Raimunt Zieler im Interview

"Angst zu versagen ist stark verankert"

Mittwoch, 11.05.2016 | 18:47 Uhr
Raimunt Zieler bei der Jugendarbeit
© Raimunt Zieler
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Im Rheinland war Raimunt Zieler begehrter Jugendcoach - ein überraschendes Jobangebot später ist der Weltmeister-Papa dabei, den Fußball in Chinas autonomer Region der Inneren Mongolei in einem Pilotprojekt der Regierung als Verbandstrainer auf Vordermann bringen. Der Auswanderer über den Bürokratie- und Behördenwahnsinn in China, mangelhaftes Training in einem infrastrukturellen Paradies - und Chinas langen Weg in die Weltspitze.

SPOX: Herr Zieler, wie um alles in der Welt landet man in der Inneren Mongolei?

Raimunt Zieler: (lacht) Das ist, wie so vieles im Fußball, dem Zufall geschuldet. Es gab in meinem Umfeld eine Person, die seit Jahren berufliche Kontakte nach China pflegte, wenn auch eher im Business-Bereich. Als derjenige eine Anfrage aus China in Sachen Fußball bekam, wandte er sich an den Fußball-Verband Mittelrhein - und dort vermittelte man meinen Kontakt.

SPOX: "Hallo Herr Zieler, bitte kommen sie schnellstmöglich nach China, wir brauchen Sie"?

Zieler: Zunächst ging es nur um Trainingslager für chinesische Teams, die in Deutschland stattfinden sollten. Aber irgendwann kam tatsächlich die Frage, ob ich mir vorstellen könnte, nach China zu gehen. So kam das Ganze ins Rollen.

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SPOX: Und für Sie stand sofort fest, dass das ein Abenteuer ist, das Sie antreten werden?

Zieler: Am Anfang konnte ich ehrlich gesagt gar nichts mit dem Projekt anfangen und wusste in keinster Weise, was mich erwarten würde. Ich habe dann im August vergangenen Jahres einen Schnupper-Besuch gemacht, um Projekt, Leute und die Hauptstadt der Inneren Mongolei Hohhot kennenzulernen. Danach war klar: Das kann ich mir sehr gut vorstellen!

SPOX: Im Oktober 2015 sind Sie ausgewandert und haben dann offiziell Ihren Posten als Verbandstrainer der Inneren Mongolei angetreten.

Zieler: Das war anfangs nicht einfach, weil ich seit zwölf Jahren in einer glücklichen Beziehung bin. Die dreieinhalb Wochen Heimaturlaub im Februar, die ich gemacht habe, waren bislang die einzige Zeit, in der ich meine Familie und Freunde besuchen konnte. Ansonsten skypet man, schreibt sich oder telefoniert.

SPOX: Aus Sicht der Arbeit: Wie bereitet man sich auf einen solchen Kulturschock vor?

Zieler: Neben massenweise Informationen, die man sich aus dem Internet zieht, hat der kurze Vorab-Aufenthalt in China sehr geholfen. Da konnte ich vieles schon im Detail kennenlernen - die handelnden Personen, die Infrastruktur, das Projekt oder auch die Küche. Jobtechnisch, als Fußballtrainer, wusste ich ja sehr genau, was auf mich zukommt. In Bezug auf die sportliche Herausforderung war es deshalb nicht das "große Abenteuer".

SPOX: Wie sieht es mit der Verständigung aus?

Zieler: Ich habe einen Dolmetscher, der in Deutschland studiert hat. Wenn der nicht kann, gibt's noch einen für Englisch. Irgendwie versteht man sich. (lacht)

SPOX: Wie muss man sich denn das "Projekt" vorstellen? Und vor allem: Wie sieht Ihre Aufgabe dabei aus?

Zieler: Ich bin Angestellter der Hohhot Football Association. Und meine Aufgabe - ganz allgemein formuliert - besteht darin, den Fußball in der Inneren Mongolei zu entwickeln und neue Impulse zu setzen. Ich bin stark in der Trainerausbildung tätig, was ein sehr wichtiger Punkt ist. Die Organisation des Jugendfußballs ist hier stark mit den Schulen verknüpft, deshalb besuche ich auch direkt Grund-, Mittel- und Oberschulen, mache Demonstrationstrainings, bin in der Talentsichtung tätig, stelle Auswahlmannschaften zusammen und bin für den in Hohhot ansässigen Profiklub aus der zweiten Liga, Nei Mongol Zhongyou, in beratender Funktion für die Herren- und Frauenmannschaft tätig.

SPOX: Puh...

Zieler: Es gibt Tage, die sind unglaublich stressig, ja. (lacht) Aber man muss bedenken, dass hier alles sehr, sehr langsam anrollt. Die Bürokratie ist ein großes Thema. Jeder, der sich in Deutschland darüber aufregt, dass es bei bürokratischen Prozessen so langsam vorangeht, der darf gerne mal vorbeikommen. Hier lernt man Geduld.

SPOX: Ist das die größte Herausforderung?

Zieler: Die größte Herausforderung ist es, auf einem sehr tiefen fußballerischem Niveau anzusetzen. Die Qualität der Übungsleiter ist mangelhaft, weil es keine systematische Trainer-Ausbildung in China gibt, sondern jeder für sich vor sich hinwurschtelt. Was dann wiederum negativ auf die Qualität der Spieler abfärbt. In Deutschland spricht man vom alters- und entwicklungsgerechten Training - was man hier aber gar nicht im Sinn der deutschen Ausbildunsphilosophie umsetzen kann, weil ein 13-, 14-Jähriger trainiert werden muss wie ein Elfjähriger. Es fehlt an allen Ecken und Enden an Grundlagen.

Seite 1: Zieler über Verständigungsprobleme und Bürokratiewahnsinn

Seite 2: Zieler über Sportpolitik und Massenwanderungen gen Süden

Seite 3: Zieler über Training mit Trillerpfeife und Chinas Rolle im Weltfußball

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