Fussball

Blatter und Platini provisorisch gesperrt

SID
Michel Platini und Sepp Blatter sind mit sofortiger Wirkung 90 Tage von ihren Ämtern enthoben
© getty

Joseph S. Blatter ist am Ende, die von Korruption durchzogene FIFA-Festung ist gefallen: Die Ethikkommission des Fußball-Weltverbands hat den FIFA-Präsidenten ebenso wie UEFA-Boss Michel Platini für 90 Tage provisorisch gesperrt.

Die UEFA wollte es jedoch nicht wahrhaben, ging auf Konfrontationskurs und überließ dem Franzosen die Amtsgeschäfte. DFB-Chef Wolfgang Niersbach sprach trotzdem vom absoluten Super-GAU.

"Die Ethikkommission sperrt mehrere Fußball-Offizielle" stand über der knappen Email, die um 12.23 Uhr die Fußball-Welt aus den Angeln hob. Bereits am Mittwochabend waren entsprechende erste Gerüchte aufgekommen. Blatter (79) soll sogar über den Strafantrag, dem der deutsche Richter Hans-Joachim Eckert (München) dann zustimmte, informiert gewesen sein. Dennoch erschien der Schweizer, gegen den seit dem 24. September in der Schweiz ein Strafverfahren wegen des Verdachts der Untreue und ungetreuen Geschäftsbesorgung läuft, dem Vernehmen nach frühmorgens im Büro. Dort muss er nun seine Sachen packen.

Blatter will Beweise präsentieren

Blatter und Platini (60), Präsident der Europäischen Fußball-Union (UEFA), dürfen während der Suspendierung, die um 45 Tage verlängert werden kann, keinerlei Aktivitäten im Fußball ausüben. "Präsident Blatter war enttäuscht, dass die Ethikkommission nicht dem Ethik- und Disziplinarcode gefolgt ist, welche die Möglichkeit einer Anhörung beinhalten", teilten dessen Anwälte Lorenz Erni (Schweiz) und Richard Cullen (USA) mit.

Blatter sei zuversichtlich, "Beweise" präsentieren zu können, die "demonstrieren, dass er in keinerlei Fehlverhalten und Verbrechen involviert" sei. Im Ethikcode (Artikel 84.2) steht allerdings ausdrücklich, das eine erste Entscheidung auch ohne Anhörung der Parteien fallen kann.

Platini will Einspruch einlegen

Platini will Einspruch einlegen und kann sich dabei auf die "volle Unterstützung" seines Verbandes verlassen. Platini zeigte sich in einer Mitteilung extrem kämpferisch. "Nichts wird mich dazu bringen, aufzugeben", erklärte er. Die Entscheidung gegen ihn bezeichnete er als eine "Posse", die Vorwürfe seien falsch, "erstaunlich vage" und basierten "auf bloßen Vermutungen".

Und so erklärte er: "Ich möchte, dass alle wissen: Mehr als ein Gefühl der Ungerechtigkeit oder der Wunsch nach Rache treibt mich das Gefühl von Trotz an." Niersbach berichtete bei RTL von einer Telefonkonferenz am Mittag: "Wir wollen uns Donnerstag in Nyon treffen. Bis dahin soll Michel Platini Gelegenheit bekommen, Dinge ins Feld zu führen, die ihn entlasten."

Die sinkende Titanic

Auch der bereits von der FIFA suspendierte Generalsekretär Jérôme Valcke (55/Frankreich) wurde für 90 Tage aus dem Verkehr gezogen. Für einen Einspruch bleiben allen Beschuldigten nun zwei Tage Zeit (ab Donnerstag). Der ehemalige südkoreanische FIFA-Vize-Präsident Chung Mong-Joon (63) wurde für sechs Jahre gesperrt, kündigte aber ebenfalls an, "alle legalen juristischen Mittel" einzuleiten und verglich die FIFA in einer Erklärung mit der "sinkenden Titanic".

