Fussball

"Kronzeuge" Beckenbauer im Zwielicht

SID
Wolfgang Niersbach versuche in Frankfurt Aufklärung zu betreiben
© getty

Wolfgang Niersbachs Erklärungsversuch wurde zum Eigentor, die Lichtgestalt Franz Beckenbauer gerät immer mehr ins Zwielicht: Am Ende eines schwarzen Tages für die deutschen WM-Macher standen mehr Fragen als Antworten. Was ist aus den viel beschriebenen 6,7 Millionen Euro geworden? Könnte das Geld nicht doch für Korruption verwendet worden sein? Wie hat Niersbach davon erfahren? Und: Was weiß der "Kaiser"?

Niersbach lehnte kurz nach 13.00 Uhr aschfahl und mit tiefen Augenringen in seinem Stuhl, jede der vielen bohrenden Fragen schien ihm körperliche Schmerzen zu bereiten. Viele, die meisten sogar, konnte der DFB-Präsident während einer denkwürdigen Pressekonferenz schlicht nicht beantworten - stattdessen verstrickte er sich in neuen Ungereimtheiten und löste außerdem mehrfach Widerspruch des Weltverbandes FIFA aus.

"Ich weiß es nicht", sagte Niersbach während für ihn quälenden 42 Minuten in der Verbandszentrale in Frankfurt/Main immer wieder, "da bin ich überfragt" oder "darauf habe ich keine Antwort". Seine Erklärung, eine ominöse Millionenzahlung des früheren adidas-Chefs Robert Louis-Dreyfus an die FIFA 2002 sei als Sicherung für einen späteren "Organisationszuschuss" zur WM in Höhe von 170 Millionen Euro verwendet worden, wies die FIFA zurück.

Die Pressekonferenz im RE-LIVE

Seine Aussagen zum angeblichen Ausgangspunkt der gesamten Affäre stützte Niersbach auch ausschließlich auf ein Gespräch mit Beckenbauer am Dienstag in Salzburg, also auf dessen Gedächtnis. Belastbare Dokumente liegen nicht vor. Im Laufe des Tages drehte sich die Geschichte noch weiter in Richtung Beckenbauer: Die FIFA widersprach seinen angeblichen Auskünften gegenüber Niersbach, und der frühere DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt, seinerzeit Vize-Präsident im WM-OK, stellte die Beschaffung der Dreyfus-Millionen für die FIFA als Alleingang des "Kaisers" dar.

Beckenbauer ließ am Abend sein Management auf SID-Anfrage erklären, er werde "sich bis auf Weiteres nicht öffentlich äußern und zunächst der Bitte der externen Untersuchungskommission des DFB entsprechen und diesem Gremium Rede und Antwort stehen".

"Es ergeben sich Fragezeichen, die sehe ich auch", hatte Niersbach zuvor selbst eingeräumt. In die nebulösen Vorgänge versuchte er etwas Licht zu bringen. Seine allerdings sonderbare Erklärung: Die deutschen WM-Macher mussten 2002 die 6,7 Millionen Euro an die FIFA überweisen, um später vom Weltverband umgerechnet 170 Millionen Euro erhalten zu können. Diese Zusage habe Beckenbauer persönlich vom FIFA-Präsidenten Joseph S. Blatter in einem Vier-Augen-Gespräch erhalten.

Die benötigten 10 Millionen Schweizer Franken habe das WM-OK noch mangels eigener Einnahmen nicht zur Verfügung gehabt, daher habe Dreyfus vorgestreckt und das Geld an die FIFA-Finanzkommission überwiesen - laut Niersbach ohne Umwege über den DFB oder das WM-OK, dessen Vize-Präsident er zu dieser Zeit war.

Ursprünglich habe Beckenbauer den Betrag sogar aus seinem Privatvermögen übernehmen wollen, sich aber auf Anraten seines Beraters Robert Schwan dagegen entschieden. Warum damals nicht einfach eine Bank oder gar die Bundesregierung um ein Darlehen gebeten wurde, konnte Niersbach nicht aufklären.

Die FIFA schürte zusätzliche Zweifel an Niersbachs Version. "Es entspricht in keinster Weise den FIFA-Standardprozessen und Richtlinien, dass die finanzielle Unterstützung von WM-OKs an irgendwelche finanziellen Vorleistungen seitens des jeweiligen OKs oder seines Verbandes gekoppelt ist", teilte der Weltverband mit und legte kurz darauf sogar noch nach: Ein Zahlungseingang der Dreyfus-Millionen sei für 2002 "nach heutigem Kenntnisstand" nicht registriert.

In schwarzer Krawatte und dunklem Jackett hatte Niersbach sich während seiner Erklärungen gewunden, wie auch bei einigen anderen Nachfragen. Er beharrte darauf, dass mit den Dreyfus-Millionen keine WM-Stimmen gekauft worden seien: "Das Sommermärchen bleibt ein Sommermärchen!"

Der Spiegel, am vergangenen Wochenende Auslöser der WM-Affäre, hatte ein Dokument beschrieben, auf das Niersbach den handschriftlichen Vermerk "Honorar für RLD" gesetzt haben soll. Dies wollte das Oberhaupt des Deutschen Fußball-Bundes in seiner Erklärung "nicht ausschließen", ohne sich allerdings konkret daran zu erinnern.

Fragen und Antworten zur Niersbach-PK

2005 forderte Dreyfus laut Niersbach seine Millionen von den WM-Machern zurück. Zeitnah zu diesem großen Problem beantragte das OK laut Angabe des Bundesinnenministerium vom Donnerstag zunächst eine Umschichtung von sieben Millionen Euro der Bundesmittel für das Kulturprogramm in den WM-Städten zugunsten der Eröffnungsgala.

Der Anmerkung eines Journalisten, es sei dann offensichtlich die "Legende Kulturprogramm" erfunden worden, stimmte Niersbach in seinen Erklärungen "im Kern" zu.

Warum nun eine finanzielle Harakiri-Aktion notwendig wurde - ungeklärt; ebenso die Frage, ob die FIFA die Rückzahlung an Dreyfus weitergeleitet hat. Laut Spiegel: ja.

Im Sommer dieses Jahres erst habe er, versicherte Niersbach, auf "merkwürdigen Umwegen" von den Problemen mit den 6,7 Millionen Euro erfahren. Die Umstände ließ er im Dunkeln. Umgehend habe er dann mit der Untersuchung begonnen und sei "in die Akten gestiegen" - allerdings, ohne den DFB-Kontrollausschuss einzuschalten. Die mangelnde Kommunikation hatten ihm in den vergangenen Tagen die Landesverbände zum Vorwurf gemacht.

Der Verdacht, es sei entgegen Niersbachs Aussage etwas im Zuge der WM-Bewerbung oder -Planung nicht mit rechten Dingen zugegangen, bleibt. Dies, obwohl Niersbach betonte, der Posten stehe in allen Jahresberichten, das sei "totale Transparenz". Er sei allerdings "in Finanzfragen nur sehr bedingt eingebunden" gewesen. Verantwortlich für die OK-Finanzen war damals Theo Zwanziger.

Offen blieb außerdem, warum Niersbachs Vorgänger und Intimfeind inzwischen nach Aufklärung ruft, aber seinerzeit bei der "Legenden"-Überweisung geholfen haben soll. Den Eindruck einer doppelten Buchführung beim WM-OK nannte Niersbach außerdem selbst weiter "einen zentralen Punkt".

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