Auftauen in Skandinavien

Donnerstag, 29.09.2016 | 13:45 Uhr
Alexander Zorniger rangiert mit Bröndby derzeit auf Tabellenplatz zwei
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Alexander Zorniger wurde nach seiner Entlassung beim VfB Stuttgart im vergangenen Herbst öffentlich demontiert wie nur wenige Trainer. Bei Bröndby IF in Dänemark hat der 48-Jährige eine neue Heimat gefunden. Zornigers Mannschaft überzeugt, er selbst wird von den Fans gefeiert.

Es gibt einen Giovanni Trapattoni, der einst "fertig hatte". Pep Guardiola, der alles und jeden "super, super" findet. Und Jose Mourinho, der sich wahlweise für den "Special One" oder den "Happy One" hält. Alles Trainer, die immer und immer wieder mit der gleichen Aussage konfrontiert und verbunden werden. Recht bald kommt in diesem Ranking aber auch Alexander Zornigers "alternativlos".

Ein Jahr und neun Tage ist es her, der VfB Stuttgart hat gerade gegen den FC Schalke 04 verloren. Für die Schwaben war es die fünfte Pleite im fünften Spiel. Tabellenletzter. 13 Gegentreffer, mehr als alle anderen Vereine der Liga. "Die Spielweise ist alternativlos", sagte Zorniger trotzdem. Acht weitere Spiele saß Zorniger noch auf der Stuttgarter Trainerbank, dann wurde er auf dem Relegationsplatz 16 entlassen.

Die Kritik an seiner Arbeit war vollumfänglich und wurde oft wiederholt. Zorniger wurde für seine taktischen Ideen genauso angegriffen wie für seine als oberlehrerhaft empfundene Art.

"Falsch gemacht, was man falsch machen kann"

Drastisch wie Horst Heldt, der einst als VfB-Sportdirektor mit dem damaligen Co-Trainer Zorniger zusammenarbeitete, formulierte es aber keiner. "Er hat alles falsch gemacht, was man falsch machen kann, unabhängig vom System. Er ist von Egoismus geprägt und komplett gescheitert", begann Heldt und schob nach: "Zorniger hat gar nichts verstanden, unabhängig von seiner Qualität als Fußballtrainer. Er hat völlig versagt."

Am 26. Juli 2016 trug sich diese Brandrede, für die sich Heldt kurz darauf zumindest entschuldigte, zu. Neun Tage zuvor marschierte Zorniger Richtung Bröndby-Fankurve "Sydsiden", seine Mannschaft hat Esbjerg fB gerade mit 4:0 aus dem Stadion geschossen, es war wettbewerbsübergreifend das vierte Saisonspiel, gleichzeitig der vierte Sieg. Die Tordifferenz? 15:1.

Zorniger näherte sich also der Kurve, die seinen Namen lautstark besang. Zorniger klatschte mit, reckte den rechten Daumen hoch, schritt fast bis zur Grundlinie und riss wild emotional beide Fäuste in die Höhe. Zorniger genoss das Bad in der Menge, die Zuneigung der Fans. Es war etwas "Besonderes", sagte er den Stuttgarter Nachrichten. "Ich habe meine ansonsten so distanzierte Position aufgegeben". Auftauen in Skandinavien.

Klarer Fall von "ausgerechnet"

Kaum ein Trainer wurde in den vergangenen Jahren in Deutschland öffentlich derart demontiert wie Alexander Zorniger. Bei Bröndby wird er nun gefeiert. Und dann sorgte der Fußballgott auch noch für einen glasklaren Fall von "ausgerechnet". Europa-League-Qualifikation, Bröndby bekam es in der 3. Qualifikationsrunde mit dem deutschen Vertreter Hertha BSC zu tun. Ausgerechnet. Zornigers Chance, den Kritikern zu zeigen: Meine Arbeit kann erfolgreich sein.

Und der Verschmähte rächte sich. 0:1, 3:1. Bröndby, Gesamtmarktwert 17,4 Millionen Euro, kegelte die Berliner (78,58 Millionen) aus dem europäischen Wettbewerb. "Ich bin sehr froh darüber, dass gewisse Teile der deutschen Öffentlichkeit nun keine Munition mehr haben, nicht mehr sagen können, dass diese Art Fußball nicht funktioniert", sagte Zorniger dem lokalen TV-Sender 6'eren.

Hygge und Janteloven

Nach nun drei Monaten im Amt hat Zorniger in Dänemark längst eine neue Heimat gefunden. Geholfen hat ihm dabei womöglich auch die fehlende Vokabel "alternativlos". Pons, Langenscheidt - die großen Wörterbücher kennen keine Übersetzung des ominösen Adjektivs ins Dänische. Gelernt hat Zorniger dagegen zwei andere Begriffe, die die dänische Mentalität perfekt beschreiben: "Hygge" und "Janteloven". Gemütlichkeit und die Fähigkeit, sich für nichts Besseres zu halten als seine Mitmenschen.

Die aktuelle Tabelle der dänischen Superligaen

Die Begriffe stehen für ein Klima, in dem sich Zorniger wohlfühlt. "Ich kann hier in Kopenhagen viel besser abschalten", erzählt Zorniger, "ganz anders als zuletzt beim VfB Stuttgart, als ich mich Tag und Nacht mit der Situation auseinandergesetzt habe und am Ende feststellen musste, dass ich dabei meine Lockerheit eingebüßt habe." Bei Bröndby wird Zorniger zur Lockerheit fast schon genötigt: "Nach meiner ersten Pressekonferenz hier bin ich darauf hingewiesen worden, mehr zu lachen."

Zu lachen gibt es derzeit viel für Zorniger und die Fans von Bröndby. Nach elf Spielen ist IF Zweiter, vier Punkte hinter dem amtierenden Meister FC Kopenhagen. 28 Treffer erzielte Bröndby, die meisten aller Teams. "Zorniger erfüllt unser Anforderungsprofil, eine aggressive, mitreißende und pressende Mannschaft zu formen, die nicht nur auf Ballbesitz aus ist, sondern auch nach vorne spielen will", sagte Sportdirektor Troels Bech bei Zornigers Vorstellung. Bis jetzt konnte Zorniger diese Erwartungen voll bedienen.

"Ich weiß, was ich kann und was ich zu bieten habe", sagte Zorniger bei seinem Wechsel zu Bröndby, einem Arbeiterviertel Kopenhagens. "Wenn man da diesen leidenschaftlichen Fußball mit ständigen Aktionen und permanenten Zweikämpfen spielt, dann liegt man auf einer Wellenlänge mit den Leuten", so Zorniger. Er selbst reitet auf einer Euphoriewelle.

Alexander Zorniger im Steckbrief

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