Guams Erfolgsgeschichte unter Gary White

"Wir sind das Bananenschalen-Team"

Mittwoch, 02.09.2015 | 22:00 Uhr
Travis Nicklaw (r.) trifft zum 2:0 für Guam gegen Indien
© Guam Football Association
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2005 verlor die Nationalmannschaft Guams noch mit 0:21 gegen Nordkorea. Zehn Jahre später führt die winzige Insel im Westpazifik ihre WM-Qualifikationsgruppe mit der Maximalpunktzahl an und schickt sich an, Geschichte zu schreiben. Vater des Erfolges ist Trainer Gary White, der den Matao in nur drei Jahren ein neues Gesicht gegeben und dafür einige Bonusmeilen gesammelt hat. Vor dem Spiel gegen den Iran am Donnerstag hat SPOX mit dem 41-jährigen Engländer gesprochen.

Bevor das WM-Qualifikationsspiel angepfiffen wird, versammeln sich die Matao erst einmal zum Inifresi, einem Haka-ähnlichen Sprechgesang. In einem engen Kreis wird der Text rezitiert. Das im Kreis versammelte Team spricht ihn nach.

"Aus tiefstem Herzen und mit all meiner Kraft gelobe ich, dass ich beschützen und verteidigen werde: den Glauben, die Kultur, die Sprache, die Luft, das Wasser und das Land der Chamorro, welche uns von Gott gegeben wurden. Das schwöre ich auf die Bibel und auf die Flagge Guams."

An diesem 16. Juni 2015 trifft Guam auf Indien, es geht um die Teilnahme an der Endrunde 2018 in Russland. Die Vorzeichen könnten nicht unterschiedlicher sein. Indien ist mit seinen über eine Milliarde Einwohnern zwar vergleichsweise noch immer ein Fußball-Entwicklungsland, wird jedoch von der FIFA schon zu den "schlafenden Riesen" gezählt. 2007 zählte der Weltverband in Indien bereits 265 Millionen Fußballer und Fußballerinnen - mittlerweile dürften es noch ein paar mehr sein.

Guam, der Marianen-Archipel im Westpazifik, 2.600 Kilometer südlich von Japan und 2.500 Kilometer östlich der Philippinen, bringt es auf rund 185.000 Einwohner. Das externe Territorium der USA bietet seinen Bewohnern 545 Quadratkilometer. Zum Vergleich: Luxemburg ist fast fünfmal so groß. Einmal zuvor war der Fußballzwerg in seiner Geschichte bereits bei der WM-Qualifikation vertreten: 2000 gab es ein 0:19 gegen den Iran, wenig später ein 0:16 gegen Tadschikistan.

Lizenz(en) zum Trainieren

Aber Indien ist nicht automatisch haushoher Favorit an diesem 16. Juni, und tatsächlich: Durch Tore von Mittelfeldmann Brandon McDonald und Verteidiger Travis Nicklaw geht Guam mit 2:0 in Führung, den Gästen gelingt vor tausenden begeisterten Zuschauern im GFA National Training Center nur noch der Anschlusstreffer in der Nachspielzeit. Guam gewinnt. Und setzt sich mit nunmehr sechs Punkten nach zwei Spielen - zuvor war gegen Turkmenistan der erste Quali-Sieg überhaupt errungen worden - an die Spitze der Gruppe D. Ausnahmezustand auf den Rängen!

An der Seitenlinie jubelt ein gewisser Gary White mit seinen Matao. 41 Jahre alt, geboren in Southampton. Er ist der Architekt des Fußballwunders in Guam.

Als SPOX Gary White ein paar Tage später erreicht, ist er gerade in Tokio. Und büffelt. "Ich bin in Japan, weil ich dort die japanische Pro-Trainerlizenz mache", verrät er. Dabei lernt er erst seit zwei Jahren japanisch. Die Lizenzen von UEFA und CONCACAF hat er schon in der Tasche, der Trainerschein des asiatischen Fußballverbandes AFC ist also der dritte des passionierten, fußballverrückten Weltenbummlers. "Ich bin erst der vierte Ausländer, der die Klasse-S-Lizenz in Japan macht. Einer der vorherigen drei war Pierre Littbarski."

"Brauche zehn Jahre Vorsprung"

2012 fängt White in Guam an. Da hat er bereits Stationen auf den British Virgin Islands, den Bahamas und bei den Seattle Sounders in der MLS hinter sich. Die eigenen Treter hat er schon mit Anfang 20 an den Nagel gehängt, auch weil er merkt: Seine eigentliche Leidenschaft ist das Coaching. "Damals habe ich die Entscheidung getroffen, dass ich zehn Jahre Vorsprung auf die großen Spieler brauche. Wenn die aufhören, kann ich sie nur überholen, wenn ich schon jetzt anfange und mir die Erfahrung hole - meine Spielerkarriere wird mich schließlich nicht ins Rampenlicht bringen", erklärt er gegenüber thesefootballtimes.com.

Also bewirbt er sich auf der ganzen Welt - und wird mit 24 Nationaltrainer der British Virgin Islands. Sein Nachfolger auf den Bahamas wird später übrigens ein gewisser Andre Villas-Boas. White weiß, was er tut: Beiden Teams verhilft er zu großen Sprüngen in der Weltrangliste.

Klein für einen Football-Spieler

Dann ist Guam an der Reihe. Über die Sounders wird der Kontakt hergestellt, finanziert wird der Deal, genau wie das hervorragende Trainingszentrum vor Ort mit Entwicklungsgeldern der FIFA. Ehre, wem auch einmal Ehre gebührt. "Der Verband hat mich verpflichtet, weil er einen Profi-Coach für seine besten Spieler haben wollte", sagt White. "Jugend und Klubs waren gesund, aber sie hatten noch nie ein Elite-Entwicklungsprogramm umgesetzt. Man wollte die Herren-Nationalelf unbedingt verbessern."

Zu diesem Zeitpunkt weiß White nicht einmal, wo Guam liegt. "Als ich 2012 ankam, sagte ich bei der Einreise stolz, dass ich der neue Head Coach des Football-Nationalteams bin. Da wurde mir gesagt, dass ich für einen ehemaligen NFL-Spieler ganz schön klein wirke", schildert er im Guardian seine ersten Eindrücke.

Dann macht er sich ans Werk - und krempelt den Verband um. Der war bis dahin eine Art Protegé Japans, die letzten drei Nationaltrainer vor White stammten allesamt vom nördlichen "Nachbarn". "Wir hatten drei Ziele, als ich angefangen habe: Wir wollten die Männer-Elf verbessern und sie wettbewerbsfähig machen. Wir wollten ein Konzept für die besten Nachwuchsspieler entwickeln, wofür wir die National Academy gegründet haben. Und wir wollten die übrigen Coaches auf dem Klublevel ausbilden und verbessern", beschreibt er seine Arbeit, die weit über reines Training hinausgeht. White ist vielmehr eine Art Entwicklungshelfer auf allen Ebenen.

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