Smells like Leicester!

Von Robert Arndt
Dienstag, 24.05.2016 | 17:01 Uhr
Der FK Rostow war die Überraschung der Saison in der russischen Premier League
© getty
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Der FK Rostow hat in der abgelaufenen Saison in Russland für Furore gesorgt. Als Absteiger gehandelt und bankrott, kämpft das Team aus dem Süden dank eines alten Trainerfuchses bis zum Schluss um den Titel. Die Krönung bleibt ihm jedoch verwehrt.

Zenit-Stürmer Hulk steht kopfschüttelnd und allein auf dem Rasen. Er kann nicht glauben, was gerade passiert ist. Es ist der 22. April und der amtierende russische Meister Zenit St. Petersburg bekommt im beschaulichen Olimp-2 in Rostow am Don seine Grenzen aufgezeigt.

3:0 siegen die Männer vom heimischen FK Rostow an diesem Abend und können ihre am Spieltag zuvor gefestigte Tabellenführung verteidigen. Darüber hinaus bleiben die Gelb-Blauen im Jahr 2016 weiter ohne Gegentor. Ein Rekord in Europas Ligen. Der FK Rostow ist auf einmal Meisterschaftsanwärter.

Es ist das dicke Ausrufezeichen, das Experten aus dem ganzen Land aufhorchen lässt. Erste Parallelen zum englischen Pendant Leicester City werden gezogen.

Sportlich und finanziell am Abgrund

Doch die russische Variante ist um einiges extremer als die der Füchse von der Insel. Im Sommer 2015 steht der Verein am Abgrund: Mit Mühe und Not kann der Abstieg vermieden werden, erst in Relegation rettet sich das Team durch zwei Siege gegen den zweitklassigen FC Tosno.

Doch die Probleme sind weitreichender. Der russische Verband verhängt im September eine Transfersperre für den Verein und im selben Monat kommt es zur Zerreißprobe. Die Spieler drohen vor einem Pokalspiel mit einem Boykott, der in letzter Minute abgewendet werden kann. Grund dafür ist die Tatsache, dass die Regierung im Oblast Rostow die Unterstützung aufgrund eigener finanzieller Engpässe streichen muss.

Der ortsansässige Oligarch Ivan Savvidas, der auch Besitzer des griechischen Erstligisten POAK Saloniki ist, springt zur Seite und stopft die entstandenen Löcher in Höhe von 7,9 Millionen Euro, wie er in einem Interview mit der russischen Nachrichtenagentur TASS bestätigt.

Know How aus Kasan

In dieser Zeit kämpft und arbeitet sich die Mannschaft, von den Geschehnissen rund um den Verein unbeeindruckt, in der Tabelle auf die Europapokal-Plätze.

Stars besitzt das Team dabei nicht. Der Kader besteht zuweilen aus durchschnittlichen Spielern der russischen Liga und einigen erfahrenen Veteranen wie Schaltzentrale Christian Noboa oder dem 36-jährigen Abwehrchef Cesar Navas.

Beide kamen im Sommer 2015 in die Millionenstadt im Süden Russlands und folgten dem Ruf ihres ehemaligen Trainers Gurban Berdiyew, der inzwischen in Rostow die Geschicke leitete.

Die Betonrührer

Zusammen hatte das Trio zwei Meisterschaften bei Rubin Kasan gefeiert, das 2008 und 2009 sensationell die Phalanx der großen Vereine aus Moskau und St. Petersburg durchbrach und auch den FC Barcelona im Camp Nou in der Champions League mit 2:1 schlagen konnte.

Auch in Rostow setzt Berdiyew auf ähnliche Komponenten im Spiel. Die Fünferkette steht in den meisten Fällen massiv. Im Gegenzug werden schnelle Konter über die beiden flinken Spitzen Dimitri Poloz und Sardar Azmoun, in seiner Heimat als "iranischer Messi" gefeiert, gefahren. Als Schlüsselfigur sticht dabei der Equadorianer Noboa hervor, der durch sein exzellentes Auge die gefährlichen Gegenangriffe iniziiert.

Nach der Winterpause ist das Konstrukt Rostow eine geölte Maschine. Zu der gefürchteten Heimstärke (keine Niederlage im heimischen Olimp-2) gesellt sich eine Defensivstärke, die jedem Catenacchio-Verfechter ein breites Grinsen auf das Gesicht zaubern würde. Nach dem 3:0 gegen Zenit sind die Betonrührer vom Dienst 720 Minuten ohne ein einziges Gegentor.

Ein dunkler Schatten

Weitere 56 Zeigerumdrehungen kommen noch hinzu, dann klingelt es mal wieder im eigenen Gehäuse. Ausgerechnet beim Schlusslicht Mordovia Saransk setzt es eine 1:2-Niederlage und den Verlust des Sonnenplatzes an der Spitze an ZSKA Moskau.

Während sich das Meisterrennen sich zuspitzt, ziehen erneut dunkle Wolken über Rostow auf. Nach dem Spiel bei Dynamo Moskau, ein 3:1-Sieg, werden alle Spieler zur Dopingprobe zitiert. Hintergrund der Maßnahme ist eine Meldung von Gazeta, die von Meldonium-Lieferungen im Dezember 2015 an den Verein berichtet.

Pikant: Erst seit diesem Jahr steht das Mittel überhaupt erst auf der Liste der verbotenen Substanzen. Die Ergebnisse sind aber alle negativ.

Showdown mit ZSKA

Trotz der Störfeuer eilt der FK Rostow von Sieg zu Sieg, doch auch Spitzenreiter ZSKA gibt sich keine Blöße. Am letzten Spieltag hat die Mannschaft von Trainer Berdiyew Platz Zwei bereits sicher. Dank des direkten Vergleichs reicht ein Remis von ZSKA in Kasan bei einem gleichzeitigen eigenen Sieg in Grosny.

Während Rostov seine Hausaufgaben in Tschetschenien souverän mit 2:0 meistert, wirft Rubin Kasan alles in die Waagschale, um seinem Ex-Trainer ein Geschenk zu machen.

Die Hauptstädter führen früh, doch im zweiten Durchgang folgt ein Sturmlauf auf das Tor der Moskauer. Aber der Ball will einfach nicht für die Linie. ZSKA siegt 1:0 und feiert die dritte Meisterschaft in vier Jahren.

Geht das Märchen weiter?

Der große Coup gelingt Rostow am Ende also nicht. Enttäuscht ist darüber allerdings niemand. Das Team, das vor der Saison als Absteiger Nummer Eins deklariert wurde, darf in der Champions-League-Qualifikation antreten.

Dementsprechend äußerte sich Berdiyew nach dem Spiel: "Ich gratuliere allen, ich bin so glücklich. Das ist eine große Leistung für den Klub." Auch die Spieler feiern nach dem Spiel in der Kurve ausgelassen das Erreichte.

Es ist eine Saison, in der sportlich nur positives bleibt, mit der möglichen Krönung in Form von Spielen gegen den FC Barcelona, die Bayern oder eben auch Leicester City.

Spiele, die sich die ambitionierte und teuer zusammengestellte Mannschaft aus St. Petersburg nun im Fernsehen anschauen muss.

Der FK Rostow in der Übersicht

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