Fussball

"Was für ein geiler Typ!"

Alexander Zorniger war nur 13 Bundesligaspiele lang Trainer beim VfB Stuttgart

SPOX: Die bisherigen Ergebnisse führten zusammen mit dem emotionalen Spielstil dazu, dass die Anhänger wieder gerne ins Stadion gehen und Sie die Fans vor der Kurve feiern. Dafür waren Sie eigentlich nicht bekannt.

Zorniger: Ich habe auch eine Weile gebraucht, um mich dazu durchzuringen. Ein gut befreundeter Trainer hat einmal zu mir gesagt, er möchte sich wenn überhaupt erst am Saisonende feiern lassen. Ansonsten passiert das an einem Wochenende und am nächsten wird man wieder verteufelt. (lacht) Hier jedoch halte ich die Rückmeldung der Fans für maßlos ehrlich. Das Verhältnis zwischen ihnen und mir hat von Anfang einfach gepasst. Daher dachte ich mir: Dann ist es doch eigentlich auch egal, irgendwann pfeifen sie dich sowieso mal aus. Warum also nicht mit ihnen feiern, wenn sie dich in dem Moment gut finden? Mittlerweile bin ich hier schon so oft zum Fanblock zitiert worden wie in meiner gesamten Karriere nicht.

SPOX: Haben Sie schon einmal gedacht, was wohl passiert wäre, wenn Ihre ersten Spiele in Stuttgart so erfolgreich verlaufen wären wie nun bei Bröndby?

Zorniger: Wenn wir beim VfB erfolgreich gewesen wären, hätte man die schmutzigen Geschichten vielleicht einfach nur aufgehoben und sie zu einem späteren Zeitpunkt gebracht. Vor allem hätte es aber geheißen: Was für ein geiler Typ! Lässt sich von niemandem etwas sagen, steht mitten im Leben und spricht auch noch schwäbisch.

SPOX: Obwohl Sie bei RB Leipzig in drei Spielzeiten zwei Mal aufgestiegen sind, verbindet man in Deutschland Ihren Namen viel eher mit den 13 Bundesligaspielen beim VfB. Wieso erinnert man sich lieber an den Misserfolg?

Zorniger: Andersherum wäre es eben sehr altruistisch. Wahrscheinlich sind wir Menschen eben so gestrickt.

SPOX: Haben Sie in Stuttgart erstmals die Ohnmacht eines Trainers spüren müssen, eben nicht alles selbst entscheiden zu können?

Zorniger: Definitiv. Ein Trainer muss akzeptieren, nicht für 100 Prozent der Gesamtleistung zuständig zu sein. Der Aufgabenbereich im Profibereich ist mittlerweile zu umfangreich, als dass man den Ausgang seiner eigenen Leistung voraussagen könnte. A la: Wenn ich dies und jenes verändere, dann wird es dieses oder jenes Ergebnis zur Folge haben. Arbeitet man im Profibereich, muss man wissen, dass es um extrem viel Geld geht und jedermann gerne so lange wie möglich von diesen Fleischtöpfen profitieren möchte.

SPOX: Welche Gefahr beinhaltet dies?

Zorniger: Es ist mit ein Problem der großen Traditionsvereine, dass dort teilweise seit Jahrzehnten dieselben Leute arbeiten. Das ist zwar durchaus wichtig, aber zeitgleich birgt es besonders bei einem Negativlauf die Gefahr, dadurch den Sumpf nicht austrocknen zu können. Weil jeder Angst hat, irgendwann selbst Opfer dieses Austrocknens zu werden. In einem solchen Fall kann - nicht muss - das zielgerichtetes Arbeiten erschweren.

SPOX: Wie war das bei einem den Traditionsvereinen entgegen stehenden Klub wie RB Leipzig?

Zorniger: Dort wurden Dinge nach Gesprächen und Diskussionen zwischen Ralf Rangnick und mir entschieden. Ist es finanziell möglich? Macht es inhaltlich Sinn? Entscheidung - fertig. Die Entscheidungswege waren geradliniger und betrafen seltener andere Abteilungen.

SPOX: Bei Ihrer Vorstellung in Kopenhagen sagte Manager Bech, dass Sie jetzt automatisch zu den zehn bekanntesten Menschen Dänemarks gehören würden. Teilen Sie diesen Eindruck?

Zorniger: In Dänemark gibt es zwei markante Begriffe. "Hygge" meint Gemütlichkeit, "Janteloven" bedeutet, dass sich niemand über den anderen stellen soll. Das wird hier sehr gelebt. Ich werde auf der Straße zwar erkannt, aber kann mich komplett frei bewegen. Obwohl Fußball auch hier Sportart Nummer eins ist, hat er keine riesige Wertigkeit oder den sozialen Stellenwert, den er in Deutschland hat, sondern eine deutlich höhere Normalität.

SPOX: Glauben Sie Stand jetzt, dass Sie eines Tages wieder als Trainer nach Deutschland zurückkehren werden?

Zorniger: Darum geht es mir nicht. Für mich gibt es keinen bestimmten Entwicklungsschritt, den ich als großartigen Erfolg feiern würde. Es gibt nur die Frage: Wie schaffe ich es mit meiner Art und Weise, mit Menschen umzugehen, mit viel Spaß durch diesen menschenbezogenen Job zu gehen? Vielleicht stellt sich heraus, dass es für mich viel erstrebenswerter ist, in Dänemark statt in Deutschland zu arbeiten.

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