe klang fast perfekt für mich.

SPOX: Das mit der Meisterschaft hat ja geklappt. Van Bronckhorst gehört zur neuen niederländischen Trainer-Generation um Philipp Cocu, Frank de Boer oder Ronald Koeman. Wie schätzen Sie diese Trainer ein?

Wouters: Die jeweiligen Ausprägungen und Spielphilosophien sind bisweilen unterschiedlich, aber sie alle einen Einflüsse der Generation vor ihnen: Rinus Michels, Johan Cruyff, Louis van Gaal. Ich denke, sie sind auch ein bisschen wissenschaftlicher aufgestellt und als Trainer auf jeden Fall enorm talentiert. Ronald Koeman macht in England zum Beispiel einen fantastischen Job.

SPOX: Obwohl neue Trainer nachkommen, ist die Nationalelf so schwach wie lange nicht mehr. Auch die einst so vorbildliche Jugendarbeit durchläuft eine Krise. Woran mangelt es in Ihren Augen?

Wouters: Wir haben in der Ausbildung den Fehler gemacht, die meisten Situationen immer fußballerisch-spielerisch lösen zu wollen. Wir haben beispielsweise Verteidiger ausgebildet, die richtig gut kicken, aber nicht gut verteidigen können. Wir haben bei Abwehrspielern zu großen Wert auf das Aufbauspiel gelegt und nicht auf das, was die eigentliche Kernkompetenz sein müsste. Auch das Thema Mentalität wurde meiner Ansicht nach vernachlässigt. Das hat sich mit den Jahren immer mehr verselbständigt. Der aktuellen Spieler-Generation fehlt das Talent, die herausragende individuelle Qualität, die wir in fast jedem vorherigen Jahrzehnt aufweisen konnten. Holland fehlt sozusagen ein zweiter Arjen Robben, der ein Spiel alleine entscheiden kann - solche Spieler hatten wir zuvor in jeder Generation. Jetzt müssen wir wohl warten, bis die nächsten herausragenden Talente geboren werden. (lacht)

SPOX: Bis heute fest verankert im holländischen Fußball ist die 4-3-3-Identität. Hat man zu unflexibel auf die fußballerischen Entwicklungen der letzten Jahre reagiert?

Wouters: Ja, auf lange Sicht gesehen war es ein Fehler. Wir hatten jedoch zuvor immer sehr gute Außenstürmer, die große Stärken im Eins-gegen-eins besaßen und das System spielen konnten. Van Gaal hat vor der WM 2014 eingesehen, dass wir nicht stark genug für das 4-3-3 waren und hat auf ein 5-3-2 gesetzt. Dafür wurde er viel kritisiert, doch am Ende behielt er Recht und ist Dritter geworden. Diese Flexibilität brauchen wir künftig noch stärker, sie muss ganz normal werden.

SPOX: Es gibt den Ausspruch: 'Was sagt ein niederländischer Trainer nach einer Niederlage? Wir haben verloren, aber wir haben mehr Chancen kreiert.'

Wouters: Solche Sätze habe ich so oft gehört - und ehrlich gesagt auch schon selbst geäußert: ‚Wir haben gut gespielt, aber wir haben nicht gewonnen.' Immerhin verändert sich diese Mentalität gerade ein wenig. Den meisten wird nun klar, dass der Erfolg über allem steht und man dafür auch von gewissen Grundsätzen abrücken muss. Ist der Erfolg da, kann man sich im zweiten Schritt darum kümmern, einen schöneren Fußball zu spielen - aber nicht umgekehrt.

SPOX: Wieso ist das 4-3-3-Paradigma noch immer so sehr verankert?

Wouters: Weil Holländer sehr eigensinnig und von sich selbst überzeugt sind, glaube ich. (lacht)

SPOX: Die wichtigste Frage zum Schluss, Herr Wouters: Aus Ihrer Zeit in München kannte man Sie mit einem prächtigen Schnauzbart. Nun gibt's Haare weder auf dem Kopf, noch auf der Oberlippe. Was ist los?

Wouters: Da es bei mir oben mittlerweile komplett kahl ist, dachte ich mir vor Jahren, ich schaue mal, wie es ohne Schnauzer aussieht. Ich habe ihn dann am Vereinsgelände abrasiert und bin nach Hause gefahren. Meine Frau hat mich zunächst ganz normal begrüßt. Ich habe sie gefragt, ob ihr nichts auffalle. Daraufhin hat sie es erst bemerkt. Daher dachte ich mir: Dann eben ohne Schnauzer.