Blatters Amtsgeschäfte übernimmt nun FIFA-Vize Issa Hayatou (Kamerun) interimsweise. Niersbach, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und Mitglied im FIFA- und UEFA-Exekutivkomitee, forderte aus Dublin den sofortigen Rücktritt Blatters. "Die Zukunft kann nur gestaltet werden ohne den bisherigen Präsidenten, ohne Sepp Blatter", sagte der 64-Jährige, dem Ambitionen zumindest auf den UEFA-Thron nachgesagt werden. Er könne sich auch "nicht vorstellen, dass Blatter nochmal ins Amt zurückkehrt". Zu eigenen Ambitionen zeigt er sich weiter zurückhaltend. "Was würde es bringen, wenn ich meinen Hut jetzt in den Ring werfe? So laufen die Dinge international nicht", sagte Niersbach bei RTL.

Niersbach fordert sofortigen Rücktritt

Wolfgang Niersbach, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und Mitglied im FIFA- und UEFA-Exekutivkomitee, forderte aus Dublin den sofortigen Rücktritt Blatters. "Die Zukunft kann nur gestaltet werden ohne den bisherigen Präsidenten, ohne Sepp Blatter", sagte der 64-Jährige, dem Ambitionen zumindest auf den UEFA-Thron nachgesagt werden.

Für den deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach (61) brachten die Ereignisse vom Donnerstag das Fass zum Überlaufen. "Genug ist genug. Wir hoffen, dass nun jeder bei der FIFA verstanden hat, dass man nicht passiv bleiben darf", sagte der Chef des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) auf SID-Anfrage: "Es muss umgehend gehandelt werden, um Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, da man nicht auf Dauer die Glaubwürdigkeit der FIFA von der Glaubwürdigkeit des Fußballs abkoppeln kann."

Blatter-Berater Klaus J. Stöhlker sieht dagegen keine wirklichen Probleme auf seinen Schweizer Klienten zukommen. "Er freut sich auf drei Monate Ferien, die er sich auch redlich verdient hat", sagte Stöhlker der Bild. Danach werde sich der Walliser bei der FIFA wieder zurückmelden. "Blatter ist rechtzeitig zurück, um am 26. Februar den Kongress zu führen", betonte Stöhlker.

Platini buhlt um Unterstützung

Der FIFA drohen allerdings nun die schwersten Tage in ihrer 111-jährigen, zuletzt von zahlreichen Skandalen durchzogenen Geschichte. Am 26. Februar 2016 sollte bislang der Blatter-Nachfolger gewählt werden, am 26. Oktober läuft dafür die Bewerbungsfrist aus. Platini und Chung wollten auf den FIFA-Thron, das können sie nun getrost vergessen.

"Heute morgen", gab Platini bizarrerweise unmittelbar vor der Sperre bekannt, "habe ich die Briefe mit der Unterstützung, die ich für meine Kandidatur als FIFA-Präsident benötige, abgeschickt." Mit den UEFA-Mitgliedsverbänden habe er besprochen, weiterhin die Geschäfte des Kontinentalverbandes zu führen. Das kann er aber vorerst vergessen.

"Blattini" kaltgestellt

Die am Mittwoch verschickten Medienberichte, das offensichtliche Leck durch einen Whistleblower in der FIFA-Festung - alles Versuche um seine Integrität zu beschädigen, meinte Platini.

Den genauen Grund für die Kaltstellung von "Blattini" nannte die Ethikkommission nicht, sie durfte wegen der antiquierten Statuten schlichtweg nicht. Es dürfte aber um die dubiose Millionen-Zahlung von Blatter an Platini gehen, die auch im Schweizer Strafverfahren eine Schlüsselrolle spielt. Der UEFA-Boss hat 2011 rund 1,83 Millionen Euro erhalten - für Dienste, die Platini von 1998 bis 2002 für Blatter geleistet hat. Alles sauber, sagten die Beschuldigten. Schmiergeld, die Ankläger.

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